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Wie viel darf es sein? Nicht alle empfinden Druck gleich. (Bild: Adelina Gashi)

Entlarvender Punkterekord

in Leistungsdruck/Thema von

Ein Student absolviert in einem Semester 84 ECTS-Punkte und legt so die Probleme von Bologna schonungslos offen. Eine Anklage in sechs Punkten.

Langzeitstudierende sind Kostenfaktoren, die einer Eingrenzung durch Studienzeitbegrenzungen bedürfen (ZS #3/16). Kleine Nebenfächer sind alte Zöpfe, die abgeschnitten gehören (ZS #3/16). Wenn sie höhere Semestergebühren bezahlen, übernehmen die Studierenden mehr Verantwortung gegenüber der Gesellschaft (ZS #1/17). Die Berichterstattung zeigt: In der Politik, aber auch an der Uni selbst passiert immer wieder derselbe Denkfehler, wenn es um universitäre Bildung geht. Es wird betriebswirtschaftlich argumentiert in einem Umfeld, das nicht nach betriebswirtschaftlichen Prinzipien funktioniert. Denn die Uni ist keine Aktiengesellschaft.

1. Etwas ist faul

Obwohl es die Uni besser hätte wissen müssen, hat sie diesen Irrtum bis in ihre Tiefen eindringen lassen. So ist ein System entstanden, das Anreize zu «effizientem» Studieren schafft, statt die ausgiebige Auseinandersetzung mit Inhalten zu fördern. Ein System, von dem jene profitieren, die wissen, wo ECTS-Punkte leicht zu holen sind, und ihre Stundenpläne nach Kriterien des Aufwands und Ertrags zusammenstellen. Ein System, das plumpe Leistungsnachweise an die Stelle kritischen Denkens setzt. Ob man das Kind beim Namen «Bologna» nennen will oder nicht, tut nichts zur Sache. Und ob es früher besser oder weniger gut war, ist von keinem Belang. Fakt ist, das gegenwärtige System funktioniert nicht.

Das sieht auch Rico ähnlich, und er muss es wissen. Er hat in einem Semester 15 Module zu je sechs Punkten gebucht und davon insgesamt 14 Prüfungen bestanden. Die 84 ECTS-Punkte, die ihm das eingetragen hat, entsprechen beinahe einem halben Bachelor-Studium. Hätte er auch die letzte Prüfung bestanden, hätte er die 90 Punkte, die sein Masterstudium in Rechtswissenschaften umfasst, in einem einzigen Semester zusammengehabt. Das ist eine mehr als beeindruckende Leistung. Die Tatsache, dass er dazu überhaupt in der Lage war, vermag aber auch die Schwächen im System aufzudecken.

Allein die Zahlen auf Ricos Leistungsausweis deuten schon darauf hin, dass irgendetwas faul ist. Die Faustregel ist, dass ein ECTS-Punkt 30 Stunden Aufwand bedeutet. Das macht in Ricos Fall dann 2700 Stunden Arbeit, was wiederum 64 aufeinanderfolgenden 42-Stunden-Wochen entspricht. Und das ist unmöglich leistbar, nicht einmal ohne Schlaf. Denn so viele Stunden hat das Semester gar nicht, wenigstens nicht während der Vorlesungszeit. Rico aber sagt dazu: «Mein Aufwand war nicht in dem Mass grösser als die Punkte, die ich mehr gemacht habe.» Er hat das System ad absurdum geführt.

2. Alibi-Übung Master

Wie macht man, was eigentlich unmöglich ist? Rico weiss es: «Die Notenschnitte der Veranstaltungen werden jeweils veröffentlicht.» Das lasse auf einfache Prüfungen schliessen. «Wenn man dann noch weiss, was sich womit kombinieren lässt, ist es problemlos möglich, mehr als die empfohlenen 30 Punkte zu holen.» So hatte Rico eigentlich sogar 108 Punkte machen wollen – leider verhinderten dies Überschneidungen bei den Prüfungsterminen. Er reduzierte auf schlappe 90 Credits. Dass er davon sechs nicht erreichte und am Ende nur 84 gutgeschrieben bekam, ärgert ihn: «Ich hatte eigentlich ein gutes Gefühl bei der Prüfung», sagt der 24-Jährige. Nun, man kann eben nicht alles haben.

