Flavien Gousset will für die SP in den Nationalrat (Bild: Jonathan Progin)

Für eine Handvoll Flyer

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Flavien Gousset studiert Politik und Geschichte – und hat für den Nationalrat kandidiert. Am Schluss haben 17’543 Stimmen gefehlt. Eine Reportage über eine aussichtslose Kampagne.

Wie eine Gang aus einem Coming-of-Age-Film schlendern Flavien und seine Freund*innen in Richtung Café Boy im Kreis 4, wo sie zum letzten Brunch vor der Verkündung der Wahlresultate verabredet sind. Sie müssen noch ein paar Stunden warten, dann wissen sie endlich, was die letzten Monate gebracht haben. Es ist Sonntag, der 20. Oktober, die Wahllokale im ganzen Land schliessen in wenigen Augenblicken. Draussen ist es trüb, die Sonne zeigt sich nicht.

Zuerst aber soll gefrühstückt werden. Gefeiert wird – wenn überhaupt – erst später. Man bestellt Gipefli, Butter, Konfi und warmen Kaffee oder kalten Saft. Flavien lächelt ununterbrochen, lässt seinen Wahlkampf Revue passieren. Was er nicht alles erlebt habe, und wie froh er sei, dass seine Freund*innen ihn unterstützt haben. «Ohne euch hätte ich das nie geschafft, danke!» Seit fünf Monaten dreht sich beim 22-jährigen Studenten alles um die eidgenössischen Wahlen. Flavien kandidiert für den Nationalrat, auf Listenplatz 28 für die SP Kanton Zürich. Seine Chancen auf einen Sitz in Bundesbern stehen gleich null. Er weiss das. Trotzdem ist er nervös: «Ich habe alles gegeben, ich will nicht enttäuscht werden.»

An den Café-Tischen nebenan sitzen nur wenige Gäste. Erst später sollen sich hier Parteigenoss*innen der SP Kanton Zürich einfinden; im Café Boy wird die offizielle Wahlfeier der Zürcher SP-Sektion stattfinden. Noch ist es aber ruhig. In einer Ecke schliessen Mitarbeitende der Partei einen Laptop an den Projektor. Auf einer Leinwand wird den ganzen Tag SRF gezeigt. Hochrechnungen, Resultate, Prozentpunkte.

Am Schluss steht die SP auf verlorenem Posten da. Die Wahlsieger*innen sind die grünen Parteien. Die Zürcher SP verliert zwei Nationalratssitze, neu stellt sie sieben statt neun. Flavien hat es nicht in den Nationalrat geschafft: Er hat 59’055 Stimmen erhalten. Dafür hat er 40’000 Flyer verteilt, unzählige Telefongespräche geführt, zu wenig geschlafen, Nichtwähler*innen mobilisiert, das Studium vernachlässigt, an zwei Podien mitdiskutiert und Videos für Social Media gedreht.

16. August 2019, Party zum Wahlkampf-Auftakt im Provitreff

Flavien steht an der Eingangskasse zum Provitreff, ein Lokal am Sihlquai 240 in Zürich. Er hat zur Lancierung seines Wahlkampfes geladen und begrüsst alle, die zu seiner Party erscheinen, persönlich. Fast alle kennen ihn, wünschen ihm nur das Beste für seine Kandidatur, und zahlen die fünf Franken für den Eintritt, bevor sie an die Bar bestellen gehen. «Falls ich davon Gewinn machen sollte, fliesst alles in meine Nationalratskampagne», verkündet Flavien stolz.

An diesem warmen Sommerabend ist die Tanzfläche leer, dafür hocken alle auf der Terrasse vor der Limmat, nippen an ihren Bieren oder rauchen Zigaretten und Joints. Auch SP-Nationalrätin Jacqueline Badran ist da. Sie sitzt an einem roten Tisch, diskutiert mit jungen Leuten über zu hohe Mietpreise und zu tiefe Klimaziele und raucht Kette. Badran gehört zu Flaviens grössten Unterstützer*innen. «Sie hat sogar auf Facebook Werbung für mich gemacht», sagt Flavien.

Jacqueline Badran (vorne) unterstützt Flavien – auch an seiner Party (Bild: zVg)

Der Provitreff füllt sich erst gegen Mitternacht. Eine Nebelmaschine hüllt die Tanzfläche ein, man kann nur die Umrisse seiner eigenen Hand erkennen. Flavien sitzt in einem Nebenraum und trinkt sein erstes Bier. «Ich bin überwältigt, es sind so viele Leute da.» Er sei noch ganz euphorisch. Die letzten paar Stunden ist er umhergetigert, hat vielen Gästen die Hand geschüttelt, «Hallo, schön bist du da» und «Tschüss, bis später» gesagt. Er sei heute Abend «etwa tausend Mal» gefragt worden, warum er kandidiere. Er antwortete stets: «Ich will mehr Lust in der Politik zeigen, Politik ist nichts Biederes.» Und: «Wir können zusammen eine andere Welt erschaffen.»

