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Mit Liebe gemacht: Geschirranrichte beim Spaghettiplausch in der Midway Bar.

Ein gefundenes Fressen

in Campus von

Mitten im Langstrassenquartier befindet sich mit der Midway Bar eine kulinarische Oase. Ein Augenschein.

Das Langstrassenquartier ist nicht gerade für seine hochwertigen Restaurationsbetriebe bekannt. Daran ändert auch das «Holy Cow» nichts, das sich im Fahrwasser der Gentrifizierung, die langsam von der Europa-Allee herüberschwappt, an der Schlagader des Zürcher Sündenpfuhls niedergelassen hat. Die hiesigen Etablissements setzen auf Bewährtes – ob flüssig, pulvrig oder leichtbekleidet – und kennen den Guide Michelin höchstens von der Karosseriewerkstatt. Wer sich hier umtreibt, sucht nichts für Zunge und Gaumen, sondern für Leber und Schleimhäute – oder für Auge und Hüfte.

Doch etwas abseits vom grossen Strom, dort, wo sich Roland- und Zini-strasse kreuzen, trotzt ein Lokal der ignoranten Masse. Seit über acht Jahren serviert die Midway Bar ihren Gästen mittwochs ein lukullisches Mahl – à discrétion und völlig umsonst. Dafür wirbt sie mit einem kunstgerecht gestalteten Plakat, auf dem sich neben einem liebevoll angerichteten Spaghetti-Teller eine junge Dame mit gebräunter Haut und ausladendem Busen räkelt. Die Vereinigung von bodenständiger handwerklicher Kochkunst und höchsten ästhetischen Ansprüchen wird hier augenscheinlich grossgeschrieben.

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Milieu-Atmosphäre

Die Wirtschaft, die auch dem Namen nach eher eine Schenke ist, ist klein und stimmungsvoll, das Personal aufmerksam und routiniert. Sobald man sich an einen der sechs Stehtische zu einer bereits anwesenden Zweier-Gesellschaft setzt – was dank hoher Barhocker möglich ist –, nimmt eine der beiden Kellnerinnen die Bestellung der Getränke auf (ein Grosses: 7.50). Die aus Südostasien stammenden Angestellten sorgen für das internationale Flair der Kaschemme, das auch von den Gästen widerspiegelt wird: Neben breitem Zürichdeutsch hört man vor allem spanisch, italienisch und slawisch geprägte Akzente.

Die Kundschaft ist bunt gemischt. Ausser Rockern mit Motorradjacken trifft man Maler mit Maurerdekolleté und bärtige Rentner mit Büezer-Hemd mit ihren «leichten Mädchen» in schweren Kunstpelzmänteln. Das Intérieur ist mit viel Liebe zum Detail gestaltet: Neben dem obligaten Kneipen-Inventar wie Dartautomat und Mini-Glücksspielkonsole hängt moderne Neunzigerjahre-Kunst zwischen amerikanischen Nostalgie-Blechschildern an den Wänden. Auch die Halloween-Dekoration hängt noch; lustige Fledermäuse und künstliche Spinnennetze bedecken die gardinenbehangenen Fenster. Auf den Tischen liegen statt Servietten stil- und milieuecht Kleenex bereit. Im Hintergrund läuft Ronan Keating und dank zwei HD-Screens verpasst man keinen Match.

Raffinierte Rezeptur

Der eigentliche Höhepunkt der Mittwochabende ist aber zweifellos das Nudelbuffet. Ein geschicktes Mise en Place ermöglicht es den Gästen, sich in effizienter Weise Spaghetti und Sauce Bolognaise wie auch Gewürze und Reibkäse auf die Pappteller zu schöpfen und sich im gleichen Zug am Plastikbesteck zu bedienen.
Die Qualität des Gerichts ist grundsolide, obschon der Gourmande nicht entgangen sein wird, dass die Spaghetti den Garpunkt leicht überschritten hatten. Dafür ist die Komposition der Sauce mit Lorbeer und Bleichsellerie umso ausgefeilter. Zudem hat der Feinschmecker die Gelegenheit, seine Speise mit Paprikapulver zu verfeinern (Achtung, scharf!). Der geneigten Kennerin steht neben Bier ausserdem die Wahl zwischen zweierlei Weinen (die Sommelière präzisiert: «französisch oder spanisch») offen.

Wer auf den schnellen Rausch oder billigen Stützlisex aus ist, ist hier sicher an der falschen Adresse. Auch das Hohelied der Kulinarik wird hier kaum angestimmt werden. Wer aber ein unprätentiöses Abendessen in authentischem Ambiente mit einem unübertroffenen Preis-Leistungs-Verhältnis schätzt, wird in der Midway Bar sicher gut bedient. ◊

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