Mit Rennrad und Sportkleidung im Einsatz für hungrige Zürcher*innen: Velokurierin Ronja Trachsler (Bild: Dominik Fischer).

Heldin in Neonfarben

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Die Studentin Ronja Trachsler verbringt ihren Nebenjob auf dem Velo. Eine Schicht an den Fersen einer Velokurierin.

Direkt an der hektischen Hohlstrasse am Fusse der Hardbrücke treffe ich Ronja vor Beginn ihrer Abendschicht. Hier liegt die zentrale Disposition der Freddy Wiesner Gastronomie, für die Ronja seit zweieinhalb Jahren als Kurierin ausliefert. Geliefert wird für die Restaurantketten Nooch, Negishi, Miss Myu und The Butcher.

Mehr Vereinsheim als Büro

Die Disposition ist spärlich eingerichtet und von Neonlicht beleuchtet. Der Eingang zum Raum ist mit den Velos der Kurier*innen vollgestellt, weiter hinten öffnet er sich für gemütliche Sofas und die Schreibtische der Koordinator*innen. Dahinter stapeln sich Kisten mit Cola, Rivella und Bier. Dazu gibt es eine Kochplatte, auf welcher gelegentlich Pasta zubereitet wird, sowie einen Umkleideraum mit Waschbecken und Waschmaschine. Früher sei sie hier noch öfter nach der Arbeit «verhockt», erzählt Ronja. Die Stimmung im Team sei kollegial, beim Feierabendbier lerne man sich schnell kennen. Die «Dispo» hinterlässt den Eindruck eines Vereinsheims, die Angestellten wirken mehr wie Mitglieder eines Sportclubs. Alle im Team sehen drahtig und fit aus, dabei sind die meisten Gelegenheitsraucher*innen.

Die Sparte ist männlich dominiert, zu den insgesamt 60 Kurier*innen des Pools gehören nur zehn Frauen. Doch Ronja erzählt: «Neben meinem Architekturstudium an der ETH ist die Kurierarbeit der ideale Nebenjob.» Auch wenn sie derzeit das pflichtgemässe Praktikum für ihren Bachelor absolviert, fährt sie noch mindestens eine Schicht pro Woche, es würde ihr sonst fehlen. «Hier ist man beim Arbeiten an der frischen Luft und hat flexible Arbeitszeiten, man kann so viele Schichten übernehmen, wie es einem passt», schwärmt sie.

Rasen nur mit Helm

Ich bin mehr schlecht als recht auf die Probefahrt vorbereitet mit meinem Fleecepullover und den normalen Hosen. Die anderen Fahrer*innen raten mir, Jacke und Schal auszuziehen, denn «beim Fahren wird dir schnell heiss». Ronja trägt Velo-Schuhe und -Hosen und darüber windschnittige Sportkleidung. Dazu kommt noch das grellorange T-Shirt mit dem Namen des Restaurants. Die Kleidung und das Velo müssen die Kurier*innen hier jedoch selbst mitbringen. Die 30 Rappen pro Stunde, die der Arbeitgeber als Materialkosten zahlt, reichen dabei in der Regel nicht aus.

Ein freundlicher Mitarbeiter leiht mir einen Velohelm aus. Die Kurier*innen haben im Strassenverkehr einen rücksichtslosen Ruf. Trotzdem oder gerade deshalb verzichtet niemand auf einen Helm und Beleuchtung. Unfälle sind selten, kommen aber vor. Auch bei Ronja. Bei einem Sturz prellte sie sich die Hüfte, eine Passantin rief den Krankenwagen. Doch alles nicht so schlimm: «Nach ein paar Stunden hatte ich genug und lief aus dem Spital wieder heraus», wiegelt sie ab.

