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Caroline Maake, Präsidentin der PD-Vereinigung. (Bilder: Marco Rosasco)

«Für die Privatdozierenden ist das ein grosser Einschnitt»

in Thema/Uni als Arbeitgeberin von

Caroline Maake über versteckte Sparmassnahmen und andere Konsequenzen der neuen Universitätsordnung.

Am 1. August ist die neue Universitätsordnung in Kraft getreten. Diese bringt eine Reihe von Neuerungen mit sich, unter anderem eine Änderung des Lehrauftragswesens und der Habilitation. Ausserdem soll mit einer geplanten Revision des Universitätsgesetzes die Ständeordnung überarbeitet werden. Statt der angestammten drei gibt es künftig vier neu zusammengesetzte Stände, die Einsitz in verschiedenen universitären Gremien und Kommissionen haben: die Studierenden, der wissenschaftliche Nachwuchs, die Fortgeschrittenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und das administrative und technische Personal.

Zwei Jahre wurde um die Reform der Ständeordnung gefeilscht. Wie beurteilen Sie die Ergebnisse der Verhandlungen?

Die Neuordnung der Stände war überfällig. Dass das administrative und technische Personal einen eigenen Stand bekommt, ist sehr sinnvoll. Bei der zukünftigen Zusammensetzung der Stände sieht es aber schon anders aus. Man wird zum Beispiel die Angestellten der Uni nach Anstellungsverhältnis zuordnen, was ich nicht immer für sinnvoll halte. Ausserdem wurden verschiedene Anliegen noch nicht behandelt, obwohl sie allseits als Probleme erkannt werden.

Ein konkreter Gewinn bleibt also aus?

Der Gewinn für das administrative und technische Personal ist evident. Für Doktorierende ist es schwer abzuschätzen, ob sie im neu geschaffenen Stand der Nachwuchswissenschaftler besser aufgehoben sein werden als bei den Studierenden, wie das zuvor der Fall war. Ich persönlich sehe Schwierigkeiten – und deshalb haben wir uns ursprünglich auch dagegen gestellt –, weil teilweise beim sogenannten Nachwuchs auch die Betreuungspersonen der Doktorierenden vertreten sein werden. Das ist natürlich ungeschickt. Die Leute sollen ja offen diskutieren können. Wie gut das geht, wenn hierarchische Abhängigkeiten bestehen, ist fraglich und tendenziell zu Ungunsten derer, die in der Abhängigkeit sind.

Das war bis anhin besser geregelt?

Ich meine schon. Was die Habilitierten – also Privatdozierende und Titularprofessorinnen und Titularprofessoren – betrifft, ist die Änderung ein grosser Einschnitt, weil es unseren bisherigen Stand der «Privatdozierenden» in Zukunft nicht mehr geben wird. Der neue Stand der «Fortgeschrittenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler» kann aber auch eine Chance sein, weil jetzt zu den Habilitierten auch Personen dazukommen, die vorher im Mittelbau organisiert waren, aber de facto fortgeschrittene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder erfahrene Lehrende sind. Da sind auch ähnliche Themen oder Bedürfnisse zu erwarten wie bei den Habilitierten.

Ihr Stand wird in Zukunft also durchmischter sein?

Genau. Ich sehe das aber als Öffnung. Der Stand wird neu auch für wissenschaftlich hochqualifizierte Personen ohne Habilitation geöffnet. Vielleicht kann man dann standespolitisch sogar mehr erreichen, weil man einfach mehr Leute vertritt. In dieser Konstellation müssen wir natürlich trotzdem schauen, dass nach wie vor existierende habilitationsspezifische Themen nicht unter den Tisch fallen.

Wenn die Habilitation aber nicht mehr zwingendes Kriterium für akademische Titel und Ämter ist, wozu ist sie dann noch gut?

Natürlich fragt man sich intuitiv, wozu eine Habilitation gut sein soll, wenn es inzwischen andere, vielleicht attraktivere  Wege zu einer Professur gibt. In vielen Ländern ist die Habilitation auch völlig unbekannt. Dennoch ist die Popularität der Habilitation bei uns zurzeit ungebrochen. Es gibt viele Leute, die sie nach wie vor als hochwertige Qualifikation ansehen und diesen langwierigen und unsicheren Weg auf sich nehmen.

Aber die Habilitation wird stärker konkurrenziert?

