Der glamouröse Fixstern

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Dieses Jahr findet die zwölfte Ausgabe des Zurich Film Festival statt. Ist es wirklich, wie Stadtpräsidentin Corinne Mauch sagt, zu einem «Fixstern» der Zürcher Kultur geworden? Oder doch vielmehr ein Glitzerstern geblieben, der mehr auf Glamour, Cüpli und Staraufgebot setzt als auf künstlerisch ernstzunehmendes und international bedeutendes Filmschaffen?

Gebleichte Zähne, wo man hinschaut. Doch ob das Lächeln echt ist, lässt sich bezweifeln. Feststeht, dass das Zurich Film Festival (ZFF) mit jährlichem Staraufgebot von Arnold Schwarzenegger über Emma Stone bis zu Liam Hemsworth glänzt. Dieses Jahr bereits zum zwölften Mal. Auch 2016 sind Hollywood-Grössen wie Daniel Radcliffe oder Hugh Grant angekündigt – und mal ehrlich: Wer möchte unser aller Harry Potter oder dem charmanten Junggesellen aus Notting Hill nicht mal live begegnen? Von 2005 bis 2015 haben sich die Besucherinnen- und Besucherzahlen des ZFF denn auch von 8’000 auf 85’000 mehr als verzehnfacht. Das ist durchaus beeindruckend. Zürichs Stadtpräsidentin Corinne Mauch sieht jedoch mehr im stadteigenen Filmfestival als Glitzer und Glamour. Sie nennt das ZFF einen «Fixstern im Zürcher Kulturleben». Steckt also doch mehr hinter dem Festival, als der strahlende Auftritt vermuten lässt?

Keine Eindimensionalität

2016 zeigt das ZFF mit 176 Filmen noch mehr als im Vorjahr. Einerseits konkurrenzieren internationale Spiel- und Dokumentarfilme sowie Filme mit dem Fokus Schweiz, Deutschland, Österreich im Wettbewerb. Die besten Filme dieser Kategorien bekommen an der Award Night eine mit 25’000 beziehungsweise 20’000 Franken dotierte Auszeichnung verliehen. Andererseits gibt es die Gala Premieren, die oft von bekannten Filmstars vorgestellt werden, wie beispielsweise dem als Obi-Wan Kenobi bekannten Ewan McGregor, der seinen Film «American Pastoral» präsentiert. Weiter thematisiert das ZFF-Programm mexikanisches Filmschaffen, Produktionen mit dem Fokus auf Grenzsituationen und Konflikte und eine filmische Auswahl von Partnerfestivals in Hongkong und San Sebastián. In Zeiten der zunehmenden Bedeutung von Serien zeigt die Reihe «TVision» innovative TV-Formate aus aller Welt. Tickets für diese Vorstellungen sind kostenlos. Ebenfalls neu sind die Zürcher Filme, die auf dem «Pavillon of Reflections» präsentiert werden, der von der eben zu Ende gegangenen Kunstbiennale Manifesta übernommen wird. Auch hier ist der Eintritt gratis. Ein eindimensionales Festival und eines, das nur auf Ruhm aus ist, sieht anders aus. Die 17 Weltpremieren am diesjährigen ZFF zeigen zudem, dass auch die internationale Filmbranche beginnt, das Festival ernst zu nehmen.

Eine einmalige Sache scheint jedoch die letztjährige Reihe «Nouvelle Vague au féminin» gewesen zu sein, welche Werke junger Regisseurinnen präsentierte. Bei einem immer noch sehr ungleichen Geschlechterverhältnis von drei Mal weniger Frauen als Männern in der Filmbranche, wäre die Institutionalisierung einer solchen Sektion doch gerechtfertigt gewesen. Karl Spoerri, Co-Leiter des Festivals, meinte jedoch, dass dafür im Wettbewerb besonders viele starke Frauen vor und hinter der Kamera vertreten seien. Ob deren Leistungen honoriert werden, wird sich an der Award Night zeigen. Letztes Jahr waren zwei der drei Gewinnerinnen und -gewinner der Wettbewerbe Frauen; mit Special Awards, von denen einer zum Beispiel das Lebenswerk von Filmschaffenden ehren, werden jedoch dieses Jahr genauso wie schon letztes Jahr nur Männer ausgezeichnet.

Das NZZ-Festival

Damit ein Festival ein Fixstern sein kann, braucht es auch eine gewisse Reichweite und eine gefestigte Basis. Die stark angestiegene Besucherinnen- und Besucherzahl lässt darauf schliessen, dass das ZFF auf Erfolgskurs ist. Festival-Co-Leiterin Nadja Schildknecht bezeichnet dies als ein «gesundes Wachstum». Auch wenn dieser Begriff so vage wie inhaltslos ist, sprechen die Zahlen für sich: Jedes Jahr steigen die Anzahl Filme, die Anzahl akkreditierter Presse- und Filmindustrie-Schaffender und auch das Budget. Zudem gehören seit diesem Jahr neu 52 Prozent der Träger-AG des Zurich Film Festival der NZZ-Gruppe, und auch die Verwaltungsratspräsidentin ist mit Monica Dell’Anna neu aus dem Hause NZZ. Veit Dengler, CEO der Neuen Zürcher Zeitung, ist überzeugt, dass ein Filmfestival wie das ZFF perfekt zur NZZ-Gruppe passe, da es – genauso wie seine Zeitung – wertvolle Inhalte vermittle. Trotz Veränderungen im Verwaltungsrat bleibt die Festivalleitung bei Nadja Schildknecht und Karl Spoerri, viel sollte sich daher für das Publikum nicht ändern; ausser möglicherweise die Unabhängigkeit der Festivalberichterstattung durch die NZZ, obwohl dies selbstverständlich klar dementiert wird.

Vom 22. September bis 2. Oktober 2016 präsentiert das ZFF also ein diversifiziertes Festivalprogramm, das sich dieses Jahr breiten, aber auch komplexen Themen verschrieben hat: Familie, Globalisierung, Religion, Flucht, Identität und Liebe. Genauso gibt es auch die Cüpli-Anlässe mit Stars und Sternchen. Das Stadtzürcher Filmfestival scheint die Balance gefunden zu haben.

12. Zurich Film Festival, 22. September bis 2. Oktober, div. Spielorte. Weitere Infos auf: www.zff.com

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