Experimentieren mit Bewegung: Teilnehmerinnen am Open Space Tanz (Bild: Noemi Ehrat).

Enthemmt im Opernhaus

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Der offene Workshop Open Space Tanz fordert vollen Körpereinsatz. Ein Erlebnisbericht.

Das mit dem Tanzen ist ja irgendwie so: Die Walzer-Schritte kennen angeblich alle, aber kaum jemand wirklich, Flamenco können nur Spanier*innen und für Ballett bin ich sowieso zu alt. Einen erfrischend anderen Zugang bietet die Workshopreihe Open Space Tanz des Opernhauses Zürich. Hier können Teilnehmende mit Tanz und Bewegung «experimentieren, improvisieren und kreieren».

Mit allen Körperteilen gleichzeitig

Als ehemalige Waldorfschülerin kann ich meinen Namen tanzen. Doch beim Walzer wird es, obwohl ich gebürtige Wienerin bin, bereits knifflig: Wenn mein Tanzpartner nicht sicher führt, gibt es Fusssalat und blaue Flecken. Trotz dieser spärlichen Fähigkeiten will ich mich im Tanz-Workshop versuchen. Dieser wird jeden Mittwochabend angeboten. Als ich eintreffe, hat sich eine Gruppe von rund 30 Teilnehmenden bereits zusammengefunden. Von jungen Hipstern bis zu Greisinnen mit weissem Kraushaar sind alle Altersstufen vertreten.

Bettina, die Kursleiterin, ist zuständig für die Vermittlung des Balletts Zürich. Sie fordert uns dazu auf, begleitet von klassischer Musik der Reihe nach jedes einzelne Körperteil ungeniert tanzen zu lassen. Nachdem meine Arme, Ohren und Kniescheiben zu Mozart gerockt haben, müssen wir mit allen Körperteilen gleichzeitig tanzen. Das ist viel schwieriger, als es sich anhört. Nach einer kurzen Weile gibt Bettina lächelnd zu, dass es eigentlich auch gar nicht möglich ist. Trotzdem machen wir in den folgenden zwei
Stunden genau das.

Leidenschaftliches Battle

Wir bewegen uns zu einer Geräuschkulisse aus Motorgeräuschen, Winden oder Tierlauten. Dabei entstehen getanzte und gespielte Interaktionen unter den Teilnehmenden. Nach kurzer Zeit kann ich ganz aus mir herausgehen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich mit einem Juchzen in die Höhe ziehe, um im nächsten Moment auf dem Boden zusammenzusacken, weil ich enthemmt meinem inneren Ruf folge, oder weil es noch peinlicher wäre, wie ein steifer Besen nur mit den Händen zu wedeln, während die anderen Teilnehmer so ungeniert mit «allen Körperteilen gleichzeitig» spielen.

Ganz egal, was mich dazu bewegt hat, spätestens in den letzten 15 Minuten überkommt mich ehrliche Freude. Wir stehen in einer Reihe und sollen mit kleinen Mimiken und Bewegungen mit der Gruppe spielerisch kommunizieren. Ich reisse die Show an mich und gebe mich einem spontanen pantomimischen Battle mit einem anderen jungen Teilnehmer hin. Den Wettkampf gewinne ich und schmeisse mich deshalb triumphierend auf den Boden. Mal wieder. Diesmal aber sind alle Augen der Teilnehmenden auf mich gerichtet. Sie lachen und applaudieren. Ich trete beschwingt von meiner imaginären Bühne ab und fühle mich wirklich gut.

Vom Mauerblümchen zum Schwan

Die Teilnehmenden erfahren im Workshop auch etwas über Produktionen und bekommen ein Bewusstsein für Tanz. Für Bettina steht das Kennenlernen im Vordergrund: sowohl sich mit Tanz und Bewegung bekannt zu machen, als auch Bekanntschaften mit den anderen Teilnehmenden zu schliessen.

Meine Skepsis zum Workshop, «in dem es keine Regeln gibt», hat sich in den zwei Stunden geändert. Ich habe den Ballettraum kleinlaut betreten. Doch ich habe mich von einem Mauerblümchen in einen stolzen Schwan verwandelt.

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