Der «Kampf gegen den Faschismus an den Zürcher Hochschulen» war auch einer gegen den «Zürcher Student». (Bild: Schweizerisches Sozialarchiv)

Die Zürcher Faschisten

in 95 Jahre ZS/Campus/Thema von

In den Dreissigern sassen in der Redaktion des «Zürcher Student» Faschisten. Die Aufarbeitung einer dunklen Vergangenheit.

«Erst wenn wir es fertig gebracht haben, unser Land von all diesen ausländischen Parasiten zu reinigen, sind wir wieder würdig, ein freies Land zu heissen.» Rassistische Parolen, nationalsozialistische Propaganda. In den Dreissigern in der ZS. Der «Zürcher Student», der Vorgänger der «Zürcher Studierendenzeitung», war nationalistisch geprägt, ein Teil der damaligen Redaktoren war von faschistischen Ideen inspiriert, die Inhalte der Texte wiesen Gemeinsamkeiten mit dem Gedankengut des Dritten Reiches auf. Stolz darauf ist man gegenwärtig nicht, gerne würde man es unter den Teppich kehren können. Trotzdem gehört es nun mal zur Geschichte der ZS. Nur durch die Auseinandersetzung damit kann man sich heute klar davon distanzieren.

Braune Spuren

Der «Zürcher Student» spielte insbesondere eine Rolle für die beiden wichtigsten Kräfte in der Schweizer Frontenbewegung, die sich im Schatten des Nationalsozialismus im Deutschen Reich und des Faschismus in Italien entwickelt hatten. In den frühen 1930er-Jahren blühen in den Nachbarländern faschistische Ideen auf, und ihre Verfechter  kommen innert kürzester Zeit an die Macht. Auch in der Schweiz werden Stimmen laut, die eine «nationale Erneuerung» anstreben. Von diesen Zeitströmungen beeinflusst und von der völkischen Weltanschauung begeistert, beginnen sich auch Studierende an der Universität Zürich in zwei frontistischen Hochschulgruppen zu organisieren. Deren Begründer, Robert Tobler und Hans Vonwyl, hinterliessen auch Spuren beim «Zürcher Student». Braune Spuren.

Frontistischer ZS

Hans Vonwyl gründete 1930 die frontistische Bewegung «Nationale Front», Robert Tobler rief im selben Jahr die nicht minder einflussreiche faschistische «Neue Front» ins Leben. Zu dieser Zeit war Vonwyl bereits seit einem Jahr verantwortlicher «Schriftleiter» beim «Zürcher Student», Robert Tobler löste ihn 1931 ab. Pikant: Der Grosse Studentenrat berief damals die Redaktoren des «Zürcher Student». Deshalb ist anzunehmen, dass auch im Studentenrat viele Sympathisanten der Frontenbewegung sassen, die Toblers und Vonwyls Ansichten teilten. Die frontistischen Redaktoren prägten die politische Haltung der Zeitung für den Zeitraum, in dem sie Artikel schrieben und überarbeiteten, sie beeinflussten massgeblich die Auswahl der Texte und instrumentalisierten die Zeitung für ihre Zwecke.

Die Frontisten prägten den «Zürcher Student» mehrere Jahre.

Unter ihrer Feder entstanden viele Texte zu politischen Themen, sie liessen ihre politische Haltung und Ansichten in ihre Redaktion und Texte einfliessen. Andere spätere Frontisten wie Werner Niederer oder Eduard Rüegsegger gehörten zu ihrem treuen Stamm von Gesinnungsgenossen und Schreiberlingen. Doch Vonwyl und Tobler ermöglichten erst die Veröffentlichung der Texte. Doch nicht nur das, sie zensurierten auch kritische Stimmen. Und wenn sie solche trotzdem ausnahmsweise zuliessen, zerrissen sie sie mithilfe von Begleitkommentaren.

Insbesondere unter Toblers Leitung eroberte die Bewegung «Neue Front» eine Schlüsselposition im «Zürcher Student». Sie drückte der Zeitung ihren Stempel auf. Eine bessere Gelegenheit, die akademische Jugend anzusprechen, bot sich nämlich kaum. Die Bewegung fand durch die Redaktionsleitung Toblers einen kostenlosen Weg, Aufsätze ihrer Anhänger zu veröffentlichen.

Die Kriegserklärung

Mit einer «Kriegserklärung an die grosse Mehrheit», seinem ersten Leitartikel, griff Hans Vonwyl die Studierenden bereits massiv an und warf ihnen Gleichgültigkeit und Passivität vor. Vonwyl wollte die Studierenden aufrütteln: «Ich, der neue Redaktor, erkläre sämtlichen Hundertschaften der Schlafmützen, der Gleichgültigen, der Zuvornehmen, der Pessimisten, der Besserwisser und Besserkönner den Krieg! Bekehrung oder Kampf bis aufs Messer!» Es fehlten, so Vonwyl, das Engagement, die Verbundenheit und Kameradschaft untereinander. Die Sprache des «Zürcher Student» wird sich in den nächsten Ausgaben verschärfen, sie wird hitziger und salopper. Gemeinschaft ist ein wiederkehrendes Thema.