Wenn ein Master of Law so leicht zu haben zu sein scheint, fragt sich, was dieser Titel überhaupt wert ist. Ironischerweise weiss das aber auch Rico nicht. Alle grundlegenden Fächer, wie etwa Privatrecht, schliesse man bereits im zweiten Bachelor-Jahr ab. Im Master könne man sich dann auf eine bestimmte Fachrichtung spezialisieren oder aber nach Lust und Laune studieren. «Hauptsache, man macht überhaupt einen Master. Denn ohne kommt man ja nicht weit», kommentiert Rico diese Ausgangslage. Irgendwie macht es den Anschein, als handle es sich bei diesem Studienprogramm um eine blosse Alibi-Übung. Da liegt es natürlich nahe, wenn Studierende diese so rasch wie möglich hinter sich  bringen wollen, um ihre Energie auf die Bewerbung auf ein Praktikum verwenden zu können. Denn auch ohne Praktikum kommt man nicht weit – es ist Voraussetzung für die Zulassung zum Staatsexamen.

3. Auch im Bachelor

Mag sein, dass Rico eine Ausnahme ist. Gleichwohl verdient es sein Fall, ernst genommen zu werden. Denn was er zu sagen hat, ist nicht erfreulich: Schon im Bachelor wird ECTS-Punkten ein höherer Stellenwert beigemessen als den Inhalten. «In Sachen Punktesammeln ist es im Bachelor ähnlich wie im Master.» Darum sei das  Assessment-Jahr auch das leichteste der drei, ist Rico überzeugt. Die wichtigste Fähigkeit im Jus-Bachelor sei Auswendiglernen, ob man die Materie versteht, spiele keine grosse Rolle: «Du kannst die Prüfungen der Vorjahre auswendig lernen und dir ansehen, nach welchen Schemata die Fragen funktionieren.» Dann ist es in der Tat leicht. Und dann besteht auch nicht die Gefahr, dass man zu umsichtig an die Aufgaben geht und sich mit Details aufhält. Nicht nur die Fragen werden nämlich nach Schemata gestellt, auch die Bewertung ist so organisiert. Deshalb gibt auch keine Punkte, was nicht in der Musterantwort steht. Wie nachhaltig so ein Studium ist, sei dahingestellt. Aber eben: Nachhaltigkeit gibt keine Punkte.

Immerhin sind im Bachelor-Programm die ECTS-Punkte einigermassen realistisch konzipiert, womit wenigstens ein Minimum ihrer Glaubwürdigkeit gewahrt wird.  Im Bachelor hält es auch Rico für unwahrscheinlich, dass man das vorgegebene Curriculum abkürzt: «Die Jahresprüfungen sind intensiv. Da mehr als das Empfohlene zu machen, stelle ich mir schwierig vor.» Gleichwohl: Der Aufbau des Jura-Studiums bekommt von Rico gar keine guten Noten. Die Mentalität unter den Studierenden auch nicht.

4. Ein beispielhafter Fall

Man hüte sich davor, aus diesen Kritikpunkten mangelnde Lehrqualität an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät ableiten zu wollen. Damit hat Ricos Schnelligkeit im Studium nämlich nichts zu tun. Es ist denn auch nicht so, als wäre die Situation an anderen Fakultäten nicht ziemlich die gleiche. Die Probleme sind struktureller Natur. Genau deshalb sind die sogenannten «Reformprozesse» bedenklich, die die ganze Uni auf den Kopf gestellt haben und die erst noch von der Uni selbst in Gang gesetzt wurden. Bedenklich ist, dass die Universität ihre besten Argumente verspielt, wenn sie ihre Kurse mit Kreditpunkten dotieren zu müssen meint. Als wären diese sonst nicht attraktiv genug. Und als gäbe es nicht unzählige hinreichend gute Gründe, hier zu studieren und in die Vorlesungen zu gehen.

Peter Streckeisen forscht und doziert an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Über die Bologna-Reform weiss er, dass das Programm zwei Ziele verfolgt: «Bologna will einerseits humanistische Traditionen stärken und Europa andererseits zu einem wettbewerbsfähigen Bildungs- und Wirtschaftsraum machen.» Welche der beiden Absichten zurzeit stärker gewichtet wird, ist schnell erkannt. «Gedacht war die Reform zunächst ein bisschen anders, als sie jetzt umgesetzt wird.»

