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Aviva Rocks (26) im «Redneck Heaven» in Feldbach. (Bild: Karina Gander)

«Hauptsache geil aussehen»

in Campus/Porno/Thema von

Porno-Darstellerin Aviva Rocks über Sex am Set, Silikon, Fetische und Feminismus.

Aviva Rocks, woran denkst du, wenn du eine Porno-Szene drehst?

Wie sehe ich aus? Ist meine Pose gut? Ziehe ich den Bauch genug ein? Stimmt das Licht? Da ist man professionell und denkt nicht etwa an die private Posti-Liste.

 

Wie sieht dein durchschnittlicher Arbeitsalltag aus?

Ich stehe auf, gehe mit den Hunden raus, treibe Sport, mache den Haushalt und bin dann bis am Abend vor der Cam. Das sind so vier bis fünf Stunden täglich. Manchmal bis zu sieben Stunden. Am Wochenende oder zwischen den Cam-Sessions drehe ich Filme und am Abend strippe ich, beispielsweise an Polterabenden. 

 

Ein 100-Prozent-Job also. 

Wenn nicht mehr. 

 

Was für Leute hast du im Aviva-Rocks-Chat? 

Von Studenten über Klubbesitzer bis zu Arbeitslosen ist alles dabei. Und vom Alter her so zwischen 18 und 50, oder noch älter. So lange sie halt mögen. 

 

Was verdienst du?

Mein Mann arbeitet als Vorarbeiter auf dem Bau und ich verdiene mehr als er; fast im fünfstelligen Bereich. Man darf aber nicht denken: «Ich mache jetzt Webcam und werde reich». Es braucht Zeit, um sich ein Netzwerk aufzubauen, man muss sich vermarkten, in den sozialen Medien präsent sein. 

 

Eigentlich hast du als Hundefriseurin gearbeitet. Wie bist du zum Porno gekommen?

Durch das Geld. Ich wollte mehr erreichen, nicht nur arbeiten, um zu überleben. Zudem musste ich für den Job nach Wallisellen, hatte keine Lust mehr. Dann habe ich zuerst gestrippt, um schnell viel Geld ohne Sex zu verdienen. So habe ich die Cam kennengelernt und bin dann so zum Porno gekommen. 

 

Als du deinen Job aufgegeben hast, konntest du dir da schon vorstellen, mal Pornos zu machen?

Ich war immer an Erotik interessiert, war Fan von den Darstellerinnen und habe sie bewundert. Irgendwann traute ich mich und sagte: Ich möchte das auch. Und dann nahmen die Dinge ihren Lauf. 

 

Was ist deiner Meinung nach das grösste Missverständnis über deinen Beruf?

Dass Webcam-Girls Prostituierte sind. Aber die Jobs wurden vermischt, weil zig Webcam-Girls zu wenig verdienten und angefangen haben, anzuschaffen. 

 

Wirst Du manchmal mit einer Prostituierten verwechselt?

Täglich mehrfach! Zum Beispiel, wenn ich mit den Hunden raus gehe und dann nach Hause komme und eine Nachricht sehe: «Hey, ich habe dich eben gesehen, was kostest du?»

 

Beleidigt dich das?

Nein, aber es nervt. Sie können zwar nichts dafür, weil viele Frauen halt beides anbieten, aber es wäre schön, wenn ich sie nicht immer aufklären müsste, dass das zwei unterschiedliche Dinge sind. 

 

Wie muss man sich die Stimmung am Set vorstellen?

Die ist entspannt. Man macht Witze. Oft ist auch die Freundin des Darstellers auf dem Set. 

 

Wenn ich pornographische Videos schaue, habe ich manchmal das Gefühl, dass das den Frauen doch keinen Spass machen kann, dieses brutale Rein-Raus. Was sagst du dazu?

Klar macht man nicht alles auf dem Set auch privat gern. Aber wenn du merkst, dass die keinen Spass haben, dann spielen sie einfach schlecht.

 

Also schaue ich Pornos mit schlechten Darstellerinnen?

Als Darstellerin musst du spielen, dass du es geil findest. Das ist halt der Job. Und es ist bei jedem Job so, dass man manches lieber macht als anderes. Mir kann beispielsweise keine Frau sagen, dass sie es geil findet, wenn sie unten drei Schwänze drin hat.  

 

Fühlst du dich nie ausgenutzt oder diskriminiert? Am Set wirst du ja auch gewürgt und geschlagen.

Nein, gar nie. 

