Der öffentliche Raum wird immer noch von den Männern dominiert. Frauen wollen ihn zurückerobern (Bild: Nuria Tinnermann).

Gleichstellung auf Marokkanisch

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In Marokko erobern Frauen öffentliche Räume zurück. Dabei haben sie ihre eigene Form des Feminismus entwickelt.

Sie raucht, sie trinkt, sie tanzt und sie traut sich, lauthals gegen gesellschaftliche Probleme anzusingen – die marokkanische Shikhat ist das Herz jedes Festes. Doch nach der Vorstellung nimmt sie wieder ihren Platz am Rande der Öffentlichkeit ein. Wer sind die Shikhats, die jedes Bein zum Tanzen bringen und zugleich von der marokkanischen Gesellschaft geächtet werden? Eine Karikatur der selbstbestimmten Frau oder eine marokkanische Adaption des Frauenstreiks? Die Antwort ist viel komplexer: Die Shikhat verdient ihren Lebensunterhalt als Entertainerin auf grossen marokkanischen Feiern. Ihre Rolle besteht darin, die Stimmung aufzulockern und die Gäste zum Tanzen zu animieren. Während dafür in Westeuropa meistens Wein und Bier ausgeschenkt wird, trägt die Shikhat mit ihren Showeinlagen zur allgemeinen Heiterkeit bei.

Sobald das Rampenlicht aus ist, verschwindet jedoch die Bewunderung für die Shikhats wieder. Ihr Ruf eilt ihnen voraus: Sie sind bekannt dafür, keinen festen Wohnort zu haben, Alkohol zu konsumieren, Zigaretten zu rauchen und kein Blatt vor den Mund zu nehmen, wenn es um ihre sexuellen Erlebnisse oder um Probleme der marokkanischen Gesellschaft geht. Dieser Lebensstil bringt den Beruf der Shikhats in Verruf, denn sie halten der Gesellschaft ungefragt den Spiegel vors Gesicht und thematisieren speziell auch die paradoxe Position der Frau in ihren Liedern.

Rückeroberung des Raumes

Die Situation der marrokanischen Frauen ist eine sehr ambivalente. Einerseits können Frauen in Marokko seit 1963 wählen – ganze acht Jahre früher als in der Schweiz. Andererseits verhindert der Einfluss der religiösen gesetzgebenden Moral jegliche Weiterentwicklung seit diesem Zeitpunkt. Viele im Gesetz niedergeschriebene Diskriminierungen wurden seit dem Amtsantritt des neuen und weniger konservativen Königs Mohammed VI angepasst. Die praktische gelebte Gleichstellung lässt jedoch noch auf sich warten. Traditionell beschränkte sich der Bewegungsspielraum der Frauen auf die private Sphäre – also auf alles, was hinter den eigenen vier Wänden passiert. Der öffentliche Raum ist hingegen auch heute noch stark von Männern dominiert.

Der Aufenthalt in der öffentlichen Sphäre ist immer mit verbaler sexueller Belästigung verbunden und hinterlässt bei Frauen den Eindruck, nicht willkommen zu sein. Die Eroberung des öffentlichen Raumes, sei es in Form von mehr weiblicher Repräsentation in der Politik oder durch die Bekämpfung von sexueller Belästigung auf der Strasse, sind die zentralen Anliegen marokkanischer Frauen, die zahlreiche Initiativen ins Leben gerufen haben. 

Eine Initiative in App-Form wird Gesetz

Das Ziel ist es, den marokkanischen Frauen den öffentlichen Raum zu erschliessen. Eine der zahlreichen Initiativen ist die «Union féministe libre», die in Form einer App der sexuellen Belästigung auf der Strasse und dem damit einhergehenden Tabuthema, an den Kragen will. Die im Google Play Store erhältliche App heisst «Mashoufoushnou», was übersetzt so viel heisst wie: «Darf man denn nicht mal hinschauen?». Mit der App können Betroffene sexuelle Belästigung an Ort und Stelle anonym melden.

Die praktisch gelebte Gleichstellung lässt noch auf sich warten.

