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Sollte man die alten Schmöker noch lesen?

Goethe für heute und morgen

in Campus von

Für viele sind Klassiker eine Qual. Ein Plädoyer für eine Lektüre fernab vom Gedanken an ein literarisches Haltbarkeitsdatum.

In den Philologien wird immer noch viel Zeit in die Lektüre des  Kanons investiert – dafür scheinen oftmals Abstriche bei der Gegenwartsliteratur gemacht zu werden. Über diese Gewichtung beklagen sich bereits Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, die nicht verstehen, wieso sie sich mit «dicken Wälzern aus längst vergangenen Zeiten» herumschlagen sollen. Aber auch Studierende sind bisweilen der gelben Reclam-Hefte überdrüssig. Fest steht, Literaturklassiker bergen durchaus das Potential, die  Lesenden abzuschrecken: Das Handeln der Protagonistinnen und Protagonisten erscheint manchmal antiquiert und die Sprache nur schwer zugänglich. Dennoch gibt es viele Gründe, sich auch mit den älteren Werken der Weltliteratur auseinanderzusetzen.

Keine Entscheidung nötig

Erstens braucht man gar nicht das eine zu wählen und das andere auszuschliessen. Die Versöhnung von klassischer und zeitgenössischer Literatur liegt auch Philipp Theisohn, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Uni, besonders am Herzen. Pointiert fasst er auf die Frage nach dem Stellenwert von Klassikern zusammen: «Ich denke, es geht nicht um ein Entweder-Oder, um Gegenwart oder Vergangenheit.» Die Lektüre von Klassikern trägt nämlich ganz entscheidend zum Verständnis der Gegenwartsliteratur bei. Und obwohl sie manchmal etwas angestaubt daherkommen, haben die meisten der Klassiker zeitlose Themen zum Sujet: Es geht um Gut und Böse, um Wahrheit und Lüge, Krieg und Frieden, Sein oder Nichtsein. Ödipus und das Schicksal, Romeo und Julia und die Liebe, Faust und der Sinn des Lebens  – sie alle tanzen urmenschliche Pas de deux auf der Bühne der Weltliteratur. Die immergleichen Motive werden aber je nach Entstehungszeit und -ort in ein ganz anderes Licht gerückt; viele Klassiker vermögen es deswegen, neue Perspektiven auf stets aktuelle Fragen zu eröffnen. Klassiker tragen aber auch einfach zur Allgemeinbildung bei: Gesellschaftliches Leben ist durch das Voraussetzen kollektiver Wissensbestände geprägt. Dazu gehören auch grundlegende literarische Kenntnisse. Ausserdem können Lesebegeisterte dabei nicht nur literarische Kenntnisse erwerben, sondern  oftmals auch Einblicke in ganz andere Wissensbereiche gewinnen. Denn oft wecken lange Epen und kurze mittelalterliche Verserzählungen zum Beispiel die Neugierde, sich eingehender mit der Vergangenheit zu beschäftigen, und motivieren so zu historischen Nachforschungen.

Nichts vernachlässigen

Trotzdem sind Klassiker manchmal schwer verständlich. Wenn Beharrlichkeit und Wissbegierde aber erst eimal über die Bequemlichkeit gesiegt haben, wird man als Leserin oder Leser so manchen sprachlichen Schatz heben können. Zur Belohnung wird das Sprachbewusstsein geschärft, der Wortschatz vergrössert und der Horizont erweitert, was natürlich auch viele moderne Werke bewirken. Laut Theisohn geht es in erster Linie  darum, «den Studierenden das Bewusstsein zu vermitteln, dass ein Lektürekanon dynamisch ist. Bücher werden ja aus ganz bestimmten Gründen zu ganz bestimmten Zeiten in den ‹Klassiker›-Status erhoben – und sie können in anderen Zeiten wieder aufhören, Klassiker zu sein. Die Beschäftigung mit Gegenwartsliteratur lässt uns in anderer Weise an diesen Kanonisierungsprozessen teilhaben als die Beschäftigung mit bereits ‹kanonisierten› Werken. Man sollte deswegen das eine nicht für das andere vernachlässigen.»   ◊

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