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    Verbale Gelwalt im Internet nimmt zu.

Haters gonna hate: anonym oder nicht

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Die Anonymität des Internets begünstigt den dort verbreiteten Hass, so die gängige Volksmeinung. Ein Trugschluss, wie eine Studie der Uni Zürich zeigt.

Der Hass im Netz nimmt zu. Letztes Jahr hat die schweizerische Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (Kobik) 389 Meldungen über rassistische oder hetzerische Kommentare erhalten. Im Vorjahr waren es nur 85, wie Guido Balmer, Informationschef des Justizdepartements, im August der WOZ sagte. Noch besorgniserregender ist jedoch, dass der Hass im Internet salonfähig geworden zu sein scheint, zumal sich wütende Kommentierende immer seltener hinter der Anonymität verstecken.

Volksmund und Wissenschaft

Das widerspricht der allgemeinen Auffassung und den auch in Medien häufig anzutreffenden Phrasen wie «Aggression gibt es vor allem wegen der Anonymität des Internets» oder «Könnte man nicht anonym kommentieren, gäbe es viel weniger Online-Hass». Die Soziologin Prof. Dr. Katja Rost stellt eine grosse Diskrepanz zwischen öffentlichen Medien und Wissenschaft fest: «Es wird aus dem Bauchgefühl die Hypothese aufgestellt, dass anonyme Leute mehr zu Beschimpfungen neigen, aber aus wissenschaftlicher Sicht ist dies umstritten.»

Nicht-anonymes Hassen nimmt zu

Es scheint gar das Gegenteil der Fall zu sein. Sportmoderatorin Steffi Buchli konnte es gemäss WOZ kaum glauben, als sie das Profil eines Hasskommentators aufrief: Klarname, sogar Beruf und Handynummer waren öffentlich ersichtlich. Florian Klenk schrieb beim österreichischen Nachrichtenportal falter.at: «Als ich ein paar Stunden später [nach dem Tweet, Anm. d. Red.] meine Facebook-Timeline checkte, staunte ich. Linke Sau! Dreckskerl! Bolschewik! Schwein! Grösstes Arschloch von Österreich! So nannten mich Menschen, die ich nicht kannte und die ihre Identität nicht anonymisierten.» Und Patrick Zürcher (Name von der WOZ geändert) relativierte einen aggressiven Facebook-Kommentar unter seinem Klarnamen mit: «Ich […] bin ein kleiner Nobody. Niemand kennt mich. Ich habe einfach einen Spruch fallen lassen. Das sehen auch nur ein paar wenige Leute.»

Studie bestätigt Zusammenhang

Was der Alltag bereits zu beweisen scheint, bestätigt nun auch die Wissenschaft: Nicht die Anonymität begünstigt Aggression, sondern die Nicht-Anonymität. Die Studie des Soziologischen Instituts trägt den Titel «Digital Social Norm Enforcement: Online Firestorms in Social Media». Katja Rost, Lea Stahel und Bruno S. Frey publizierten sie im Juni 2016.
Das Team analysierte in 1‘612 Online-Petitionen der Plattform openpetition.de die halbe Million Kommentare, die zwischen der Gründung im Mai 2010 und dem Juli 2013 online gingen. Diese untersuchten sie auf Aggression, indem sie direkte Beleidigungen, Fluchwörter und Ausdrücke von Empörung und Verachtung zählten und in Relation zur Kommentarlänge setzten. Ob die kommentierende Person dies – durch ein aktivierbares Kästchen – anonym tat oder nicht, war auf dem vom Plattformbetreiber gelieferten Datensatz ausgewiesen. Ohne sonstige namentliche Angaben, wegen des Datenschutzes.

Dass beim Kommentieren Pseudonyme verwendet wurden, die in der Studie als nicht-anonym gezählt wurden, schätzen die Soziologinnen als geringes Risiko ein: «Es gibt wenig Anreize dafür. Einerseits wären solche Stimmen ungültig, wenn es herausgefunden wird, andererseits wäre es viel Aufwand, mit mehreren falschen Unterschriften eine Petition signifikant zu beeinflussen.»

Weitere Forschung soll Gründe beweisen

Lea Stahel kann sich mehrere Gründe vorstellen, warum nicht-anonyme Personen in ihren Kommentaren aggressiver sind: «Wenn sie zum Beispiel Akteure , die in ihren Augen soziale Normen verletzen – sei es ein Politiker oder ein Unternehmen – bestrafen wollen, haben sie keinen Grund, anonym zu sein. Sie machen es aus einer moralischen Überzeugung und können dazu stehen. Und auch die höhere Glaubwürdigkeit kann ein Grund sein.»
Schlussendlich macht die Studie aber keine wissenschaftliche Aussage über die Gründe für das Resultat. Die Interpretationen machen aufgrund der sozialpolitischen Theorie, die der Studie zugrunde liegt, Sinn; es handelt sich aber momentan immer noch um eine Hypothese. Katja Rost meint dazu: «Das ist Gegenstand für zukünftige Studien.»

Freie Mitarbeiterin bei der ZS. Studentin an der ZHAW. Schreiberling bei Tag, Tagträumerin bei Nacht.

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