Projekte wie «Mashoufoushnou» sind eine Antwort auf die zahlreichen Demonstrationen gegen Gewalt an Frauen in den letzten zwei Jahren. Vor sechs Monaten folgten schliesslich auch gesetzliche Massnahmen: Das Gesetz 103.13 gegen Gewalt an Frauen ermöglicht es, jegliche Form von sexueller Belästigung anhand einer detaillierten Definition gesetzlich zu verfolgen. Dies betrifft unerwünschte, anzügliche Kommentare auf der Strasse, via SMS, als Sprachnachricht oder in Form eines Bildes. Es kann als Aufforderung verstanden werden, sexuelle Belästigung nicht einfach hinzunehmen, sondern Täter direkt zu konfrontieren. Das öffentliche Bewusstsein für das Thema hat dank den Initiativen mittlerweile stark zugenommen. Nun gilt es, diese Aufmerksamkeit auf weitere Themen auszudehnen.

Der nächste Schritt

Badhia Nahhass widmet sich der Geschlechtergleichstellung. Sie ist Soziologieprofessorin und hat sich auf die Entstehung und Verbreitung von sozialen Bewegungen spezialisiert. Die meisten Ungleichheiten zwischen Mann und Frau sind in Marokko in der «Moudawana» festgelegt, dem Familiengesetz. Dieses basiert, im Gegensatz zu anderen Gesetzen, auf religiösen Grundsätzen, was den öffentlichen Diskurs darüber um einiges erschwert. «Die nächsten Forderungen von feministischen Organisationen werden voraussichtlich die Gleichstellung von Mann und Frau im Erbrecht betreffen», sagt Nahhass. Denn das Erbrecht stützt sich auf eine archaische Interpretation des Korans, die besagt, dass Frauen halb so viel wie Männer erben sollen. Nahhass ist überzeugt, dass diese Bewegung in Zukunft weiter Zuwachs erhalten wird. Sie sagt jedoch auch: «In der Vergangenheit wurden die Frauenbewegungen meistens durch einen gewaltsamen Extremfall ausgelöst. Ich denke nicht, dass die Bedingungen für die nächste grössere Bewegung für dieses Thema schon gegeben sind.» Demnach sind streikende Massen auf den Strassen nicht bald zu erwarten. Aber heisst fehlende Sichtbarkeit auch Nicht-Existenz?

Frauenstreik – ein westliches Konzept?

Der Frauenstreik in der Schweiz ist nebst der Forderung nach Gleichstellung auf jeder Ebene auch ein Solidaritätsstreik. Solidarität mit der Pflegefachfrau und der Bäuerin, die faire Arbeitsbedingungen und Bezahlung einfordern. Solidarität mit Frauen, die aufgrund ihres Frauseins eine benachteiligte Position in ihrer Gesellschaft einnehmen. Feminismus will überall Gleichberechtigung, aber es gelten nicht überall die gleichen Massstäbe. Speziell der im Westen geborene Feminismus wird in islamischen Ländern oft als eine Art neo-kolonialer Eindringling wahrgenommen. Dies soll nicht heissen, dass Marokko die feministische Bewegung an sich ablehnt, sondern dass das Land seine eigene Version davon entwickelt. Dieser eigenständige muslimische Feminismus hat es vielen Frauenbewegungen überhaupt ermöglicht, ihren Forderungen Gehör in der Bevölkerung zu verschaffen. Denn ohne deren Unterstützung ist keine Bewegung erfolgsversprechend.

Am Internationalen Frauenstreiktag werden Passantinnen keine streikende Menge vor dem marokkanischen Parlament vorfinden. Die Bewegung ist zwar weniger sichtbar als in westlichen Ländern, doch sie existiert. All dies würde die Shikhat vielleicht besingen wollen. Tanzend und ihr Haar schwingend würde sie den Raum einnehmen und zu rhythmischer Musik ebendiese Geschichten von Ungleichheit und Widerspruch erzählen. Sie ist frei von jeglichen gesellschaftlichen Einschränkungen, sie kann tun und lassen, was sie will, denn sie ist nicht wirklich Teil der Gesellschaft. Sie nimmt das Augeschlossensein in Kauf, denn sie streikt, lehnt das ihr zugewiesene Rollenbild ab. Wie eine Shikhat müsste man sein, aber vielleicht nicht in Marokko.

In der Ausgabe #3/19 wird durchgehend das generische Femininum verwendet. Anlass ist der nationale Frauenstreik vom 14. Juni, der Thema dieser Ausgabe ist.

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