Die unabhängige Zeitung für Uni und ETH

Die Sammlung des Dr. Ikkaku Ochi

in Campus von

In Japan fand ein Kunsthändler eine Kiste mit alten Medizinfotografien. Das Buch, worin diese später erschienen sind, gibt Anlass, über das Leid und über Fotografie nachzudenken.

Ich halte ein Buch in den Händen, dessen Inhalt einen sehr weiten Weg zurückgelegt hat. Sogar den Atombombenangriff auf Hiroshima sollen die Fotografien überlebt haben. Die Geschichte des Buches beginnt vor einigen Jahren, als der Kunstsammler Akimitsu Naruyama in das Zwielicht eines halb unterirdischen Büros steigt. Ein Händler reicht ihm eine alte Holzkiste mit Fotografien. Die Fotografien zeigen Menschen jeden Alters und Geschlechts, die von Krankheit gezeichnet sind. Aufgeschwollene Beine, Geschwüre, Tumore und Missbildungen, die man in dieser Form heute nicht mehr sieht, weil die moderne Medizin sie verhindert. Die Fotografien wurden Ende des 19. Jahrhunderts zu medizinischen Zwecken gemacht, um Aufschluss über die Krankheiten zu gewinnen. Später wurde die Sammlung von Naruyama zu einem Buch zusammengefasst, welches 2003 erschien. Benannt wurde es nach dem vorherigen Besitzer Ikkaku Ochi. Dieser war  erst Militärarzt und eröffnete später eine Praxis in Hiroshima.  Wie er in den Besitz der Fotografien kam, ist nicht bekannt.

Der zweite Blick

Beim ersten Aufschlagen des Buches war ich schockiert und abgestossen von den Bildern dieser Krankheiten. Doch wie s oft siegte die Neugierde, und ich blätterte weiter durch den Bildband. Nach dem anfänglichen Schock sind die Fotografien Anlass, über das Leid und das Medium der Fotografie nachzudenken. Der zweite, eingehendere Blick geht über den ersten hinaus und trifft auf den Menschen. Er trifft auf Menschen, die gezwungen waren, mit ihrem Leid zu leben. Nur über wenige dieser Fälle sind einige schriftliche Notizen aus alten Medizinzeitschriften erhalten. Über die anderen Schicksale kann man nur mutmassen. Der einzige Anhaltspunkt für diese Spekulationen bleiben die erhaltenen Fotografien.

Das eine Bild

Ein Bild zog mich besonders in seinen Bann. Es zeigt einen Mann, der sein Gesicht leicht von der Kamera abgewendet hat, die Züge sind schmerzverzogen. Normalerweise blickt man in die Kamera, wenn man portraitiert wird. Was dieser Mann aber der Kamera zuwendet, ist das riesige Loch in seiner Wange. Folgte er dabei einer Anweisung des Fotografen? Der Betrachter ist gezwungen, direkt in die Wunde zu blicken. Diese erscheint auf dem Papier bloss als dunkle Fläche, deren Tiefe nicht auszumessen ist, und so verliert sich der Blick in dieser Tiefe, und die Leerstelle klafft umso deutlicher. Wer ist dieser Mann? Ich versuche die Szene zu beleben. Wie mag sie sich abgespielt haben? Der Fotograf gab vielleicht einige kurze Anweisungen auf Japanisch: «Etwas mehr nach rechts drehen. Stillhalten. Fertig, Sie dürfen jetzt aufstehen.» Roland Barthes bemerkte in seinem berühmten Essay über die Fotografie «Die helle Kammer» über das Bild eines zum Tode Verurteilten: «Drei Zeiten verdrehen mir den Kopf.» Ebenso verhält es sich auch bei dieser Fotografie. Der Mann auf der Fotografie lebt. Er wird sterben müssen, und er muss jetzt schon lange tot sein. Vielleicht ist er schon kurz nach dieser Aufnahme gestorben oder aber er hat noch lange mit dieser Wunde in seiner Wange weitergelebt. Doch welche Rolle spielt das jetzt, wo er mit Sicherheit tot ist? Wieso bekümmert mich das Leid eines Toten? Ich versuche die zeitliche Distanz mit Vorstellungskraft zu überwinden, aber je länger ich die Fotografie betrachte, desto weiter rückt sie in die Ferne, löst sich auf.

Die Wunde

Wieso rückt die Szene in dieser Fotografie wie eine Fata Morgana umso weiter weg, je näher ich sie betrachte? Einerseits liegt es daran, dass es nicht die originalen Fotografien sind, sondern gedruckte Scans dieser Originale. Es ist die Fotografie einer Fotografie. Damit ist die Szene in eine doppelte Ferne gerückt. Doch es gibt einen weiteren Grund, dem ich auf die Spur komme, als ich bemerke, dass das Loch perfekt in der Bildmitte sitzt. Wie ein Revolverschuss durch eine Spielkarte. Bei längerem Betrachten springt das Loch plötzlich von der Wange auf die Oberfläche der Fotografie. Die Textur der Haut wird zu zerrissenem Papier, die Wunde löst sich vom Gesicht, das Gesicht ist auf einmal unversehrt. Es ist nur ein Loch in der Fotografie. Im nächsten Augenblick springt es wieder zurück auf das Gesicht. Die Fotografie wird zum Kippbild, in dem sowohl ein kranker als auch ein gesunder Mann enthalten sind und in dieser Spannung wirkt das Bild auf den Betrachter. Es ist eine Wunde, über die der Betrachtende sich keine Klarheit verschaffen kann, weil sie eine flackernde und flimmernde Existenz hat. ◊

The Dr. Ikkaku Ochi Collection. Scalo Verlag, 2003. www.gallery-naruyama.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Neuestes von Campus

Placeholder

Rousseau in Zürich

Der Verfassungsstaat steckt in einer tiefen Krise. Die «Rousseau Lectures» wollen Ursachen
Gehe nach Oben