Denn Streckeisen stellt die Tendenz fest, «dass mehr und mehr Studierende ein instrumentelles Verhältnis zum Studium haben». Das sei aber nicht nur der Ökonomisierung der universitären Bildung geschuldet, sondern habe verschiedene, zum Teil komplexe Ursachen: «Veränderte Zugangsmöglichkeiten zur Uni spielen hier eine Rolle, aber etwa auch andere Verwertungschancen von akademischen Titeln». Letzere seien durch zunehmende Konkurrenz in der Bildung einer regelrechten «Titelinflation» ausgesetzt. 

5. Verteidigung

An der Rechtswissenschaftlichen Fakultät ist man sich bewusst, dass das «ideale» Studium nicht existiert. Hinter der Studienkonzeption steht viel Arbeit. Dann braucht es Erfahrungswerte und Selbstreflexion und wiederum Diskussionen und neuerliche Anpassungen. Bereits 2010 hatte man im Rahmen grösserer Reformen das Bachelor- und Masterstudium neu durchdacht und zusammengestellt. Und gerade jetzt ist die Fakultät erneut daran, die Bachelor- und Masterstudiengänge zu überarbeiten. Die gegenwärtigen Probleme habe man erkannt und man werde sie im Rahmen der anstehenden Studienreform zu lösen versuchen. So wird im Dezember eine «Bologna-Kommission» darüber beraten, in welchem Umfang künftig Änderungen vorgenommen werden können und sollen.

Kritische Selbsthinterfragung findet also durchaus statt. Es ist denn auch nicht so, dass unter den gegebenen Umständen kein seriöses Studieren mehr möglich wäre. Im Gegenteil: «Unsere Studentinnen und Studenten sind erwachsene Menschen, die für sich selber entscheiden müssen, wie sie ihr Studium angehen wollen», heisst es auf dem Dekanat. Wer die Studierenden also ernst nehmen will, muss ihnen zutrauen, das Bestmögliche aus der Studienzeit herauszuholen. «Wir können den Leuten nicht ihre Selbstverantwortung abnehmen. Immerhin sind wir eine Universität, keine Schule», hält das Dekanat weiter fest.  Aus diesem Grund weist es auch den Vorwurf zurück, zu wenig Inhalte zu vermitteln. Es sei auch heute schon durchaus möglich, in Zürich solide juristische Bildung zu bekommen, und das werde auch rege getan. «Das spricht für die Rechtswissenschaftliche Fakultät.»

6. Verdikt

Gewiss, Kritik ist schnell geübt. Was getan werden müsste, ist schwer abzuschätzen. «Wäre ich in der Position dazu, hätte ich sicher Lust, vieles an der Uni zu ändern. Aber ich wüsste auch nicht, wo und wie man damit anfangen müsste», sagt Streckeisen. Sicher ist: Zur altmodischen Humboldt-Uni würde auch er nicht zurückkehren wollen.

Ein guter Anfang wäre vielleicht, wenn jetzt erkannt würde, dass es falsch ist, in betriebswirtschaftlichen Begriffen über die Uni nachzudenken. Dass es falsch ist, Anreize für effizientes Studieren zu schaffen, und dass Bildung nicht quantifiziert werden kann, davon abgesehen, dass sie sich nicht nur in «Leistung» niederschlägt. Denn letztlich hat die Uni einen Bildungsauftrag, und wenn sie diesen ernst nimmt, kann sie sich nicht einfach so optimieren und rationalisieren. Bildung ist immerhin ein bisschen komplizierter als etwa Import-Export.

Was die Studierenden betrifft, so empfiehlt Rico: «Lasst euch von Punkten und Notenschnitten nicht beeindrucken, sondern seid mutig und studiert, was euch interessiert. Auch wenn nicht alles gleich populär ist.» So hat er es selbst auch gemacht. Ein  einfältiger Punktesammler ist er nämlich beileibe nicht. Er hat in seinem Master anstelle der nötigen 90 ECTS-Punkte das doppelte Pensum absolviert. Nicht weil er musste, sondern aus Interesse: «Rechtswissenschaften faszinieren mich, seit ich zwölf bin.» Darum wollte er viel lernen. Und das hat er – auch über die Uni. ◊

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