Isabelle Menke (Laura), Katrija Lehmann (Agnes) und Lena Drieschner (Lena) in "Die zweite Frau" (Bild: Matthias Horn).

Herrin und Dienerin

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Theater — In der Kammer des Schauspielhauses Zürich scheint der Startbildschirm eines Jump’n’Run-Games zu laufen: Während die Besuchenden in den Saal hereinströmen, rennt Agnes (Katrija Lehmann) schwer atmend über die Bühne, springt voller Wut eine Wand hoch, schafft es aber nicht auf die nächste Ebene und beginnt von vorne. Die Atemlosigkeit und die Kraft dieser Szene ziehen sich durch die gesamte Handlung des Theaterstücks «Die zweite Frau»: Agnes’ verhasste Mutter Laura (Isabelle Menke), die eine schwere Krebserkrankung vor der Familie verheimlicht, engagiert das aus der Ex-Sowjetunion stammende Dienstmädchen Lena (Lena Drieschner). Doch Lena soll nicht nur putzen und Apfelstrudel backen, sie soll Laura nach ihrem Tod ersetzen. «Die Autorin Nino Haratischwili greift hier zwei ihrer zentralen Themen auf: Die Begegnung zwischen West- und Osteuropa und das Verhältnis zwischen Herrin und Dienerin», sagt Regisseur Maximilian Enderle, für den das Stück seine erste Produktion als Regisseur darstellt.

Männer kommen nur im Gespräch vor, haben kein Gesicht und keine Stimme. Kommt das Stück der zeitgeistigen Forderung nach, Geschichten aus der Sicht von Frauen zu erzählen? «Weibliche Perspektiven sind am Theater, wo männliche Autoren und Bühnenfiguren deutlich in der Mehrzahl sind, sicher ein grosses aktuelles Thema», so Enderle. Die Männer mögen physisch abwesend sein, ihr Einfluss wirkt aber auch in dieser Dreierkonstellation – das zeigt sich am deutlichsten an der Figur der Laura. Sie verbrachte ihr Leben zuhause, immerzu hat sie in einem goldenen Käfig aus patriarchalen Konventionen ausgeharrt. Das Ende ihres Lebens vor Augen, keimt in Laura das Verlangen nach einem Ausbruch aus dieser Welt auf, was Menke mit grosser Wucht und dem ihrer Rolle innewohnenden Stolz verkörpert. Die Spannung weiblicher Beziehungen wird ebenso durch die pointierten, oft zugespitzten, manchmal ins Klischeehafte abdriftenden Dialoge herausgearbeitet – so entsteht ein Sog aus verzweifelter Rebellion, dem fieberhaften Verlangen nach Mitgefühl und aus entstehenden und zerbrechenden Lebenslügen.

«Die zweite Frau» läuft noch bis am 29. April im Pfauen des Schauspielhaus Zürich.

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