Auf die Piste

Dann geht es schon los. Von der «Dispo» am Hardplatz fahren wir über die Hardbrücke zur Nooch-Filiale an der Heinrichstrasse. Beide Lieferungen müssen nach Höngg, zur Limmattalerstrasse. Das bedeutet: den Berg hinauf. Bin ich auf der Aufwärmrunde noch verschont worden, so kriege ich nun schnell zu spüren, was mich erwartet. Sowohl was die Routen angeht, die sie ohne Navigationsgerät einschlägt, als auch das Tempo. Beides muss man sich erarbeiten: Als Ronja anfing, wohnte sie noch nicht in ihrer Zürcher WG und die Strecken waren ihr unbekannt. «Durch das viele Fahren lernt man die Stadt und all die Strassen schnell kennen und wird richtig fit», erzählt sie. Schliesslich umfasst der Lieferradius die ganze Stadt, von Altstetten bis Leimbach, von Affoltern bis ins Seefeld.

Beim Zwielplatz brennen mir die Lungen und mit Mühe halte ich den Anschluss. Dabei trägt Ronja zusätzlich den grell orangenen, überdimensionalen Rucksack mit den zwei Lieferungen auf dem Rücken. 18 Minuten schlägt Google Maps bei ruhiger Verkehrslage für den Weg zur Limmattalerstrasse 233 vor. Wir brauchen knapp elf. Erleichtert stelle ich am Ziel fest, dass auch sie ein wenig ins Schwitzen gekommen ist. Dankend lehne ich ab, als sie fragt, ob ich die Treppen hoch mit zu den Kund*innen laufen möchte. Stattdessen nutze ich die Zeit zur Erholung. Beim Gedanken, dass die Rückfahrt bergab entspannter werden würde, habe ich mich getäuscht. Dabei sind wir gut in der Zeit, beide Lieferungen sind locker pünktlich überbracht. Doch Ronja erzählt: «Wenn man die ersten Fahrten langsam macht, kommt man den ganzen Abend nicht recht auf Trab. Drum fange ich gerne schnell an.»

Bei Wind und Wetter

Selten geht es während den Lieferungen zurück zur Disposition. Über eine Handy-App kommen laufend die neuen Abhol- und Lieferorte herein, sodass man immer unterwegs ist. Einige Kund*innen sind baff, wenn sie sehen, dass die Kurier*innen bei Wind und Wetter mit dem Velo liefern. Leider spiegelt sich das selten im Trinkgeld wieder. Durch die Überhandnahme der Online-Zahlungen hat sich dieses noch verringert. Im Internet empfinden die Kund*innen wohl weniger den Druck oder das Bedürfnis, die Fahrer*innen mit einem Trinkgeld wertzuschätzen.

Aber wie fühlt es sich denn an, bei strömendem Regen auszuliefern? «Das finde ich super. Beim Fahren durch Regen und Schnee fühlt man sich stark, fast unverwundbar. Das ist ein cooles Gefühl.» Unnötig zu sagen, dass Ronjas Immunsystem abgehärtet ist und sie fast nie krank wird. Zudem macht es der Nebenjob fast überflüssig, noch sonstigen Sport zu betreiben. Nur auf das Snowboarden im Winter kann Ronja nicht verzichten.

Europäischer Treffpunkt

Seit 1996 finden jährlich die «European Cycle Messenger Championships» (ECMC) statt. Hier trifft sich die hippe europäische «Cycle Messenger Community» und hat zwischen verschiedenen Wettkämpfen Zeit für Bier, Party, Yoga, Tattoos und Tourismus. Letztes Jahr war Ronja in Brüssel dabei, und auch dieses Jahr wird sie dabei sein, wenn die ECMC in Basel stattfindet. Für viele Kurier*innen ist die ECMC das berufliche Highlight des Jahres.

Nachdem wir von der Hardbrücke nach Höngg und dann nach Wollishofen geflitzt sind, klinke ich mich auf dem Rückweg aus und lasse Ronja ihre Schicht zu Ende bringen. Für Ronja und ihre Mitarbeiter*innen sind 8-Stunden-Schichten üblich, doch ich bin nach zwei Stunden komplett erledigt. Wenn man sich an die Anstrengung gewöhnen kann, ist der Job äusserst reizvoll. Fast täglich mehrere Stunden auf dem Velo, das muss mehr ein Lifestyle sein als ein Beruf, denke ich mir. 

 

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