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Dichtkunst, Daktylen und Dreck

in Campus von

Eine überschaubare Anzahl Menschen liest heute noch frewillig Gedichte. Vielleicht ist die Anzahl derer, die hobbymässig Stöchiometrie betreiben, schon um ein Erkleckliches grösser. Es ist deshalb an der Zeit, Lyrik wieder an den Mann und an die Frau zu bringen! Umso schöner, wenn man sich dazu keinen Zwang antun muss und aufrichtig positiv über «worthülsen luftlettern dreck»  von Anja Nora Schulthess berichten kann.

Kunst sollte schon an der Oberfläche interessieren, sollte unmittelbar einen Reiz ausüben, der dann einlädt zu weitergehender Betrachtung. Das langsame Sich-Heranquälen, bis endlich und halb widerwillig ein Werk etwas preisgibt – ich mag es nicht. Im Fall von «worthülsen luftlettern dreck» ist schon beim ersten Kontakt eine Anziehung spürbar. Die Augen gehen unweigerlich weiter, springen und stürzen von Zeile zu Zeile. Zu verdanken ist das den Enjambements (Zeilensprüngen), die kurz, fast kliffartig von Schulthess komponiert wurden; zu verdanken ist es auch dem Rhythmus, dem rasenden, ruhelosen, der die Gedichte vorwärtsträgt. Erst im letzten Teil kommen (man kennt sie aus dem Lateinunterricht) altehrwürdige Daktylen zum Zug. Schulthess beherrscht das Spiel mit den Rhythmen. Sie scheint ein instinktives Gespür dafür zu haben und schafft es zuverlässig, ihre Leserinnen und Leser damit mitzureissen.

Schulthess’ Gedichte sind stark von der gesprochenen Sprache geprägt. Sie sind auch und gerade darauf ausgelegt, vorgelesen zu werden. Es ist daher kein Zufall, dass sie im Rahmen einer Leseperformance aufgeführt werden. Neben der Lesestimme (von Anja Schulthess selbst übernommen) mischt mit zusätzlichen Rhythmen ein Schlagzeuger mit. Eine interessante Kombination! Eine zusätzliche Stimme und mehr als am Rande erwähnenswert ist auch Pascal Steiner, der für die Illustration des Bandes verantwortlich ist. Einzelne Stempelbilder hat er zu abstrakten und ausdrucksstarken Mosaiken zusammengefügt.

Ein paar Worte sollen noch zum Inhalt verloren werden. Manches bleibt beim ersten Lesen Leerstelle. Es ist, das soll hier nicht verschwiegen werden, eine anspruchsvolle Lektüre. Sich das Büchlein im Zug oder (frevelhafter noch) in einer Bar anzueignen, gelingt nicht. Es wäre aber auch kein gutes Zeichen gewesen; Anjas Gedichte sind mehr als fastfoodartige Nebenkost. Sie regen immer wieder zu neuem, vertieftem Lesen an. Man lässt sie liegen und wird zurückgerufen. Nun liegt es in der Natur von Gedichten, dass sie nicht festzumachen sind, dass sie semantisch letztlich unauslotbar bleiben. Diese Problematik, die ja nicht nur das Gedicht betrifft, sondern überhaupt die Sprache an sich, hat Schulthess beschäftigt. Das Scheitern des Ausdrucks, die Kluft zwischen den Sprechenden, das Schreien, das Schreien und Nicht-Gehört-Werden. Und immer wieder der Absturz ins Nichts, ins Nichts, das zwischen uns ist. Es sind grosse, verstörende Themen, und dementsprechend werden sie behandelt. Der Schreibstil ist direkt, keine geschönte, keine gekünstelte Sprache, alles zielt stracks auf die Sache hin. Nach einem Wohlfühlgedicht, mit dem man sich in schweren Zeiten aufmuntern könnte, sucht man vergeblich. Es sind auf kunstvolle Weise irritierende Gedichte. Sie mögen in letzter Konsequenz scheitern, mögen scheitern wenn sie vom Scheitern sprechen. Aber sie sprechen doch und sie berühren – über das Nichts hinweg.  [tob]

Anja Nora Schulthess : worthülsen luftlettern dreck. Amsler Verlag 2017

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