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    (vlnr.) Regiesseurin Petra Volpe, Simonetta Sommaruga, Hauptdarstellerin Marie Leuenberger und Direktorin Seraina Rohrer.
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    Grosses Kino: Der Saal der Solothurner Filmtage.

Marie Leuenberger

Enge und Nähe in Solothurn

in Campus von

Wir warten in der Kälte. Aus einem Vorzelt ragt eine Ecke des roten Teppichs. Nach und nach sammelt sich die Presse, ausgerüstet mit Kameras und Mikrophonen. So beginnt die Eröffnung der 52. Solothurner Filmtage. Als erster Film wird «Die Göttliche Ordnung» gezeigt, welcher von der Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz handelt.

Blitzlichtgewitter

Endlich! Ein Wagen mit getönten Scheiben rollt heran, Blitzlichtgewitter braut sich zusammen. In eleganten Abendkleidern und mit geübtem Lächeln schreiten die Mitwirkenden des Films sowie der Filmtage zum Eingang. Sie wechseln kurze Begrüssungsworte, die immer wieder unterbrochen werden, etwa wenn die Gruppe für ein Foto stillsteht und einfriert. Im Vorzelt stellen sie sich in immer wechselnden Konstellationen auf, welche gierig von den vielen Linsen festgehalten werden. Eine Viertelstunde später betreten sie die grosse Reithalle, wo sich auch noch die letzten Plätze vor der Leinwand füllen.

Ist es Ihnen zu eng?

Nachdem eine Männerstimme aus dem Off ertönte und alle willkommen hiess, betrat als erste Rednerin Christine Beerli, die Präsidentin der Filmtage, die Bühne. In ihrer Rede betonte sie die soziale Funktion, welche dem Film als Medium zukomme. Filme, so Beerli, zeigten uns nämlich fremde Schicksale und förderten so die Empathie. Ganz nebensächlich und ohne dabei etwas zu wiederholen wechselte sie während ihrer Rede mehrmals zwischen Deutsch und Französisch. Als nächstes hatte Seraina Rohrer, die Direktorin der Filmtage, das Wort. «Ist es Ihnen zu eng? Ist der Sitznachbar zu nah?», fragte sie ironisch, und: «Haben Sie auch genügend Beinfreiheit?» So leitete sie zur nationalen Enge über, die hierzulande manchmal beklagt wird. Die Enge könne aber auch heilsam sein, weil sie die Konfrontation fördere. So würde dann aus der Enge eine Nähe. Zuletzt nahm sie das Thema des diesjährigen Eröffnungsfilms «Die göttliche Ordnung» auf. Dieser spielt im Jahr 1971 und handelt von der Einführung des Frauenwahlrechts. Sie freue sich, dass es heute auch Regisseurinnen und Produzentinnen gebe, auch wenn diese noch immer in der Unterzahl seien und die gleiche Arbeit oftmals für weniger Lohn erledigten. Nach ihr führte Simonetta Sommaruga das Thema fort. Auch sie wies auf die noch immer bestehenden Ungleichheiten hin. Es freue sie deshalb umso mehr, dass an diesem Abend die Frauen die Hosen an hätten. Sie nahm dabei auch auf die bevorstehende Abstimmung zur erleichterten Einbürgerung Bezug. Sie hoffe, dass sich die Wählerinnen und Wähler auch für diese Gleichberechtigung einsetzten. Nach einem kurzen Grusswort der Regisseurin Petra Volpe begann der Film.

