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    Saliya mixt blind (Bild: zfg)

Ein Blinder im Grandhotel

in Campus von

Der Film «Mein Blind Date mit dem Leben» erzählt die Geschichte eines Blinden, der seine Einschränkung verheimlicht – und als Absolvent einer Hotelfachschule durchstartet.

Ein Deckel scheppert, eine Pfanne zischt, als Öl in sie gegeben wird. Im Hintergrund ist das ununterbrochene Rauschen der Abwaschmaschine zu hören, Stimmengewirr, eine einzige davon fordernd, befehlend, bald schreiend: diejenige des Chefs. Die Küche eines Grandhotels ist ein umtriebiger Ort. Ein Ort grösster Hektik. Ein Ort, an dem man schnell mal den Überblick verlieren kann.

Unvorstellbar also, dort könnte tatsächlich ohne jeden Überblick, nämlich blind, gearbeitet werden. Genau diese Geschichte erzählt der neue Film von Marc Rothemund: Die Geschichte von Saliya Kahawatte, der an einer unheilbaren Netzhautablösung leidet, die sein Sehvermögen auf fünf Prozent beschränkt. Saliya hat nicht vor, sich davon entmutigen zu lassen. Nichts wünscht er sich sehnlicher, als die Hotelfachschule zu absolvieren. Er bewirbt sich und kassiert nur Absagen. Bis er beschliesst, sein Augenleiden zu verheimlichen: Prompt darf er in einem Grandhotel in München die Lehre in Angriff nehmen. Als Lehrling muss er fortan Zimmer putzen, Betten machen, Tische decken, Getränke mixen, Speisen servieren – und eben: in der Küche helfen. Und das alles blind. Ohne dass jemand Wind davon bekommt.

Blindsein bebildern

«Mein Blind Date mit dem Leben», wie der Film heisst, steht vor demselben Problem wie alle Filme, die das Blindsein thematisieren: Wie stellt man als visuelles Medium den Zustand völliger Nichtvisualität dar? Wie kann Blindheit bildlich umgesetzt werden?

Marc Rothemund wählt dazu das Mittel der Montage. Immer wieder wird die Welt, wie Saliya sie sieht und wahrnimmt, gezeigt. Konkret bedeutet das, dass immer mal wieder ganz verschwommene Bilder, mit dafür umso deutlicherem Ton montiert werden. Die Idee ist reizvoll, doch hätte sie durchaus mutiger ausfallen dürfen. Statt diesen Perspektivenwechsel hin zum Blinden immer nur für wenige Sekunden zu vollziehen, hätte man sich gewünscht, längere Passagen davon zu sehen. Denn so bleiben es Versatzstücke und das Blindsein also bruchstückhaft. Selbst am Ende des Filmes bleibt unerklärlich, wie sich Saliya in einem Fünfsternehotel blind zurechtfinden kann.

Eine wahre Geschichte?

Man könnte die Geschichte hinter «Mein Blind Date mit dem Leben» schnell als Phantasterei abtun, als inspirierende, aber hoffnungslos unrealistische Fabel. Wüsste man nicht, dass dem Film ein wahrer Kern zugrunde liegt: Saliya Kahawatte gibt es tatsächlich. Als Kellner und Barkeeper war er über fünfzehn Jahre hinweg in der Gastronomie tätig, ohne dass auch nur jemand Verdacht geschöpft hätte, dass Saliya blind ist. Nur: Saliya Kahawatte hat nie eine Hotelfachschule absolviert. Warum seine Wahnsinnsleistung, eine Bar blind zu schmeissen, für den Film nicht genügt, leuchtet nicht ein. Zumal der Film keine Erklärung dafür liefert, wie man blind ein Bett kompliziert hermachen oder eine Serviette kunstvoll falten sollte. So ist das von Kahawatte 2009 veröffentlichte Buch, das dem Film seinen Titel gibt, nur noch als lose Inspirationsquelle für den Film zu betrachten

Probleme nur gestreift

Ähnlich dem realen Vorbild, wird es auch dem Saliya im Film irgendwann zu viel. Die Mehrfachbelastung aus strenger Lehre und dem unermesslichen Aufwand, seine Lüge aufrechtzuerhalten, wächst ihm irgendwann über den Kopf. Er verfällt den Drogen, verliert die Freundin, wird aus der Lehre geschmissen. Und irgendwie möchte das alles nicht so recht zu der bisher gezeigten Komödie passen, die die Probleme eines Blinden zwar immer wieder thematisiert, grundsätzlich aber sehr augenzwinkernd damit umspringt. Nun tun sich Abgründe auf, Risse in der so schön gezimmerten Fassade, doch hat der Film seine liebe Mühe damit, sie recht darzustellen und einzuordnen. Lieber streift er die Probleme nur ganz kurz, den Drogenkonsum, die Verlorenheit als Blinder in einer Welt von Sehenden, um dann auf direktem Weg in ein Happyend einzusteuern, in dem Saliya dann wie selbstverständlich doch noch die Abschlussprüfungen besteht und am Ende sogar sein eigenes Restaurant eröffnet. Sogar die Freundin kehrt zurück. Der Film will viel und scheitert daran. Zwar bleibt er stets kurzweilig und unterhaltsam. Der Preis dafür ist, dass die erzählte Geschichte mit derjenigen von Saliya Kahawatte nur noch wenig gemein hat – und noch weniger mit dem Alltag als Blinde oder Blinder.

 

Mein Blind Date mit dem Leben

Regie: Marc Rothemund

Kinostart: 26.1.2017

 

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