Später folgten Attacken gegen Ausländer, Juden, politische Parteien von den Kommunisten bis zum Freisinn und Lobgesänge auf faschistisches
Gedankengut.

Kämpfen für die Einheit

Fanatisch schrieb ein Verfasser namens E.R. in der Juni-Ausgabe von 1930: «Das aber ist es gerade, was wir Jungen wollen: Kämpfen um eine starke Einheit, eine Lebens- und Schicksalsgemeinschaft aller Gesunden und Starken». Für Schwache sei kein Platz mehr auf dieser Welt. Diese sozialdarwinistische Einteilung der Gesellschaft in Starke und Schwache war eindeutig von der Rassenkampf-Ideologie der Nachbarländer Italien und Deutschland abgekupfert.

«Neues Führertum»

Allgemein findet sich in den Texten der frontistischen Verfasser eine grosse Abneigung gegen Ausländer, insbesondere gegen die «Überfremdung» der Universität durch ausländische Dozenten. Sie wurden mit «Schädlingen» gleichgesetzt. Ihre Absetzung wurde gefordert.

Die Demokratie sei ein Krieg aller gegen alle, hiess es im ZS.

Ganz dem Theoriebuch des Faschismus entsprechend wurde das Führerprinzip propagiert. Zum Beispiel im Dezember-Heft 1930: Die Ideale der französischen Revolution leben zu wollen, sei ein Zeichen der Gestrigkeit, «viel näher bei der wirklichen Freiheit» dagegen seien das «opferfreudige Dienen an einer Idee oder für einen Führer». Der Verfasser schrieb auch, wer massgebliches Vorbild sein sollte: «Auf welche Art das in heutiger Zeit zu geschehen hat, dazu weist uns Mussolini den Weg». Unter Tobler erschien im Juni 1931 eine Sondernummer. Stellvertretend für die gesamte Redaktion bekannte sich Hans Schweizer zu der «stark vom Nationalen her getragenen neuen geistigen Haltung, dieser neuen Front der Jungen». Im Artikel «Führung und Gemeinschaft» wurde hervorgehoben, die demokratische Ordnung führe zum Krieg aller gegen alle und nur ein «neues Führertum» würde die Nation nach dem Modell des italienischen Faschismus wieder einen.

Keine Demokratie für alle

Überhaupt wird Demokratie in Frage gestellt oder abgelehnt. Anfang 1932 fragte sich Ernst Wolfer, ob dieses politische System noch zeitgemäss, das Stimmrecht noch gerechtfertigt sei. Wolfer behauptete, die meisten stimmberechtigten Bürger seien «intellektuell unter dem Durchschnitt begabt», die Gefahr bestehe, dass der Bürger aus einer Laune heraus oder aus Sympathie zu einer politischen Gruppierung ein irrationales Urteil fälle. Die Vorlagen der Abstimmungen seien für einen Grossteil zu kompliziert. Deshalb war für Wolfer die Demokratie in ihrer damaligen Form nicht mehr tragbar, das Stimmrecht müsse um ihrer Rettung willen beschränkt werden. Nur dem «Würdigen» soll das Stimmrecht zuerkannt werden: Zum Beispiel könne man es von der Absolvierung des Militärdienstes oder von einer staatsbürgerlichen Erziehung abhängig machen. Der «Zürcher Student» stand ein für die individuelle Beschränkung der Volksrechte, während ein starker Führer mit möglichst grossen Kompetenzen ausgestattet werden solle. Irrational und ideologisch fehlgeleitet machte die Zeitung sich für eine Entwicklung stark, die in den Nachbarländern zu fatalen Folgen führte.

Die Kehrtwende

Lange erregte Toblers Leitung des «Zürcher Student» anscheinend weitaus mehr Beifall, stillschweigende Billigung oder Duldung als Widerstand. Zwar organisierte sich 1933 ein Gegenpol in der Zürcher Studentenschaft, der «Kampfbund gegen geistigen Terror», in dem sich Studierende aus allen politischen Richtungen vereinten. Viel gegen Tobler auszurichten vermochten sie aber nicht. Im selben Jahr schlossen sich nämlich die «Neue Front» und die «Nationale Front» zusammen, Tobler wurde der Führer der Zürcher Sektion und später sogar – als einziger Frontist – in den Nationalrat gewählt. Sein politisches Engagement forderte seine gesamten Kräfte und führte dazu, dass er sein Amt als Redaktor beim «Zürcher Student» 1933 abgab. Sein Nachfolger Max Eisenring erwies sich als Glücksfall, denn in seinen Händen wird die Zeitung neutraler ausgerichtet. Sie vollzieht in den folgenden Jahren eine Abkehr von ihrer dunklen Vergangenheit. 

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