27. September 2019, Klimademo in Zürich

Freitagnachmittag, kurz vor Feierabend. Tausende Menschen ziehen durch die Bahnhofstrasse. Die Klimabewegung hat für den «Earthstrike» mobilisiert. Flavien läuft zusammen mit Juso-Mitgliedern am äussersten Rand der Klimademo mit. Er grinst in die Menge, brüllt mit, wenn die Parolen lauter werden.

Der Wahlkampf nimmt an Fahrt auf. Mittlerweile hat Flavien zwei Auftritte an Podiumsdiskussionen in Stäfa und Küsnacht hinter sich. «Das war ganz schön. Anstatt im Publikum zu hocken oder das Podium zu moderieren, konnte ich meinen Überzeugungen Ausdruck verleihen», sagt er. In Stäfa sei er zur Schule gegangen, am Podium habe er deshalb viele ehemalige Lehrpersonen getroffen. «Ihr positives Feedback hat mich sehr gefreut.» Parallel dazu hat er Flyer verteilt und ein Wahlvideo auf Instagram und Facebook gestellt, das eine Kollegin geschnitten hat. Es zeigt ihn, wie er zuhause einen Kaffee in zwei Tassen einschenkt und sich darüber aufregt, dass sich angeblich viele Leute nicht um die Demokratie scheren. Für die Verbreitung des Videos auf Social Media hat er bisher 500 Franken investiert. «Das lohnt sich. Schon jetzt haben auf Instagram und Facebook über 13’000 Leute das ganze Video durchgeschaut.» Und zu seiner Überraschung haben sich danach ein paar Leute gemeldet, um bei ihm Flyer zu bestellen. «Die haben sie dann selber in ihren Quartieren verteilt», schwärmt er. «Bis jetzt bin ich zufrieden. Ich habe das Maximum herausgeholt.»

Zuhause am Küchentisch hat Flavien sein Wahl-Video gedreht (Bild: Jonathan Progin)

Dass es für Flavien so gut läuft, hat er aber auch seiner Arbeitgeberin zu verdanken. Seit September 2018 arbeitet er bei der SP als Campaigner für die nationalen Wahlen, zu denen er selbst antritt. Ausserdem leitet er den Wahlkampf von SP-Nationalratskandidat Jean-Daniel Strub. Dass er dadurch einen Vorteil hat, will er gar nicht abstreiten: «Klar ist das Netzwerk innerhalb der SP sehr nützlich.» Allerdings übernehme er in seinem Job vor allem Koordinationsarbeiten oder telefoniere mit Mitgliedern, um sie für Wahlkampfaktionen zu gewinnen. «Mache ich meinen Job gut, ist das auch Werbung in eigener Sache», gibt er zu.

Unterdessen hat der Demonstrationszug sein Ziel, den Helvetiaplatz, erreicht. Plötzlich taucht Jacqueline Badran hinter zwei kleinen Gruppen auf, als hätte Flavien sie zum Ende der Klimademo bestellt. Sie umarmt ihn zur Begrüssung und Flavien erzählt, dass er schon bald alle seine 40’000 Flyer verteilt habe. Badran fragt zuerst ungläubig nach, wie er denn das jetzt geschafft habe, klopft ihrem Schützling dann aber auf die Schulter und zündet sich eine Zigarette an. «Damit ihr’s alle wisst», sagt sie in die Runde, «wer Flavien nicht wählt, ist ein Totsch.»

2. Oktober 2019, Telefonieren in der Zentrale der SP Kanton Zürich

Noch etwas mehr als zwei Wochen bis zu den Wahlen. Flavien kommt aus dem Plenarsaal des SP-Sekretariates: Die letzten zehn Minuten habe er mit einer älteren Frau telefoniert, um sie zu überzeugen, SP statt FDP zu wählen. «Ich habe erst am Schluss des Gesprächs begriffen, dass Sie bereits gewählt hat. Aber sie sagte, ich sei ein flotter junger Mann und beim nächsten Mal würde sie anders wählen», sagt er grinsend.

