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    Francesco Bee und Lea Schlenker bilden das Co-Präsidium des VSS.
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    Das vom VSS mitbegründete Sanatorium für tuberkulosekranke Studierende in Leysin existierte von 1922 bis 1961.
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    2015: Kampagne für die dritte Stipendieninitiative des VSS.
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    1968: Protestaktion von Studierenden gegen das geplante ETH-Gesetz beim Central.
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    2017: Aktionstag in Bern für den Anschluss an das europäische Erasmus-Programm.

(Bilder: zVg).

Ein Jahrhundert für die Studierenden

von

Der Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS) feiert sein 100-jähriges Bestehen. Seit 1920 haben Studierende dank dem VSS eine starke Stimme auf höchster politischer Ebene. Ein Rückblick auf eine Organisation, die stets ein Spiegelbild der Studierenden war.

In den letzten Tagen haben Lea Schlenker und Francesco Bee zahlreiche Glückwünsche zum Geburtstag von Studierenden und sogar von Parlamentarier*innen aus Bundesbern entgegengenommen. Sie bilden beide seit Anfang Jahr das Co-Präsidium des VSS, dem Dachverband der studentischen Vertretungen in der Schweiz, der im Juni vor 100 Jahren gegründet wurde.

Lea und Francesco hatten aber nur ausnahmsweise ein spezielles Geburtstagsprogramm. Ansonsten sitzen sie die meiste Zeit an ihren Schreibtischen in den Büros an der Berner Monbijoustrasse 30. Dort verfassen sie Stellungnahmen zu Geschäften im National- und Ständerat, verschicken Medienmitteilungen, organisieren Sitzungen oder lancieren Forderungen und Petitionen. Zusammen mit Laura Bütikofer, Rahel Meteku, Florent Aymon, Nino Wilkins und Laurent Woeffray bilden sie den siebenköpfigen Vorstand des VSS, der studentischen Anliegen eine nationale Plattform bietet – und das nun mehr seit einem Jahrhundert.

Den Anfang machte die Tuberkulose

Am 19. Juni 1920 wurde der VSS in Zürich gegründet. Mit dabei waren Studierende aus Bern, Zürich, Neuenburg, St. Gallen und dem Tessin. «Damals wollten sich die einzelnen Studierenden an den Hochschulen vor allem vernetzen und zusammen eine Art Lobby gründen», sagt Lea. Das was heute im Zentrum steht, also Hochschul- und Bildungspolitik generell, habe zu Gründungszeiten nicht oberste Priorität gehabt. Der VSS bemühte sich viel mehr um den Aufbau eines Sanatoriums für tuberkulosekranke Hochschulangehörige, das dann 1922 in Leysin eröffnet wurde. «Der VSS war als Mitbegründer federführend», so Lea.

Das vom VSS mitbegründete Sanatorium für tuberkulosekranke Studierende in Leysin existierte von 1922 bis 1961.

Ab 1927 gab der Verband zusammen mit der Schweizerischen Zentralstelle für Hochschulwesen und der Nationalen Vereinigung Schweizerischer Hochschuldozenten die «Schweizerische Hochschulzeitung» heraus, die bis zur ihrer Einstellung 1970 das Organ des VSS war. Alle Unis vertrat der Verband aber erst ab 1931: dann kam nämlich mit der Association générale des étudiants aus Lausanne die letzte Studi-Vertretung hinzu.

Der VSS zwischen den Fronten

Die frühen Dreissigerjahre schrieben dann das dunkelste Kapitel der VSS-Geschichte. Einige Vertreter*innen der Sektionen hatten eine faschistische Gesinnung, allen voran Zürcher Studierende, die nur wenig später mit der Neuen Front eine der wichtigsten faschistischen Organisationen der Schweiz mitbegründeten. Allerdings: «Über den genauen Einfluss der faschistischen Studierenden wissen wir leider nur wenig. In unseren Archiven fehlt dazu schlicht das entsprechende Material», erklärt Lea. (Von 1930 bis 1933 war im Übrigen leider auch diese Zeitung offen faschistisch und rechtsextrem ausgerichtet.)

Der VSS wurde jedoch nie von frontistischen Sektionen vereinnahmt, sondern stellte sich schliesslich gegen den Nationalsozialismus. Die folgenden Jahre waren geprägt von der Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg. Nach 1945 stand dann vor allem der internationale Austausch im Zentrum. «Der VSS hat mit anderen Studi-Organisationen Aufenthalte in fast allen europäischen Ländern ermöglicht», sagt Lea. Auch der Kalte Krieg, und damit die in der Schweiz vorherrschende antikommunistische Stimmung, hielt im VSS Einzug. Zuweilen stritten sich französischsprachige mit deutschsprachigen Studis, da die Welschen tendenziell einen linkeren politischem oder gar einen kommunistischen Kurs fuhren. «Solche Konflikte sind im VSS eigentlich vorprogrammiert, da wir eine Abbildung der Studis sind und damit auch immer die aktuelle politische Situation spiegeln.»