Ja, aber damit muss man sich auseinandersetzen. Was ich für problematisch halte, ist die Zweispurigkeit in der Nachwuchsförderung, die die Universität gegenwärtig fährt. Wertschätzungen der Universität und Möglichkeiten für zum Beispiel Assistenz- oder Förderprofessuren sind völlig anders als für Habilitierte. Das führt oft zu tiefen Frustrationen bei den Habilitierten – was nicht gut ist für wichtige Leistungsträger der Universität – und zu ungleichen Bedingungen bei Bewerbungen auf höhere Stellen. Meines Erachtens müsste man entweder die Habilitation jetzt stärken mit mehr Rechten und Unterstützungen, damit die Personen bei späteren Bewerbungen eine reelle Chance gegenüber zum Beispiel Assistenz- und Förderprofessuren haben. Oder man schafft die Habilitation ab. Im Moment machen sich viele Nachwuchsleute falsche Hoffnungen und man lässt sie nicht selten im Unklaren. Das ist ein Problem.

Das heisst, Sie wären für eine Modernisierung und  Stärkung der Habilitation?

Ja. Oder man sagt adieu. Ursprünglich wollte man mit der Habilitation ja erreichen, dass sich Leute qualifizieren und Erfahrungen sammeln, um sich dann auf eine Professur zu bewerben. Vom Ehrgeiz, den man bei der Habilitation aufbringen muss, profitiert dann auch die Uni. Sie hat aber kaum Verpflichtungen, und eine Garantie auf eine Professoren-Stelle gibt es natürlich nicht. Heute hat die Uni international noch mehr Möglichkeiten, an hochqualifiziertes Personal zu kommen.

Man holt qualifiziertes Personal von extern, während viele schon hier sind, die weiterkommen möchten. Widerspricht sich das nicht?

Wenn eine Institution versucht, sich nur aus sich selbst heraus zu generieren, besteht die Gefahr, dass irgendwo eine Verknöcherung stattfindet. Frisches Blut von aussen ist notwendig, um das zu verhindern. Auf der anderen Seite halte ich aber auch die vielen befristeten wissenschaftlichen Stellen an der Uni nicht immer für klug. Der Brain Drain und Verlust von Spezialwissen ist leider dadurch immer wieder sehr hoch – übrigens nicht nur auf der Stufe der Habilitation. Das ist doch ein Verlustgeschäft für die Uni! Da brauchen wir einen klugen Mittelweg.

Wie sehen Sie das in Ihrem bisherigen Alltag als Medizinerin – decken diese Neuregelungen reale Bedürfnisse?

Der Bedarf an Dozierenden ist in der Medizin, wo wir zum Beispiel viel Kleingruppenunterricht haben, sehr hoch. Es wurde einigen vielleicht erst jetzt mit der Umstellung des Lehrauftragswesens klar, welches grosse Lehrpensum dabei durch Personen unterhalb der Professur abgedeckt wird. Aus verschiedenen Gründen leisten nämlich bei weitem nicht alle der ordentlichen Professoren die in der Regel vorgesehenen 6–10 Semesterwochenstunden Lehre. Irgendwer muss das also kompensieren. Die vielen Habilitierten kamen da sehr gelegen, da sie verpflichtet waren, ihre Lehrtätigkeit kontinuierlich vorzuweisen und teilweise kostenlos anzubieten.

Das fällt jetzt aber weg. 

Ja. Das heisst, die Privatdozentur wird zum Titel wie der Doktor, den man einmal macht und danach nicht mehr zu rechtfertigen braucht. Ausserdem ist die Chance, dass Lehre generell auch vergütet wird, grös-ser. Möglicherweise werden jetzt einige Habilitierte aber nicht mehr lehren, wenn die Verpflichtung aufgehoben wird. Das bezieht sich vor allen Dingen auf Personen, die finanziell nicht darauf angewiesen sind oder beruflich eh schon stark belastet sind, wie z.B. in der Medizin. Auch wenn diese Leute teilweise gerne gelehrt haben, werden verständlicherweise einige diese Verpflichtung abgeben und ihren Titel trotzdem behalten.

Die Neuerungen kommen also eher der Forschung als der Lehre zugute?

Ganz klar.

Es wäre ja auch im Interesse aller Beteiligten, wenn die Kriterien für das Recht auf Lehre nicht übermässig hoch wären.

Natürlich. Darum verstehe ich den Wegfall des Lehrnachweises auch nicht als Abwertung der Habilitation, sondern eher als Angleichung an die Gepflogenheiten bei den Ordinarien. Aber ich weiss, dass es diese Meinung gibt, und respektiere das.

