Wollen die Wissenschaft umkrempeln: Rosy Mondardini, Ernst Hafen und Fanny Gutsche (v.l.n.r.) vom Citizen Science Center (Bild: Robin Bisping).

Hier können alle forschen

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An den Projekten des Citizen Science Center können alle Interessierten mitmachen. Dies steht im Gegensatz zu bisherigen Forschungsmethoden.

Das Citizen Science Center ermöglicht der breiten Öffentlichkeit die Teilnahme an wissenschaftlichen Forschungsprojekten. Interessierte Bürger*innen können nicht nur bei Projekten mitmachen, sondern auch daran teilhaben und eigene Beiträge leisten. Obwohl es diese Art von Wissenschaft schon länger gibt, existiert ein Citizen Science Center in Zürich erst seit 2017. Trägerinnen des Kompetenzzentrums sind die Universität und ETH Zürich. Das Citizen Science Center hat eine Geschäftsstelle mit sechs Mitarbeiter*innen. Rund 30 Forschenden sind mit dem Center assoziiert.

Einer davon ist Ernst Hafen, Professor am Institut für Molekulare Systembiologie an der ETH Zürich und einer der Direktoren des Centers. Hafen hat sich schon in vorherigen Forschungsprojekten mit Aspekten von Citizen Science befasst. So etwa in einer Studie zu Genomanalysen, Analysen des eigenen Erbguts, bei der rund tausend Studierende befragt wurden. Von den Befragten waren 60 Prozent bereit, eine Genomanalyse durchzuführen. Hauptgrund war dabei, einen Beitrag zur Forschung zu leisten. Auch eine andere Publikation, für die ältere Personen bezüglich ihrer Motivation zur Teilnahme an einer Studie befragt wurden, zeigte ähnliche Ergebnisse. «Die Bereitschaft, durch Citizen Science etwas zur Forschung beizutragen, ist ungebrochen gross», so Hafen. Es gehe nicht darum, Geld zu verdienen, sondern «dabei» zu sein.

Wiesel beobachten für die Forschung

Seit Ende August führt das Citizen Science Center zusammen mit der Nichtregierungsorganisation Stadtökologie Wildtierforschung (SWILD) das Projekt «Wiesel gesucht» durch. Teilnehmende sehen sich auf der Webseite des Citizen Science Center tausende Kurzaufnahmen von Wildtierkameras an und geben an, welche Tiere sich erkennen lassen. Nebst Wieseln sind ausserdem deren Beutetiere zu beobachten. Auch diverse Vogelarten, Reptilien und andere Säugetiere wie Eichhörnchen und Igel sind auf den Filmaufnahmen zu sehen.

Ziel des Projekts ist es, das Vorkommen von verschiedenen Wieselarten im Schweizer Mittelland nachzuweisen. Dabei geht es auch um die Frage, welche Arten an welchen Standorten anzutreffen sind. So ist nämlich das Mauswiesel eine bedrohte Art in der Schweiz. Ein weiteres Ziel dieses Projektes ist es, zu bestimmen, ob an den untersuchten Standorten die Bemühungen um die Verbesserung der Lebensbedingungen von Wieseln etwas bewirkt haben, so Fanny Gutsche, Community Managerin des Citizen Science Center.

Das Forschungsprojekt «Wiesel gesucht» wurde bereits an der diesjährigen Scientifica im Sommer vorgestellt. «An den Wissenschaftstagen der Uni und ETH kam es vor allem bei Kindern und älteren Leuten an», sagt Gutsche.  «Es war super für uns, weil man direkt in Kontakt mit den Leuten trat», erklärt sie. Sie schätzte diese etwas andere Form von Austausch an der Veranstaltung, denn: «Die Realität sieht dann doch so aus, dass man oft im Büro sitzt und mit den Leuten über E-Mail kommuniziert.» Seitdem haben rund 150 Teilnehmende für das Wildtierforschungsprojekt «Wiesel gesucht» Tiere in rund 11’000 Videoaufnahmen identifiziert.