 

Umgekehrt: Macht dir der Sex beim Dreh Spass?

Wenn ich keinen Spass daran hätte, wäre es der falsche Job. Wenn man keinen Spass hat an Sex – an viel Sex –, hat man es schwer. 

 

Aber was genau macht Spass?

Das Gefilmtwerden und die Leute am Set. Ich hatte bisher nur tolle Teams bei den Drehs. 

 

Was würdest du nie tun im Film? 

Gang Bang. Eben: drei Schwänze unten drin. 

 

Gibt es etwas, was du gerne verändern würdest an deinem Job?

Ich wünschte, es gäbe mehr lokale Pornoproduktionen. Es ist schwieriger als Schweizerin. Die deutschen Produzenten bevorzugen deutsche Darstellerinnen, weil sie dort tiefere Anreisekosten haben und kein Hotel bezahlen müssen. Dann müsste ich auch weniger reisen. Und leider gibt es hier auch keine Darstellerinnen, die nach Porno aussehen, mit riesigen Silikon-Möpsen, wie mir das gefällt.

 

Wie hat dein Umfeld reagiert, als du begonnen hast, als Porno-Darstellerin dein Geld zu verdienen?

Lustigerweise hatte beim Strippen niemand ein Problem. Aber als ich mit der Cam anfing, sind viele Freunde gegangen oder ich habe den Kontakt abgebrochen, weil sie beispielsweise meinem Mann Nachrichten geschickt haben wie: «Darf ich die Brüste deiner Frau anfassen? Ich geb dir eine Kiste Bier dafür.» 

 

Und die Eltern?

Die sind stolz! Und haben Freude, dass ich meinen Traum lebe, mein eigenes Geld verdiene, eine Karriere habe, auf eine andere Art halt …

 

Aber in der Beiz – ist deinem Vater das nicht unangenehm?

Nein, der erzählt das stolz. Und meine Mutter hat Werbung von mir auf ihrem Auto. 

 

Wirst du im Alltag oft erkannt? 

Das ist ja das Ziel! Aber es kommen immer nur Frauen, die nach einem Selfie fragen. Die Männer sprechen mich nie an, weil sie sich dann ja outen müssten. Sie schreiben mir dann später im Chat. 

 

Erhältst du Fanpost?

Sehr viel und aus der ganzen Welt. Lustig ist es, wenn ich Postkarten aus den Ferien erhalte. Eine Frau hat mir an Weihnachten etwas gebastelt aus diesen Plastik-Perlen, die man aufbügelt. Ich bekomme auch Post aus China und Argentinien. Da frag ich mich dann schon, wie die auf mich kommen. Ich drehe doch nur Pornos! 

 

Sind Pornos etwas für Männer?  

Auch für Frauen, ich habe ja früher auch geschaut. 

 

Aber in deinem Chat sind nur Männer? 

Ja, fast nur. Eine Frau kann sich halt im Ausgang einen holen, wenn sie es braucht, egal wie hässlich sie ist. Wir haben es da einfacher. Als Mann ist das schwieriger. 

 

Was kostet so ein Live-Chat?

Rund einen Franken pro Minute. Aber jeder Clip produziert auch passives Einkommen, weil es sich ja später jeder auf meiner Website kaufen kann.

 

Würdest du dich als Feministin bezeichnen?

(lacht) Ausgerechnet ich! Ich bin sehr auf Bimbo eingestellt. Das Barbie-Dummchen. Ich bin nur eine Hülle – geil aussehen ist die Hauptsache. Das ist meine Einstellung. Und so verdiene ich mein Geld. 

 

Und was machst du mit dem Geld? 

Mich operieren! Es für mich ausgeben. Aber natürlich habe ich auch ein Sparkonto.  

 

Was hast du durch deinen Job über Sex gelernt? 

Beim Porno drehst du ja recht normale Sachen, darum habe ich eher durch die Webcam gelernt. Dort lernte ich Fetische kennen, von denen ich nicht dachte, dass es sie gibt. Ohrläppchen zum Beispiel. Oder einer wollte, dass ich ihn wie ein Insekt behandle. Er war dann eine Fliege und ich musste ihn zwischen meinen Brüsten zerdrücken.  

 

Hat sich dein privater Sex verändert?

Nein, ich will immer noch gleich viel Sex. Aber der private ist halt anders, weil da Gefühle dabei sind. Und da denke ich vielleicht eher mal an den Postizettel, wie jede andere Frau wohl auch. Aber im Gegensatz zum Job habe ich wirklich Lust und gehe zu ihm hin und frage: Willst du auch? 

