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Harmlose Heldin

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Das Schauspielhaus feierte am 10. September Saisoneröffnung im Schiffbau mit der Premiere von «Antigone von Sophokles – in einer Bearbeitung von Feridun Zaimoglu und Günter Secker».
Den Zuschauerinnen und Zuschauern wird in der Halle des Schiffbaus wenig Raum zugestanden. Zu einnehmend ist die überdimensionierte Bühne (Barbara Ehnes), ein fünfstrahliger Stern, um neben sich mehr als ein dreistöckiges Gerüst für das Publikum zu dulden. Zu selbstherrlich ist Kreon, neuer König Thebens, um sich mit weniger zufrieden zu geben. Die Entgrenzung der Bühne hin zu den eingezwängten Zuschauerinnen und Zuschauern entspricht dem Geltungsanspruch autokratischer, oppressiver und Freiheiten beschneidender Macht: Wer kritisiert, wer zuwiderhandelt, wer dem Staat schadet, der wird verleumdet, mundtot gemacht oder gar ausgeschaltet.
Sophokles’ Tragödie «Antigone» wurde als «Widerstandsgeschehen» beschrieben, bei dem der Autokrat Kreon (Hans Kremer) seiner Antipodin Antigone (Elisa Plüss) und ihren Fürsprechern zuerst mit zunehmender Härte begegnet und erst dann einlenkt, als es schon zu spät ist. Eine politisch entweder bedrückende oder ermutigende Umschreibung der klassischen griechischen Tragödie, bei der Figuren wie Erdogan und Kim Jong-un angedeutet und ihre im Kern krankenden und rückständigen Systeme aufgedeckt würden, wäre möglich gewesen. Stattdessen haben die Autoren Zaimoglu und Seckel eine inhaltliche, sprachliche sowie dramaturgische Schwundform des Stücks gebastelt.
Das Zuwenig an Regie (Stefan Pucher) führt bei gleichzeitigem Zuviel an Personal zu Ausfransung und Verzettelung der Handlung. So hat die Heldin Antigone ihre Strahlkraft verloren, sie ist zum kindisch-aufmüpfigen Mädchen in glitzerndem Achtzigerjahre-Sportkostüm (Kostüme: Annabelle Witt) verkommen, das so laut schreit, wie ihre Gesinnung blind und harmlos ist. Sie hätte das Publikum im Käfig lehren können, was Kritik und vehementer, selbstloser Widerstand bedeuten, verliert sich aber in Vulgarismen und pseudofeministischem Gehabe. Was Antigone versäumt, macht diese «Antigone»-Inszenierung nicht wett.

«Antigone von Sophokles — in einer Bearbeitung von Feridun Zaimoglu und Günter Secker» läuft noch bis am 24. Oktober im Schauspielhaus Zürich.

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