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Dreitausend Jahre rote Köpfe

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Porno gabs schon immer. Offen darüber geredet wird selten. Doch langsam findet die Akademie einen unverkrampfteren Zugang zum Thema.

Fick mich! Ja! Härter! Für diese Worte und die dazugehörigen Bilder wäre man vor wenigen Jahrzehnten noch vor Gericht gelandet. Heute begleitet uns Pornographie fast unzensiert im Alltag. Die Elemente, die Pornographie zu harter Pornographie und damit illegal machen, sind an einer Hand abgezählt: Sex mit Kindern, mit Tieren, mit Toten oder Darstellung von Gewalt. Die liberalen Gesellschaften scheinen sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt zu haben: das Einverständnis des Gegenübers.

Obwohl Pornographie omnipräsent ist, scheint die wissenschaftliche Diskussion darüber noch immer sehr verklemmt. Einer Studie von Kate Darling am Massachusetts Institute of Technology zufolge kämpft die Branche unter anderem auch damit, Rechte bezüglich geistigen Eigentums einzufordern. Anders als bei den Klagen der herkömmlichen Filmindustrie zeigt die moralische Keule hier keine Wirkung. Gerichte wollen sich schlicht nicht die Finger am Thema verbrennen. Die Scheu zieht sich durch die gesamte Gesellschaft und fängt früh an: Lehrpersonen tun sich schwer, mit Schülerinnen und Schülern über Pornos zu sprechen, Eltern schauen oft weg. 

Master of Sex

Langsam scheint sich aber ein Wandel abzuzeichnen, zumindest in der Forschung: In Uster bietet das Institut für Sexualpädagogik und Sexualtherapie (ISP) beispielsweise seit 2014 einen Master in Sexologie an. Das ISP folgt damit einem internationalen Trend. 

An der Universität Basel forscht Nathan Schocher zu Porno. Die These seiner Doktorarbeit: Pornographie überschreitet immer eine Grenze und bewegt sich deshalb stets in einem tabuisierten Feld. Schocher sieht die Pornographisierung der Gesellschaft aber auch als Chance, differenzierter mit dem Thema umzugehen. «Anders als noch in den Achtzigern setzt man sich heute auch inhaltlich mit Pornographie auseinander», meint der Philosoph. 

Dabei müsse man zwischen der Produktion, dem Inhalt und dem persönlichen Konsum unterscheiden. Das sei gar nicht so einfach. «Wenn man in diesem Feld forscht, kämpft man gegen viele Vorurteile. Es wird immer sofort politisch und jeder hat eine Meinung», sagt Schocher. Oft werde ihm als Forscher eine objektive Haltung nicht zugetraut. Hört man auf kritische Stimmen zur Pornographie, kommt man am feministischen Diskurs nicht vorbei. Unter dem Stichwort «Post-Pornographie» werden Sexfilme produziert, die den Ansprüchen von Frauen, Queeren und Transmenschen genügen und damit mehr Menschen Spass machen sollen. Doch die Bewegung bleibt in einer kleinen Nische. Die Mehrheit befriedigt sich noch immer mit einfach verfügbaren, billig produzierten Standardpornos aus dem Internet – hinter verschlossener Türe.

Ein gesellschaftliches Experiment

Doch sind die unrealistischen Bilder des Mainstreams, bei denen die Darsteller und Darstellerinnen ständig vor Lust explodieren, in allen möglichen Stellungen rammeln und dabei wie ein Wald voll Affen schreien, schädlich für eine «gesunde» Sexualität? Esther Schütz, Leiterin des ISP und Sexologin, sieht weniger ein Problem in den dargestellten Bildern. Pornokonsumierende würden durchaus erkennen, dass gewisse Pornopraktiken im echten Leben unrealistisch wären. Das Problem sieht sie anderswo: «Wenn ein Mann immer wieder zu ähnlichen Bildern masturbiert, dann wird dieser Stimulus konditioniert. Trifft er dann auf einen Partner oder eine Partnerin, kann das problematisch werden, weil der mit der Pornographie antrainierte sexuelle Reiz fehlt.»

Langsam bildet sich also auch die Wissenschaft ihre Meinung zum Thema. Mit der Erforschung der Pornographie stehe man aber noch ganz am Anfang, meint Schütz. Das sieht auch Schocher so: «Wir befinden uns am Anfang eines gesamtgesellschaftlichen Experiments, das vielleicht auch unsere Definition von dem, was wir als Pornographie bezeichnen, verändert. Und der niederschwellige Zugang provoziert auch einen offeneren Umgang mit dem Thema.» Klar bleibt für ihn aber, dass Porno ein Ausloten der Grenzen sein wird.

In Zusammenarbeit mit Juliana Maric

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