Keine sehr steile Karriereleiter: Eingang beim Toni-Areal (Bild: Lia Pescatore).

Der Jazz zwischen Genie und Realität

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Seit rund 20 Jahren kann man Jazz studieren. Das stösst auf Kritik – Jazz werde zu etwas Elitärem, so die Befürchtung.

Seit es die Jazz-Hochschulen gibt, müssen sie mit Kritik kämpfen. Lange gibt es sie noch nicht. Anders als Klassik kann man Jazz nämlich erst seit der Jahrtausendwende studieren. Das hat auch damit zu tun, dass die beiden Musikrichtungen aus völlig unterschiedlichen Umfeldern stammen. Nur schon das Wort «Klassik», das im Lateinischen «mustergültig, zum ersten Rang gehörend» bedeutet, zeigt, welche Stellung diese Musikrichtung in der Gesellschaft einnimmt. Ganz woanders sieht man den Ursprung des Jazz. Und zwar in den Gassen von New Orleans und New York, geboren als Musik der einfachen Leute. Und genau diese Herkunft würde durch die Akademisierung des Jazz verloren gehen, so die Befürchtung des  puristischen Publikums.

Ueli Bernays, Musikkritiker der «NZZ», sieht das Problem vielmehr in der Romantisierung der Ursprünge als bei der Akademisierung. «Man hat das Gefühl, es seien dazumal alles so originelle Musiker gewesen, die alle ihren eigenen Sound gehabt hätten», sagt er. Das sei aber nicht der Fall.

Die Gefahr, die von einer Akademisierung hingegen ausgehe, sei, dass durch das Studium alle immer ähnlicher klingen würden. «Doch schlussendlich vermag eine Schule einen guten Musiker nicht zu zerstören», hält Bernays fest.

Der Dozent als Zuhörer

Diese Meinung teilt auch Chris Wiesendanger, Jazzpianist, der den Schulalltag selbst als Dozent in Zürich und Luzern mitprägt. «Den Schulen wird in solchen Diskussionen oft ein viel zu grosser Stellenwert zugeschrieben», sagt er.

Eine Schule könne technisches und historisches Wissen vermitteln. Jedoch könne sie nicht aus allen Studierenden gute Musiker machen. «Ich sehe mich selber als Dozent vor allem als Zuhörer», erklärt Wiesendanger. Er könne nicht mehr, als die Studierenden durch Inputs an seinen Erfahrungen teilhaben lassen. «Schlussendlich ist die Musik ein innerer Prozess, ja ein Lebensweg», sagt er. Diesen müssten Studierende selber gehen, und das dauere auch länger als die fünf Jahre Studium. «Nur weil du gewisse Module besuchst, garantiert dir das nicht, dass du dadurch ein guter Musiker wirst», sagt Wiesendanger. So sei es auch problematisch, wenn das wissenschaftliche Denken in das Musikstudium einfliesse. «Musik ist Kunst, die funktioniert einfach anders.»

Ein Teufelskreis

Die hauptsächliche Aufgabe der Schule sei es, die Studierenden auf die Realität vorzubereiten. Und diese habe sich in den letzten zwanzig Jahren stark verändert, stellt Wiesendanger fest. So sei es heute schwer, ohne Diplom eine Stelle als Lehrer zu finden.  «Ohne Diplom wirst du erst gar nicht ans Vorstellungsgespräch eingeladen», so Wiesendanger. «Ich selbst habe keine pädagogische Ausbildung genossen und würde heute wohl nicht mehr berücksichtigt werden», sagt er.

Jazzschulen gab es zu seiner Zeit nur vereinzelt und für viele Jazzmusikerinnen und Jazzmusiker führte der Weg an ihnen vorbei. Das sei auch häufig der Grund, warum Jazzmusiker und Jazzmusikerinnen früherer Generationen die Schulen kritisieren – weil sie diese selber nicht durchlaufen haben. Die Anforderungen auf dem Stellenmarkt nehmen weiter zu, da auch immer mehr diplomierte Musikerinnen und Musiker auf dem Markt sind – ein Teufelskreis also.

Auch Ueli Bernays sieht ein Problem in der gestiegenen Anzahl an Jazzhochschulen in der Schweiz. «Als die ersten Jazzhochschulen gebaut wurden, hatte irgendwann jeder Kanton das Gefühl, er brauche jetzt auch eine solche», sagt er. Dies zu kritisieren sei aber ein Politikum. «Denn der Musikunterricht hat in der Schweiz einen sehr hohen Stellenwert», so Bernays.

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