Spielt es für Studierende eine Rolle, ob die Lehre von Ordinarien, Titularprofessorinnen oder Privatdozenten gehalten wird?

Nein, ich denke nicht. Für Sie kommt es darauf an, ob die Lehre gut ist oder schlecht. Dabei muss gesagt werden, dass man nicht als Lehrer geboren wird. Auch das muss man lernen. Die Uni verlangt zwar von Habilitationskandidaten den Nachweis von Didaktikkursen, aber diese Kurse finden erst ganz am Schluss des Prozederes statt. Und solche Kurse werden zum Beispiel von jungen Assistenz- oder Förderprofessoren gar nicht verlangt. Manche haben habilitiert vor der Berufung, aber es kann gut sein, dass Sie Professoren vorgesetzt bekommen mit geringer Lehrerfahrung.

Aus Sicht der Studierenden ist das nicht optimal.

Die Universität Zürich hat nach wie vor exzellente Dozierende. Ich sehe das Problem aber prinzipiell auch so. In vielen Fächern spielt bei Berufungen die Lehrerfahrung oft eine eher untergeordnete Rolle. Dazu kommt ein Trend in manchen Fächern, dass jetzt verstärkt Leute auf Mittelbau-Stufe in die Lehre einbezogen werden, die vorher durch erfahrene Habilitierte abgedeckt wurde. Das frühere Lehrauftragssystem ist jetzt aufgehoben und durch Anstellungen ersetzt worden.

Weshalb?

Da steckten juristische Gründe dahinter. Die Lehre erfolgt neu praktisch nur noch im Rahmen von Anstellungen an der Uni, die auch bezahlt werden müssen. Die Umstellung des Lehrauftragswesens verläuft im Grossen und Ganzen gut. In unseren finanziell etwas knapperen Zeiten wird diese Umstellungsphase aber auch gerne einmal dazu genutzt, dass man Lehre nicht mehr an Privatdozierende oder Titularprofessorinnen und Titularprofessoren vergibt wie zuvor, weil das zu teuer würde. Die Lehrprozente werden jetzt teilweise Assistierenden übergeben, die ohnehin angestellt sind und bei denen nur eine geringere Lohnerhöhung fällig wird.

Also haben wir es hier mit einer versteckten Sparmassnahme zu tun?

Ursprünglich war das sicher nicht das Ziel. Die Möglichkeit wird nun aber ganz klar dazu genutzt. Das Ganze kann man ausserdem als Nachwuchsförderung deklarieren – was positiv klingt und es sicherlich auch irgendwo sein kann. Zweifellos ist es sinnvoll, wenn Nachwuchsleute früher eigenverantwortlich in die Lehre miteinbezogen werden. Dann aber bitte nicht aus Spargründen, sondern um gute zukünftige Dozierende auszubilden.

Man sagt, man mache die Uni für Externe attraktiver, und lässt gleichzeitig aus Spargründen Assistierende in die Lehre einspringen, die ohnehin da sind. Das Potenzial wird in diesem Punkt also nicht genutzt.

Das stimmt. Aber es wurden in der Tat auch neue Stellen geschaffen für externe Spezialisten, die vorher nur Lehraufträge innehatten.

Für Assistierende kann es ein Gewinn sein, früh Lehrerfahrung zu sammeln. Andererseits bedeutet das einen Mehraufwand für jene, die eigentlich ihre eigene Forschung vorantreiben möchten.

Korrekt. Gute Lehre benötigt sehr viel Zeit, und die Gefahr besteht, dass diesen Leuten später der Forschungsoutput fehlt. Das muss auf jeden Fall vermieden werden, weil Forschung für eine akademische Karriere oft von grösster Bedeutung ist. ◊

Zur Person

Caroline Maake hat 2004 in Zürich habilitiert und ist seither Titularprofessorin für Anatomie an der Medizinischen Fakultät. Der Fachverein Medizin hat sie 2009 und 2012 zur besten Dozentin gewählt. Seit drei Jahren ist sie ausserdem Präsidentin der PD-Vereinigung.

 

Zur Person
Caroline Maake hat 2004 in Zürich habilitiert und ist seither Titularprofessorin für Anatomie an der Medizinischen Fakultät. Der Fachverein Medizin hat sie 2009 und 2012 zur besten Dozentin gewählt. Seit drei Jahren ist sie ausserdem Präsidentin der PD-Vereinigung.

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