Die Göttliche Ordnung

Dieser setzt mit fetziger Musik der Siebziger und verwackelten Aufnahmen von Woodstock ein, doch diese reissen plötzlich ab. Szenenwechsel. Ein kleines Dorf an einem Hang. Über den stillen Hügeln das Geläut der Kuhglocken. Bis hierher ist die Revolution nicht vorgedrungen. Nora (Marie Leuenberger) ist Hausfrau und Mutter von zwei Kindern. Sie kocht, wäscht und putzt und ist überhaupt das Musterbild einer tüchtigen Hausfrau, selbst den Boden unter dem Sessel des nörgelnden Stiefvaters staubsaugt sie ohne Wiederrede. Als sie eine Stellenanzeige entdeckt, möchte sie diese Eintönigkeit mit einem Job unterbrechen. Nur ist ihr Mann (Max Simonischeck) dagegen und reibt ihr auch noch unter die Nase, dass sie ohne seine Unterschrift gar nicht arbeiten kann. Als sie später alleine durch die Stadt geht und ihr eine Frau einen ordentlichen Stoss aufklärerischer Prospekte und feministischer Literatur in die Hand drückt, kommt der Stein des Wiederstands ins Rollen. Während ihr Mann im Militär ist, spricht sie sich im Dorf öffentlich für das Frauenstimmrecht aus, über welches bald abgestimmt wird. Man begegnet ihr anfangs mit Spott, doch als sich ihr nach und nach mehr Frauen anschliessen, spitzt sich die Lage zu. Noras Revolution ist nicht bloss eine öffentliche, sondern auch eine private. Ab jetzt heisst es: Kinder, wascht selber ab. Stiefvater, hol dein Bier selber. Mit zwei Freundinnen nimmt sie in Zürich an einer Demo für das Frauenstimmrecht teil. Anschliessend besuchen sie einen Kurs, in dem noch etwas von der ersehnten sexuellen Revolution herüberschwappt. Eine Schwedin, in wehende Batiktücher gehüllt, ruft die Frauen dazu auf, ihre eigenen Körper und ihre Sexualität zu erforschen: Love your vagina! Diese Entdeckungen bringen Noras Ehe erst recht ins wanken.

Der Film nimmt sich mit viel Humor dieses schwierigen, ja traurigen Abschnitts der Schweizer Geschichte an. Dass die Brisanz des Themas trotzdem nicht ins lächerliche kippt, wird durch eine geschickte Verstrickung verschiedener Nebenhandlungen möglich. Diese zeigen das drückende Korsett, in welchem sich Nora und viele andere Frauen im Dorf befinden. Gewisse Szenen mögen allzu plakativ sein, aber sie verfehlen nicht ihre Wirkung. Und mit der Sprengung von Nora’s Fesseln fällt auch mancher Zuschauerin und manchem Zuschauer eine Last ab.

Lebendige Geschichte

Unter tosendem Applaus nahm die gerührte Petra Volpe eine Nelke entgegen. Nachdem sich Dutzende Schauspielerinnen und Schauspieler und Mitwirkende auf der Bühne versammelt hatten, betrat Simonetta Sommaruga mit einer Überraschung die Bühne: Zwei Parlamentarierinnen der ersten Stunde, Hanna Sahlfeld-Singer und Gabrielle Nanchen. Beide erhielten das Wort, wobei letztere alle Frauen ermutigte, für ihre Rechte einzustehen. Nanchen verriet, was die Männer noch von den Frauen lernen sollten: Gefühle zeigen! Ihr dürft auch mal Weinen! Sie schloss ihre Rede mit einem lakonischen Kommentar zur irreführenden Plakatkampagne gegen die erleichterte Einbürgerung. Sie sei zwar Ausländerin in der dritten Generation, habe aber ihre Burka für heute ausnahmsweise zuhause gelassen. Das Publikum belohnte die Rede mit grossem Applaus. Mit dem Auftritt dieser zwei Frauen wurde die Geschichte belebt und in die Gegenwart geholt.

Enge am Apéro

Ein von hundert Kerzen ausgeleuchteter Fussweg führte die Gäste in den nahegelegenen Konzertsaal zum Apéro riche. Drinnen drängten sich Hunderte und immer mehr. Auf dem Parkett wurde es eng. An kleinen Stehtischen wurde allerorts geplaudert und gegrüsst, wackeres Personal schlängelte sich mit Speis und Trank durch die dichtgepackte Menge. Nach einigen beschwerlichen Gängen durch ein Labyrinth von Ellbogen und Schultern wurde auch ich satt. Und als es mir endlich gelang ein Gespräch anzuknüpfen, verwandelte sich die Enge tatsächlich in eine Nähe.

«Die Göttliche Ordnung» wird am Montag 23.01 an den Solothurner Filmtagen gezeigt, es ist eine Reservation erforderlich. Der Film läuft ab dem 9. März in den deutschschweizer Kinos.

 

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