Joan Baez und Bob Dylan während der legendären «Rolling Thunder Revue» Tour (Bild: © Netflix).

Donner, Masken und Scharaden

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Ein weiterer Film über Bob Dylan, ein weiterer Film von Alleskönner Martin Scorsese und der zweite Film Scorseses über Dylan – was hat es mit der «Bob Dylan Story» bloss auf sich?

«Rolling Thunder Revue» hiess die legendäre Tour aus den Jahren 1975 und 1976, auf der Bob Dylan seine Folk-Rock Freunde aus dem New Yorker Greenwich Village schnappte, und mit ihnen durch den Osten der USA und Kanadas tingelte. Alte Wegbegleiter wie Joan Baez und Allen Ginsberg durften dabei natürlich nicht fehlen. Diese Tour wird im gleichnamigen Film vorgestellt und zelebriert – dabei ist das Ganze über vierzig Jahre her und fast das gesamte Footage bereits publik.

Geschichten statt Fakten

Neu sind bloss die glänzenden Interviews Dylans und seiner Weggefährten. Doch gaben die anscheinend so wenig Material her, dass Scorsese und Dylan freimütig fiktionale Charaktere und Storylines erfanden und Realität und Fiktion zu einer «Bob Dylan Story» zusammendichteten. Ein gelungenes Verwirrspiel, das sich nahtlos in Dylans fortwährende Versuche einreiht, Medien und Journalisten hinters Licht zu führen, Leiterzählungen über seine Person zu stürzen und so die Kanonisierung seines Werks zu verhindern.

So wartet man auch vergeblich auf stichhaltige Aussagen Dylans zur Tour. Stattdessen winkt er gleich zu Beginn des Films genervt ab: «Ich erinnere mich an nichts über Rolling Thunder. Ich meine, das ist so lange her, ich war noch nicht mal geboren, weisst du?» Gefragt, was von der Tour heute übrigbleibe, antwortet er: «Nichts. Keine einzige Sache. Asche.» Umso faszinierender sind die detaillierten Erzählungen, die er über einzelne Mitglieder der Tour abzugeben vermag. Dylans druckreife Aussagen könnten direkt aus einem seiner Songs stammen. Den Beat-Poeten Allen Ginsberg vergleicht er mit dem Orakel von Delphi, über den Country Musiker Rambling Jack Elliot weiss er, dass dieser mit geschlossenen Augen Seemannsknoten binden könne und über Joan Baez erzählt er: «Als ich sie das erste Mal traf, schien es, als wäre sie mit einem Meteoriten auf die Erde gekommen.»

Dylan und seine Truppe (Foto: © Netflix).

Musikalisches Donnerwetter…

Neben den Interview-Einsätzen des alternden Dylans stechen die herausragenden Live-Aufnahmen hervor, die hauptsächlich von dem kurz vor der Tour veröffentlichten Album «Desire» stammen. Scheinbar totgespielte Songs wie «Hey Mr. Tambourineman» erscheinen in neuem Glanz, «One More Cup of Coffee» übertrumpft die Studioversion um Längen und irgendwie gelingt es Dylan mit weiss bemaltem Gesicht und Federhut, «Simple Twist of Fate» noch herzzerreissender traurig zu singen als im Original.

… und ein Hurricane zum Schluss

Leider ist der Rest des Films unnötiges Gewäsch. Über weite Strecken dümpelt er trist vor sich hin und würde ereignislos aufs Ende zusteuern, wäre da nicht kurz vor Schluss noch die Geschichte von Rubin «Hurricane» Carter, dem afroamerikanischen Boxer, der zu Unrecht des Mordes angeklagt und verurteilt wurde, eine Geschichte, die Dylan in dem Epos «Hurricane» gnadenlos offenlegte und die beteiligten Justiz-Instanzen so scharf kritisierte, dass sich diese gezwungen sahen, Carter frei zu lassen. Die brisanten Hintergründe, die betreffenden Interviews mit Dylan und Carter selbst und die furiose Live-Aufnahme des Songs mit der Violinen-Virtuosin Scarlet Rivera bilden das gelungene Ende eines ansonsten spröden Films. Um eingefleischte Dylan-Fans mit Interviews und Live-Aufnahmen zu beglücken, bräuchte es keinen Martin Scorsese, doch mehr als das wird dem Film kaum gelingen.

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