Seit 17 Uhr hockt Flavien mit einem Dutzend anderen Campaigner*innen in einem stickigen Raum in der SP-Parteizentrale und telefoniert im ganzen Kanton herum, um Leute für die Wahlen zu mobilisieren. Hier soll die Wahl entschieden werden. Man versucht die Positionen der SP zusammenzufassen und ihre Wichtigkeit zu erklären. «Die Krankenkassenprämien sind zu einem grossen Problem geworden. Es kann nicht sein, dass gewisse Haushalte 20 Prozent von ihrem Einkommen für die Prämien ausgeben müssen», sagt Flavien am Telefon und gestikuliert dabei so, als stünde er auf einer Theaterbühne.

Die SP hat sich selber zum Ziel gesetzt, 27’000 Telefongespräche zu führen. Dafür soll in den letzten vier Wochen vor den Wahlen jeden Abend von Montag bis Donnerstag und tagsüber am Samstag angerufen und überzeugt werden. «Wir können so viele Leute erreichen und an die Urne holen. Dazu ergeben sich noch spannende Gespräche.» Und das alles mache so oder so viel mehr Spass als Plakate aufzuhängen, erzählt er. Flavien spielt in der Telefonaktion allerdings eine Doppelrolle: Er ruft im Auftrag der SP an, ist aber auch persönlich auf Stimmenfang. Darauf angesprochen, antwortet er direkt: «Das ist doch kein Problem. Am Telefon sage ich einfach: ‹Grüezi, ich heisse Flavien Gousset und ich bin Nationalratskandidat für die SP›.»

Telefonaktion der SP Zürich: Das Ziel sind 27’000 Anrufe (Bild: Jonathan Progin)

Bis kurz vor halb zehn Uhr dauert die Telefonaktion. Die meisten sind schon nach Hause gegangen, während die letzten Verbliebenen ihre Taschen zusammenpacken. Flavien hat gerade sein Feierabendbier geöffnet und blickt müde in den fast leeren Raum. «Ich hoffe einfach, dass wir keine Sitze im Nationalrat verlieren. Und dass ich meinen Listenplatz halten kann.» Einen Linksrutsch, so ist Flavien sicher, gäbe es sowieso.

5. Oktober 2019, Flyern am Herbst-Markt in Uetikon

Auf den letzten beiden Kilometern vor dem Bahnhof Uetikon lächelt Flavien etwa dreimal von einem Wahlplakat. Hier, an der unteren Goldküste, ist Flavien-Land. Bevor er in die Stadt zog, wohnte er in der Nähe von Stäfa. Darum hat er heute beim Flyer verteilen am Uetiker-Markt so etwas wie ein Heimspiel.

In Uetikon wurde Flavien angesprochen, weil er auf einem Wahlplakat erkannt wurde (Bild: Jonathan Progin)

Flavien steht am Rand einer Kurve vor dem Eingang zu den Marktständen und spricht ein älteres Paar an. «Haben Sie schon gewählt?», fragt er und drückt ihnen einen Flyer in die Hand. «Ich kann ihnen wärmstens die SP-Liste empfehlen.» Die Frau dreht den Flyer um und mustert Flavien. «Ah, Sie sind doch der Herr Gousset. Ich kenne Sie vom Plakat beim Bahnhof», sagt sie. «Ich habe sie gewählt!»

Doch die meisten, die Flavien anspricht, haben nicht so viel Geduld. Sie wollen schnell weiter, lächeln ein wenig verkrampft und nehmen den Flyer mit. Die Marktbesucher*innen werden wohl nicht zum ersten Mal von einer politischen Partei angesprochen. Neben dem Stand der SP haben auch die Grünen, die SVP und die FDP ihre Propaganda ausgefahren.

Als es anfängt zu regnen, bleibt ein junger Mann neben Flavien stehen. Er gibt sich als Anarcho-Kapitalist aus, redet lautstark über «die menschliche Natur» und nennt Flavien einen «Kommunisten». Er wähle sicher nie die SP, weil er als Unternehmer die ganze Zeit unter Sachzwängen gestellt und vom Staat drangsalieret werde. Flavien nimmt die Diskussion mit ihm auf, bereut diese Entscheidung aber nach zwei Stunden. Im Zug zurück in die Stadt sagt er dann: «Zum Glück haben solche Menschen nicht das Sagen in der Schweiz. Die soziale Kälte, die dann herrschen würde, will ich mir gar nicht vorstellen.»

