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Der Wolf im Strampler

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Charles Lewinskys neuer Roman «Andersen» beginnt im Dunkeln und endet auch dort. Die 384 Seiten dazwischen widmen sich menschlicher Finsternis – dem Bösen in Gestalt eines niedlichen Jungen.

Als der Protagonist zu Beginn des Buches zu sich kommt, rätselt er über die ihn umfassende «warme Dunkelheit» und seine «Empfindungslosigkeit». Er erinnert sich an endlos lange Verhöre und seine eigene Effizienz, Gefangene zum Sprechen zu bewegen. Seine Erinnerungen reissen an jenem Tag ab, als der Krieg sich langsam zu Ende neigt und er beschliesst, seine dunkle Vergangenheit zu vertuschen und fortan unter einer neuen Identität zu leben. Mit dem Namen «Damian Andersen» möchte er vorerst untertauchen und sich dann eine neue Existenz schaffen. Nach und nach wird Andersen, der später Jonas heissen wird, aber klar, dass er sich hier nicht in einer Gefängniszelle der Alliierten befindet, sondern im Uterus einer Frau. In einem neuen Körper wird er wiedergeboren, sein Gedächtnis allerdings scheint dem «Reisswolf für Erinnerungen» entgangen zu sein. Er wächst als Jonas in einer behüteten Familie auf und bemüht sich, ein unauffälliges Kind zu sein. In aller Heimlichkeit beginnt er, seinem zweiten Leben als Damian Andersen nachzuspüren.

Lewinskys Idee der gescheiterten Tabula rasa ist bestechend gut. Durch die ungewöhnliche Konstruktion des Plots lässt er die Lesenden an den Gedanken eines Embryos im Mutterleib teilhaben. Mit messerscharfem Blick und erschreckender Ehrlichkeit analysiert der kleine Jonas, alias Andersen, auch nach seiner Geburt die Gesellschaft. Nicht selten gelingen dem Autor auch wirklich komische Sequenzen.

Trotz dieser Stärken vermag «Andersen» nicht zu überzeugen. Andersen ist nicht nur der Böse, sondern das Böse selbst. Dies wird deutlich durch die zahlreichen Schilderungen seiner grausamen Verhörmethoden unter dem NS-Regime und durch die Distanz und Kälte, mit der er seine vergangenen Gräueltaten analysiert. Andersen wurde nicht durch eine unmenschliche Ideologie getrieben, sondern durch seinen ungeheuren Opportunismus. Er zitiert gerne Epiktet und hat ein Faible für Mozart, er erscheint nicht als primitives Monster, sondern als perfider Perfektionist, immer geleitet von kaltem Kalkül. Diese Illustration des Bösen führt Lewinsky seiner Leserschaft wiederholt vor Augen, allerdings ohne Nuancierungen oder neue Erkenntnisse. Das philosophische Potential des Bösen verpufft in schalen Wiederholungen. Erst auf den letzten Seiten nimmt die Handlung erneut Fahrt auf.

Auch sprachlich vermag «Andersen» leider keinerlei ästhetischen Sog aufzubauen. Als Werkzeug zur Schilderung der Geschehnisse beherrscht Lewinsky die Sprache anstandslos, Virtuosität  und Experimentierfreude lassen sich allerdings vermissen. «Die Wahrheit ist anstrengend», sagt Andersen an einer Stelle. Leider gilt das auch für die Lektüre des Romans selbst.

Trotz brillanter Ideen ist «Andersen» kein Buch, das einem lange in Erinnerung zu bleiben verspricht. Während der Protagonist gegen Ende ins Dunkel zurückkehrt, droht das Buch in den Tiefen eines Regals zu verschwinden.

Charles Lewinsky: Andersen. Roman. Nagel & Kimche, Zürich 2016. 400 Seiten.

Buchpremiere am 14. April im Literaturhaus Zürich, moderiert von alt Bundesrat Moritz Leuenberger.

 

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