En garde! #1/20: Serien bingen

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Pro — Nur eine Episode. Vielleicht zwei. Oder neunzehn, bevor mich Netflix zur nächsten weiter(ver)leitet. Manchmal will ich einfach kurz der Welt entschwinden. Wobei «entschwinden» eben nicht ganz stimmt. Ich fühle mich nicht nur angesprochen, wenn Phoebe Waller-Bridge zu mir in die Kamera spricht. Serien führen mir die Welt vor Augen, die eigene und die von anderen, die gegenwärtige und eine mögliche zukünftige. Sie sind Warnung, wenn ich mit den «Handmaids» fühle oder wenn Technologien in «Black Mirror» ausarten; sie sind Gesellschaftskritik, lehren mich Geschichte, wenn ich mich in «The Crown» vertiefe. Ich versetze mich in die Figuren, entwickle Mitgefühl, kontempliere unterbewusst mein Leben, und das alles, während ich eigentlich nur ein wenig hängen will. Und mal ehrlich, wer hat wirklich noch nie eine Serie gebingewatched, weil sie einfach genial ist? Denn worüber würden wir nur sprechen, wenn wir nicht sechzehn Staffeln lang werweissten, welche Figur wann mit wem was hatte? Ich lebe gerne viele Leben. [Stephanie Caminada]

 


 

Kontra — Für Serien eignet sich Netflix allemal. Auch ich habe mir ein Konto eröffnet und mich in den Seriendschungel gestürzt. Empfehlungen bekam ich zur Genüge. Jeweils die ersten Folgen habe ich noch vergnügt angesehen, doch nach und nach interessierte mich eher, welche Filme momentan in den Kinos starteten. Serien können sinnvoll sein, da viel Platz für Charakter- und Storyentwicklung vorhanden ist. Aber für kurzatmige Personen, die nicht monatelang auf die nächste Staffel warten wollen, können Serien qualvoll sein. Meistens enden die Staffeln mit einem Cliffhanger, der dafür gedacht ist, das Publikum am Ball zu halten. Und wenn dann das Serienfinale eintritt, kommt es nicht selten vor, dass man masslos enttäuscht wird. Klar, es gibt auch genügend schlechte Filme, aber immerhin hat man dann bloss maximal zwei Stunden des eigenen Lebens geopfert. Ausserdem: Serienschauen kann sich zu einer Sucht entwickeln. Nicht selten kommt es vor, dass dann alles links liegen gelassen wird. Nur für Dates eignet sich Netflix noch gut – als Hintergrundgeräusch. [Sumanie Gächter]

 

Mit Illustrationen von Sumanie Gächter.

 

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