Kugel schiessen und warten auf der Josefwiese (Bild: Ennio Leanza)

Die Welt dreht sich um eine kleine Kugel

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Der Pétanque Club Zürich ist eine Institution – und das bereits seit 50 Jahren. Ein Samstagnachmittag auf der Josefwiese.

Die Pétanquebegeisterten findet man auf der Josefwiese neben Volleyballfeld und Tischtennistischen. Agil heben sie Metallkugeln in die Höhe und werfen sie mit einer knickenden Handbewegung ab. Auf der Jagd nach dem Cochonnet, dem Schweinchen, wie die kleine Zielkugel liebevoll genannt wird.

Mehr als ein Hobby

Genau darum geht beim Pétanque: Analog zum italienischen Boccia versuchen die Spielerinnen und Spieler, ihre eigenen Kugeln möglichst nahe am Cochonnet zu platzieren. Gespielt wird im Zweierteam, einer sogenannten Doublette. Die Teams spielen jeweils eine Kugel und dann ist bereits eines von ihnen im Vorteil. Denn wer seine Kugel am nächsten beim Ziel platziert, kann gemütlich am Rand stehen und zuschauen, wie die gegnerische Mannschaft sich um eine bessere Platzierung bemüht. Dabei wird geraucht und getrunken – natürlich Pastis. Um drei Uhr am Nachmittag.

Was an einen Familientag in Südfrankreich erinnert, wird hier ganz ernst als Sport betrieben. Zu Recht. Neben einem Regelwerk mit unzähligen Paragraphen gibt es Verbandsmeisterschaften und nationale Ligen. Die Clubpräsidentin Sandra Rüegger erklärt den Unterschied von Freizeit- und Wettkampfsport: «Pétanque spielen kann man überall. Clubmitglied wird man meistens mit dem Gedanken, an Meisterschaften und Ligaspielen teilzunehmen oder die anderen Aktiven dabei zu unterstützen.» So hat von den 150 Mitgliedern ein Drittel auch eine Lizenz, mit der dann oberhalb der Verbandsliga gespielt werden kann. Die Wettkämpfe sähen ein wenig anders aus als die Plauschturniere, erzählt Rüegger. So sei etwa während einem Wettkampfspiel rauchen und trinken verboten.

Eine kleine Kugel weckt den Ehrgeiz

Von diesem heiligen Ernst ist beim offenen Turnier an der Jubiläumsfeier des Pétanque Clubs kaum etwas zu spüren. Trotz Nieselregen und herbstlichen Temperaturen finden sich 64 Kugelbegeisterte auf der Josefwiese ein. Und doch, sobald die erste Kugel auf das Cochonnet zuhält, ist der Ehrgeiz auch bei den Laien geweckt.

Neben dem Spielfeld wird über Taktiken und Wurftechniken gestritten. Und die Spannung packt das Publikum. Während sich beim Fussball der Spielstand manchmal über quälende Ewigkeiten hält, verändert sich die Lage beim Pétanque im Minutentakt. Auch wenn das Ziel von den Kugeln des Gegners umzingelt ist – ein präziser Kugelschuss kann das Cochonnet an einen anderen Ort befördern. Das sei gerade das Aufregende am Spiel, erzählt eine Teilnehmerin. Das Ziel könne sich jederzeit verändern. Punkte zählt man erst zum Schluss.

Die Clubpräsidentin: Sandra Rüegger.

Faszination für Kugelspiel

Typische Pétanquespielende, zumeist männlich, haben Freude am Wettkampf und seien durchaus ehrgeizig, bestätigt Clubpräsidentin Rüegger. Man möchte seine Kugeln schon optimal bringen. Doch was Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich als Sport der Unterschicht begann, ist heutzutage ein Breitensport geworden. Den Pétanquespielenden gebe es nicht. «Es ist eher jemand, der ein bisschen das Bescheidene, Einfache gern hat. Der sich nicht stört, staubig zu werden», gibt Rüegger zu. Es sei sonst aber vielleicht sogar die Sportart, in der die grösste Durchmischung überhaupt herrscht, überlegt Rüegger und lacht. Auf dem Platz träfen sich Freunde, aber auch Menschen, die sich sonst nichts zu sagen hätten.

Schlüssel nicht zurückgegeben

Pétanque bringt die Menschen zusammen. Dazu trägt nicht nur die lockere Atmosphäre auf dem Platz bei. Seit einigen Jahren gibt es auch ein offizielles Clubhaus. Die damaligen Garderoben der Schule Kornhaus wurden Mitte der 80er-Jahre nicht mehr genutzt und so besorgte sich ein Aktiver kurzerhand für eine Wettkampfveranstaltung vom Abwart den Schlüssel. Diesen brachte er nicht mehr zurück. Bald schon stand ein Kühlschrank zwischen den Kleiderhaken, und es wurden Harassen vom Getränkehändler gegenüber bestellt. Das Gewohnheitsrecht wurde gewährt, niemand fragte nach der Miete.

Bis 2013 die Garderoben nach einer Ideenskizze in ein funktionelles Vereinsheim umgestaltet wurden. Alles habe sehr klein angefangen. «Die Infrastruktur ist gewachsen mit der Anzahl Mitglieder», erzählt Präsidentin Rüegger. Kaum zu glauben, dass es noch keinen Fanclub gibt. «Dafür müsste der Pétanquesport in der Deutschschweiz viel populärer werden», meint Rüegger. Auf der Website des Clubs werden Kugeln zum Verleih angeboten. Na, wenn das keine Aufforderung ist.

Beim offenen Turnier auf der Jubiläumsfeier sind die Ranglistenplätze inzwischen ausgezählt. Die Ersten erhalten das goldene Cochonnet. Doch es wäre nicht der Pétanque Club, würde nicht auch der letzte Platz prämiert.

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