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Geflüchtete schnuppern Uni-Luft

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An der Uni läuft zurzeit ein Pilotprojekt, das Geflüchteten den Zugang zur Akademie erleichtern soll. Was gut gemeint ist,  wird leider nur halbbatzig umgesetzt.

An unserer Uni  ist auf Anfang des laufenden Semesters  ein Projekt ins Leben gerufen worden, das den Namen «Schnuppersemester» trägt. Idee dieser Zusammenarbeit des VSUZH, der Amnesty-International-Hochschulgruppe Zürich und der Abteilung für Internationale Beziehungen ist es, geflüchteten Menschen einen Einblick in den studentischen Alltag zu ermöglichen. Die 20 Teilnehmenden können sich auf ein allfälliges späteres Studium vorbereiten und dabei ihre Deutschkenntnisse verbessern, so die Absicht der Initianten und Initiantinnen. Freiwillige, die ihrerseits regulär an der Uni studieren, begleiten die Teilnehmenden bei der Bewältigung alltäglicher Schwierigkeiten. Den Teilnehmenden des Projekts bleibt jedoch ein richtiger Studierendenstatus verwehrt und sie sind nicht zu Prüfungen zugelassen. Voraussetzungen zur Bewerbung waren ein angefangenes oder bereits abgeschlossenes Studium sowie Aufenthaltsstatus B, F oder N.

Blosses Image-Projekt?

Im Grunde ist es begrüssenswert, Menschen, die geflüchtet sind und die im Alltag ohnehin schon viele Hürden zu überwinden haben, den Zugang zur Uni zu eröffnen. Trotzdem gilt es angesichts dieses zweifelsohne gut gemeinten Versuches nicht in wohlige Selbstgefälligkeit zu verfallen, sondern das Projekt genauer zu betrachten.

Das Wort «Flüchtling», das in der universitären Medienmitteilung ausschliesslich verwendet wird, reduziert ein Individuum auf die Tatsache, dass sie oder er das ehemalige Heimatland verlassen musste.  Davon abgesehen, dass es sich um dieselbe abwertende Verkleinerungsform wie etwa in «Schönling» oder «Fiesling» handelt. Reden von «Flüchtlingen» und «Studierenden» schafft einen Graben zwischen «denen von hier» und «denen von dort». In diesem Diskurs geht eine wichtige Tatsache verloren: Nämlich die, dass «die von dort» genauso Menschen sind wie alle – Leute mit einer persönlichen Geschichte, mit Ängsten und Vorlieben, einem Berufsabschluss, einem sozialen Umfeld zum Beispiel.

Das Verständnis von Geflüchteten als homogene Masse führt oft zu der bevormundenden Annahme, ein wie auch immer geartetes «Wir» müsse «ihnen» helfen. Im Fall des Schnuppersemesters ist dieses «Wir» die Universität Zürich. Gemessen an der Studierendenzahl von 26’000 erscheint allerdings das neue Projekt, das 20 Geflüchteten einen Gasthör-Zugang zu regulären Vorlesungen gewährt (also 0.0008 % der Studierenden), schlicht lächerlich. Es ist schleierhaft, wieso die Universität Zürich das Projekt derart wenigen Geflüchteten ermöglicht und wieso sie ihnen nicht einmal die Legi zugesteht, was den Geflüchteten die Teilhabe am universitären Leben faktisch verunmöglicht. So bleibt auch fraglich, wieso das Schnuppersemester mehr sein soll als ein Image-Projekt, das der Uni Zürich den guten Anschein einer Wohltäterin verleihen soll.

Praktischer Ansatz ist gefragt

Es ist mir wichtig zu betonen, dass ich mich nicht grundsätzlich gegen tatsächliche Hilfe für Geflüchtete stelle. Ähnlich wie beispielsweise die «kriPo», die das Schnuppersemester in einem Communiqué scharf kritisierte, finde ich aber, dass die Hilfe praktisch nützlich sein und nicht in einer Alibi-Übung verharren sollte, wie es das diskutierte Beispiel tut.

Denn ein weiterer zentraler Punkt wird in der Euphorie um das Programm unter den Teppich gekehrt: Bildung taugt in der gegenwärtigen kapitalistischen Verwertungslogik nur als Ausbildungs-Etwas. Ein bisschen als Auditorin oder Auditor reinzusitzen und für sich zu lernen, ist schön und gut – die mit eifriger Autodidaktik verbrachten Stunden interessieren aber auf dem Arbeitsmarkt später bestimmt niemanden mehr.

Keine Kompatibilität

Knapp die Hälfte der Teilnehmenden des Schnuppersemester verfügt bereits über einen universitären Abschluss. Weshalb sollten sie also die Mühe auf sich nehmen, nochmals ein Studium zu absolvieren? Leider ist es die Realität vieler immigrierter Akademikerinnen und Akademiker, an der Ausübung ihres gelernten Berufs gehindert zu sein, weil ihre Abschlüsse in der Schweiz nicht anerkannt werden. Dieses Problem ist natürlich nicht auf dem Mist der Uni Zürich gewachsen, sondern als Ergebnis einer restriktiven Politik des europäischen Migrationsregimes zu begreifen.

Anstatt also 20 Auserwählten kurzzeitg das Schnuppern von hiesiger Uni-Luft zu erlauben, sollten endlich Anstrengungen unternommen werden, um ausländische Studienabschlüsse mit inländischen kompatibel zu machen. Das wäre ein praktischer Ansatz, der vielen Leuten das ohnehin schwierige Leben merklich erleichtern würde. ◊

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