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Stolz: Gerd Müller zeigt seine umfangreiche Fotosammlung.

Glückssache oder Handwerk?

in Campus von

Gerd Müller war jahrzehntelang als Fotojournalist unterwegs. Seine Werke will er nun in einem Buch erneut veröffentlichen.

Vor einem unscheinbaren Haus inmitten eines Kirchdorfer Wohnquartiers weisen mehrere handgemachte Schilder auf eine Wallpaper-Werkschau hin. Dahinter steckt der Zürcher Fotojournalist Gerd Müller, dessen Berichte und Bilder vergangenen März der Öffentlichkeit zugänglich waren.

Ausstellung in Eigenregie

Jede Wand des Hauses in Kirchdorf AG ist mit Fotos und Artikeln beklebt, die von Müllers Reisen um die Welt zeugen. Die auf Papier ausgedruckten Bilder zeigen unter anderem Nelson Mandela neben Bildern zur Apartheid in Südafrika, während Angela Merkel und Wladimir Putin nahe eines Artikels über Orang-Utans hängen.

Die Idee zur Ausstellung hatte Müller, als er sich um das Haus einer verstorbenen Bekannten kümmerte. Das nun plötzlich leerstehende Haus nutzte Müller, um sein Medienarchiv durchzusehen. «Dieses Haus bietet mir eine einmalige Gelegenheit», erklärt er. In einer Galerie müsse man bei weniger Platz viel mehr bezahlen. Zudem diene die Ausstellung gleichzeitig als «Testgelände»: Müller will ein Buchprojekt über seine Erlebnisse realisieren. «Hier kann ich mit den Besuchern im Gespräch sehen, wen was interessiert, dies wird mir dann bei der Themenauswahl helfen», meint Müller.

Beeindruckende Begegnungen

Ein Beispiel der faszinierenden Erlebnisse Müllers sind dessen Begegnungen mit Nelson Mandela. Gleich zweimal traf er diesen, erstmals kurz nach dessen Freilassung in Südafrika, das zweite Mal als frischgekürten Nobelpreisträger in der Schweiz. Das Erstaunliche: Obwohl Müller Mandela in Südafrika bloss aus der Ferne sah, erkannte der Revolutionär ihn Jahre später in Zürich wieder. «Das hätte ich nicht erwartet», berichtet Müller, «ich hatte beinahe eine Herzattacke».

Keine Kunst

Fotojournalismus sei keine Kunst – hingegen sei es sehr oft eine Kunst, eine gute Reportage zu machen, so Müllers Meinung. «Improvisation und Flexibilität sind genauso wichtig wie das technische Handwerk, man muss offen sein und die Menschen für sein Anliegen begeistern können», erzählt er. Man könne ein Bild nicht immer planen, «deswegen hielt ich meine Kamera mit Autofokus immer bereit» – und selbst dann seien 95% der Bilder nicht zu gebrauchen. Im Fotojournalismus verschwimme somit die Grenze zwischen Glückssache und Handwerk. Müller selbst absolvierte ursprünglich eine kaufmännische Ausbildung und kam durch das Reisen zur Fotografie. Nach einem dreimonatigen Praktikum bei einem Studiofotografen beschloss er: «Das ist zwar schön, aber nichts für mich», und brachte sich den Rest autodidaktisch bei. «Als Fotograf ist man erst mal respektlos, da man zuerst fotografiert und dann fragt», erklärt Müller. Deswegen sei es wichtig, über die Kamera lächeln zu können, um nicht in den Bereich der Sensationspresse abzudriften.

Inexistenter Fotojournalismus

Mittlerweile hat sich Müller «aus dem Metier zurückgezogen», die heutige Rolle der Medien gefalle ihm nicht. «Fotojournalismus ist heute halbwegs inexistent und hat in den Medien komplett an Stellenwert verloren», berichtet er. «Früher verdiente man pro Bild 50 Franken, heute sind es bloss wenige Rappen, die zwölfseitigen Bildspreads sind aus den Magazinen verschwunden.» So sei es schwierig, als Fotojournalist zu leben. Könnte Müller einen letzten Auftrag wählen, würde er sich erneut mit Regenwäldern befassen. Jetzt konzentriert er sich auf sein Buchprojekt. ◊

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