Einblicke in wissenschaftliches Arbeiten

Das Citizen Science Center in Zürich hat sich zum Ziel gesetzt, Bürger*innen nicht nur die Möglichkeit zu geben, bei Forschungsprojekten mitzuwirken, sondern sich auch Fachwissen sowie technisches Know-How anzueignen. In der Realität werden diese Ziele je nach Forschungsprojekt mehr oder weniger erfüllt. Beim Projekt «Wiesel gesucht» etwa steht technisches Wissen nicht im Vordergrund; es ist eher wie ein Spiel aufgebaut. Ende Oktober sollen gemäss Gutsche die Teilnehmenden erste Zwischenergebnisse per Newsletter erhalten. Wie das Endprodukt aussehen wird, ist jedoch noch offen. Bei anderen Projekten bestehen mehr Möglichkeiten, um sich technisches Wissen anzueignen.

«Es wird schwieriger, Forschung ohne Citizen Science zu realisieren.» – Ernst Hafen, Citizen Science Center

Beim klassischeren Forschungsunterfangen «Projekt Wenker» erhalten die Teilnehmenden hingegen mehr Einblicke in wissenschaftliches Arbeiten. Das sprachwissenschaftliche Projekt wird am Deutschen Seminar durchgeführt und von Professorin Elvira Glaser geleitet. Das Ziel des Projekts ist es, die sogenannten Wenkerbögen, sprachwissenschaftliche Fragebögen zur Dialekterhebung aus den 1930er-Jahren, zu digitalisieren. Die Teilnehmenden können diese Texte transkribieren oder in ihren eigenen Dialekt übersetzen.

Von eigenen Daten profitieren

«Es sind nicht immer fertige Ideen oder Forschungsfragen, die uns von den Citizen Scientists zugetragen werden», sagt Gutsche. Vielfach seien es Beobachtungen, die Leute nicht verstehen, und dem Sachverhalt deshalb auf den Grund gehen wollen.

Das Citizen Science Center ist zudem für Forschungsprojekte von Bürger*innen offen und unterstützt diese auch in der Planung. Bisher sind aber noch keine Projekte auf diesem Weg zustande gekommen.

Auch bei Citizen-Science-Projekten im Bereich Gesundheitsforschung können Bürger*innen profitieren. Hafen erwähnt in diesem Zusammenhang die App «Ally Science», die von der Berner Fachhochschule und dem Universitätsspital Zürich lanciert wurde. Bei der App können Personen mit Pollenallergien ihre Symptome festhalten, sodass Therapien und Frühwarnsysteme entwickelt werden können. «Als Bürger*innen können wir sehr viel mit unseren Daten machen», sagt Hafen. «Aber wir sollten auch als Gesellschaft davon profitieren können – nicht nur die Shareholders von Google.» Die Daten der App sind anonymisiert und es bleibt den Nutzer*innen überlassen, wie viel sie von ihren Daten preisgeben möchten. Bei Projekten des Citizen Science Center gelten ähnliche Massstäbe.

Bürger*innen in die Forschung einbeziehen

Aus Sicht der Forschenden haben Citizen-Science-Projekte einen Vorteil gegenüber herkömmlichen Forschungsprojekten: Sie ermöglichen es, Datensätze zu erfassen, deren Zusammenstellung sonst zu aufwändig wäre. Doch Hafen sieht auch Nachteile: «Citizen Science zwingt uns dazu, die Resultate so zu kommunizieren, dass die Teilnehmenden sie verstehen und dabeibleiben.» Andererseits zwinge es die Wissenschaft auch dazu, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten und nicht bloss den Nutzen für die Forschenden selbst in den Vordergrund zu stellen.

Die Vorteile für Forschende seien jedoch grösser als die Nachteile. «In Zukunft wird es wohl immer schwieriger werden, Forschungsprojekte ohne Citizen Science zu realisieren», sagt Hafen. Wissenschaft sei früher den Privilegierten vorbehalten gewesen. «Heute ist Wissenschaft für alle Interessierten zugänglich.» Bei Citizen Science besteht ein grosses Potential für alle involvierten Parteien, das in Zürich erst in den Kinderschuhen steckt.

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