Ohne VSS keine WOZ

Der Verband wurde in der Folge zunehmend angriffiger und autoritätskritischer. 1968 ergriff der VSS zusammen mit dem VSETH das Referendum gegen das geplante ETH-Gesetz. Grund: Es sah keine studentische Mitbestimmung vor. Später wurde das Gesetz tatsächlich an der Urne abgelehnt und der VSS feierte einen grossen Erfolg auf der nationalen Bühne. Gleichzeitig wurde im Zuge der 68er-Bewegung die Demokratisierung der Bildung und die Gleichstellung der Geschlechter gefordert. Und ein weiteres Kind der 68er war die Zeitschrift «Das Konzept», die vom VSS zusammen mit den Studierendenschaften der Uni und ETH Zürich 1972 gegründet wurde. Die Zeitschrift war bis zu ihrer Einstellung 1982 dieser Zeitung beigelegt und Grundlage für die heutige «Wochenzeitung» (WOZ).

1968: Protestaktion von Studierenden gegen das geplante ETH-Gesetz beim Central.

Mit den späten Achtzigern rückte zunehmend ein breiteres Themengebiet in den Fokus des VSS: Da war zum Beispiel die Volksabstimmung über die Abschaffung der Bundessubventionen an die kantonalen Stipendien. Der Verband ergriff erneut das Referendum, diesmal allerdings zusammen mit verschiedenen Jungparteien, und gewann im März 1985 schliesslich an der Urne. Fünf Jahre später organisierte der VSS eine Aktionswoche für mehr bezahlbaren Wohnraum für Studierende und 1999 stellte er sich gegen die anstehende Bologna-Reform.

Drei Hochschultypen unter einem Dach

«In den letzten zwanzig bis dreissig Jahren standen sicher Stipendien und die internationale Mobilität im Vordergrund», bilanziert Lea. So wurde nochmals über eine Stipendieninitiative abgestimmt, die diesmal allerdings an der Urne bachab geschickt wurde, aber trotzdem einige Veränderungen in der Harmonisierung des Stipendienwesens bewirkte. Und Europa sei in dieser Zeit allgemein ein Dauerbrenner gewesen. Mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative 2014 wurde es noch dringlicher: «Ein paar Tage nach dem Abstimmungssonntag hat der VSS ein symbolisches Begräbnis der beiden Programme Erasmus und Horizon auf dem Bundesplatz durchgeführt.»

2015: Kampagne für die dritte Stipendieninitiative des VSS, die abgelehnt wurde.

Im Verlaufe der Neunzigerjahre und vor allem nach der Jahrtausendwende erhielt der VSS nochmals Zuwachs. Zuerst schlossen sich die Fachhochschulen an und 2019 kam der Verband der Studierendenorganisationen der Pädagogischen Hochschulen der Schweiz (VSPHS) dazu. «Nun sind seit einem Jahr alle drei Hochschultypen im VSS vertreten.»

Die vergangenen hundert Jahre des VSS waren also geprägt von Innen- und Aussenpolitik, Ausflüge in das Verlagswesen und von Diskussionen um Stipendien. Zum 100. Geburtstag gönnte sich der Dachverband gleich nochmal ein politisches Geschäft: Im Namen des VSS haben Parlamentarier*innen am letzten Tag der Sommersession im Juni einen Vorstoss eingereicht, um die nationale Vertretung der Studierenden stärker im Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetz (HFKG) zu verankern. «Damit soll unser nächstes Jahrhundert gesichert werden», sagt Lea mit Blick auf die Zukunft des Verbandes. Sicher sei für sie aber ohnehin: Studi-Organisationen leben nur dank dem Engagement von motivierten Freiwilligen.

Korrigendum: In einer früheren Version dieses Artikels stand irrtümlicherweise, dass das Sanatorium für tuberkulosekranke Hochschulangehörige in Leysin von 1922 bis 1931 bestand. Tatsächlich existierte es von 1922 bis 1961. Wir haben die entsprechenden Stellen korrigiert und bitten um Entschuldigung.

2 Comments

    • Lieber Julian
      Hab Dank für deinen Kommentar und deinen Hinweis. Wir haben den Fehler gerade korrigiert und weisen am Schluss darauf hin.
      Herzlich!

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