 

Kommst du vor der Cam?

Für die Männer.

 

Du hast einmal gegenüber dem «Blick» gesagt, Pornos vermittelten ein verzerrtes Bild von Sex. Inwiefern? 

Im Porno ist alles übertriebener, dort stöhnen die Frauen, wenn sie jemandem eins blasen. Es ist alles mehr dargestellt. Die Männer denken dann, das ist bei allen Frauen so, dabei wurden sie für den Film rasiert, gestylt und ihre Körper ausgeleuchtet.

 

Ist das nicht gefährlich?

Nein. 

 

Und wenn ein Jugendlicher dann gewaltsam an eine junge Frau rangeht, weil er denkt, so sei das richtig?

Dann muss er einfach lernen, dass es nicht so ist. Etwas anderes gibt es nicht. Hollywood ist ja auch nicht das reale Leben. 

 

Und wie glaubst du, dass Pornos den Sex von Erwachsenen beeinflusst?

Gleich. Die Männer denken, alle Frauen finden «Bamm-bamm-rein-raus» geil. 

 

Aber das ist doch beschissen, wenn ich dann an einen Typ gerate, der ständig Pornos konsumiert hat. 

Schau, mein Job ist es, ihnen zu vermitteln, dass wir Frauen so sind. Wenn er das nicht vom echten Leben unterscheiden kann, ist das sein Problem.

 

Hat sich deine Sicht auf Männer verändert?

Ich muss mir immer überlegen, ob jemand ein User ist. Und die Männer haben einfach immer das Gefühl, dass sie mit mir über Sex reden müssen. Dann muss ich sagen: Hey, ich bin auch ein Mensch! Dann sind sie überrascht, dass ich normal rede oder auch mal im Schlabber-Pullover an ein Grillfest gehe. 

 

Fühlst du dich wohler oder unwohler in deinem Körper, seit du als Pornodarstellerin arbeitest?

Ich fühle mich wohler, weil ich mir meine gewünschten OPs kaufen kann. Wenn ich mir Bilder von vor zwei Jahren ansehe, gefällt mir das nicht. Heute bin ich selbstbewusster und habe Freude an meinem Aussehen. 

 

Was hast du dir alles machen lassen?

Also zweimal die Brüste und alles mögliche aufgespritzt, wie die Wangen. Im Mai lasse ich mir die Nase verkleinern. Und auch die Brüste möchte ich nochmal vergrössern. Heute habe ich 600 Gramm Silikon pro Brust, mein Traum wären 1000–1500 Gramm. 

 

Gibt es etwas, womit du nicht zufrieden bist? 

Mein Arsch dürfte grösser sein, ich trainiere jetzt dafür. 

 

Wer war dein Kindheitsidol?

Pamela Anderson. Die fand ich schon immer toll .

 

Und was wolltest du werden?

Tierärztin. Oder zumindest etwas mit Tieren machen.

 

Und heute machst du etwas mit Männern. 

(lacht) Ist ja fast dasselbe.  

 

Wie lange möchtest du noch im Geschäft bleiben?

So lange ich ankomme und Spass dabei habe. Es gibt auch Frauen, die sind mit vierzig noch im Geschäft. Deine Fans werden ja mit dir alt. 

 

Und danach?

Ich will in diesem Bereich bleiben. Vielleicht hinter der Kamera, vielleicht als Domina. 

 

Ist es dir ein Anliegen, dass ehrlicher über Pornos gesprochen wird?

Ja, denn es ist etwas, wofür man sich nicht schämen muss. Bei einer Prostituierten verstehe ich es eher, dass man nicht darüber reden will. Aber Cam ist ja nichts Verbotenes und man geht auch nicht fremd. 

 

Wenn du die ideale Porno-Szene inszenieren könntest: Wie würde diese aussehen? 

Ich habe selbst schon zwei Filme produziert und würde einen richtig abgefuckten Horror-Porno auf Hollywood-Niveau à la «Saw» machen. Sowas schaue ich mir auch privat gerne an – so mit Hardcore-Szenen und Folter. Ich bin ein Horror-Freak.

 

 

Zur Person 

Aviva Rocks (26) ist Pornodarstellerin, Cam-Girl und Stripperin. Sie arbeitet selbstständig, lebt im Kanton Zürich und erhält Fanpost aus der ganzen Welt.

 

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