Ein Passant bezeichnet Flavien als «Herr Kommunist» (Bild: Jonathan Progin)

15. Oktober 2019, Flyern auf dem Helvetiaplatz im Kreis 4

Noch fünf Tage bis zu den Wahlen. «Ab jetzt geht es nur noch um die Mobilisierung. Mit neuen politischen Inhalten muss ich jetzt nicht mehr kommen», sagt Flavien auf dem Helvetiaplatz. Er hat nur noch knapp 100 Flyer übrig. Diese sollen an diesem kühlen Herbstmorgen verteilt werden, dann hat er sie alle weg, die 40’000 bestellten Flyer.

«Ich habe es geschafft, Leute ausserhalb meiner Filterblase zu erreichen», bilanziert Flavien. Als Beweis zeigt er seinen Chatverlauf auf Instagram. Seit gestern Abend schreibt er alle an, die in seiner Instagram-Story angegeben haben, dass sie noch nicht wählen gegangen sind. Mit seinen Nachrichten will er sie noch an die Urne holen. Die meisten kennt er nicht, sie seien ihm gefolgt, weil sie sein Wahlvideo gesehen hätten, erklärt Flavien. «Es ist Mittwoch! Die sollen jetzt endlich ihre Unterlagen ausfüllen!» Das sei auch das einzige, was er jetzt noch bewirken könne. Denn der Wahlkampf sei so gut wie vorbei. «Bis am Samstagabend werde ich noch auf der Strasse stehen und Nichtwähler*innen zu mobilisieren versuchen» Wichtig sei jetzt vor allem, dass die Leute abstimmen gehen.

Flavien freut sich, dass bald alles vorbei ist. Dann habe er endlich wieder Zeit, sich richtig zu erholen und Freund*innen zu treffen, die er schon lange nicht mehr gesehen habe. «Und ich kann dann endlich mein letztes Uni-Modul abschliessen», sagt er. Seit Semesteranfang sei er etwa dreimal an der Uni gewesen, für mehr habe es nicht gereicht. «Wahlkampf macht müde», sagt er und holt sich einen Kaffee, bevor er die letzte Handvoll Flyer verteilt.

20. Oktober 2019, Wahltag, Café Boy, Zürich

Um 15 Uhr ist es aus. Flavien wechselt zwischen Smartphone, Laptop und Leinwand. Er guckt ungläubig auf die ersten Prognosen für den Kanton Zürich. «Minus vier Prozent?», ruft er aus. Dabei hatte es für das rot-grüne Lager so gut begonnen: Fast überall nur Sitzgewinne, selbst im Kanton Glarus eroberte ein Kandidat der Grünen einen Sitz im Ständerat. Aber nun die Hochrechnung aus Zürich. Das bedeutet minus zwei Sitze im Nationalrat, keine Umfrage hat so einen grossen Verlust vorausgesagt. Im ganzen Raum herrscht Ungläubigkeit.

Flavien und seine Freund*innen treffen sich am Wahlsonntag zum Brunch (Bild: Jonathan Progin)

Flavien ist enttäuscht: «Damit habe ich nicht gerechnet, das ist brutal.» Derweil aktualisieren seine Freund*innen alle zehn Sekunden die Internetseite des Kantons. Die ersten Schlussresultate aus den kleineren Gemeinden treffen ein. «417 Stimmen in Küsnacht! 83 Stimmen in Rheinau!» Am Schluss erzielt Flavien 59’055 Stimmen und rutscht auf der SP-Liste eine Position nach unten auf Platz 29. Gleichzeitig erzielen die Grünen einen historischen Wahlsieg und verschieben damit die Machtverhältnisse im Parlament nach links.

«Es ist ein Wechselbad der Gefühle», sagt Flavien gefasst. Er könne sich kaum freuen, auch wenn es gesamtschweizerisch nicht schlecht aussehe. Seine Hoffnungen wurden nicht erfüllt: die SP hat Sitze verloren und er konnte seinen Listenplatz nicht behalten. Trotzdem ist er nicht nur enttäuscht. Es gibt für ihn persönlich auch positive Nachrichten: In seinem Heimatbezirk Meilen gelingt ihm ein Sprung auf den zehnten Listenplatz und in Stäfa überholt er die bisherigen Nationalräte Thomas Hardegger und Martin Naef.

Flavien wirkt befreit. Er muss jetzt nicht mehr von Plakaten lächeln und alle zum Wählen animieren. Er hat jetzt etwas aufgebaut, dass er nicht aufgeben will. «Ich habe durch den Wahlkampf eine grosse Reichweite auf Social Media aufbauen können.» Vielleicht werde er bald ein Video-Format lancieren. Lust, sich einzusetzen, habe er immer noch: «Ich will den Menschen vermitteln, dass wir unsere Gesellschaft gemeinsam umgestalten können.» Und dafür brauche man ja nicht im Nationalrat zu hocken.

 

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