(Bild: Schweizerisches Sozialarchiv).

Hommage an die Arbeiterklasse

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«Tanzen für die Demokratie», «Geste der Brüderlichkeit», «Jubiläumsfeier zur Blütezeit»: Die Titel des Fotobuchs «Chronist der sozialen Schweiz: Fotografien von Ernst Koehli 1933–1953» sind gefühlsgeladen. Gefühlsgeladen sind auch die Schwarz-weiss-Fotografien der Arbeiterklasse, die die Stimmungen und Emotionen von damals eindrücklich aufleben lassen. Das Fotobuch legt das Werk des zu seinen Lebzeiten unbekannt gebliebenen Künstlers dar und begleitet die Aufnahmen mit Texten verschiedenster Autor*innen. So bettet etwa Melinda Nadj Abonji die Fotografien in den historischen Kontext ein.

Eine Aufnahme zeigt den Zürcher Münsterhof, der als Versammlungsort zahlreicher Arbeiterinnen und Arbeiter diente. Herrische Hüte, aufwändig hochgesteckte Frisuren und reichlich Fahnen stechen aus der Masse hervor und verleihen der Aufnahme Spannung. Das Thema hinter der Versammlung: die Einführung der AHV. Das Foto ist ein hervorragendes Beispiel, um Koehlis Technik zu charakterisieren. «Er war kein Meister der Momentaufnahmen und Schnapschüsse», sagt Herausgeber und Historiker Christian Koller. «Er zeigte die Situationen geordnet und vermied das Festhalten von Gewaltausbrüchen.»

Koehli versuchte stets, eine gewisse Distanz zu seinen Objekten zu wahren, und betonte somit das Dokumentarische. Interessant sind dabei seine Diagonalkompositionen: Bei vielen von Koehlis Aufnahmen können entlang der Diagonale dem Fotografen wichtige Punkte erkannt werden. Das Bild des Münsterhofs zeigt wie viele der anderen Fotografien eine gut strukturierte und dem politischen Erfolg geweihte Bewegung. «Koehli provozierte nicht, er machte nicht auf Missstände aufmerksam. Er war ein Optimist und wollte mit seinen Bildern auf die Möglichkeiten und Chancen aufmerksam machen», sagt Koller. Die ersten Seiten des Bandes zeigen Bilder verschiedener Berufsgattungen, die mit dem Ziel geschossen wurden, Menschen ohne Ausbildung die Attraktivität der einzelnen Tätigkeiten aufzuzeigen. Im zweiten Teil sind Aufnahmen von friedlichen Protestaktionen und Versammlungen zu sehen. Das dritte Kapitel ist den Themen «Freizeit, Arbeiterkultur, Ruhestand» gewidmet. Diese Bilder zeigen, wie nach der physischen Tätigkeit gelebt, gefeiert und genossen wurde. Der letzte Teil zeigt die Unterstützungsarbeit des schweizerischen Arbeitshilfswerks im In- und Ausland.

Visuellen Wagnissen blieb Koehli hingegen fern. Dies, obwohl er im von kreativen Geistern gefüllten Zett-Haus im Zürcher Arbeiterviertel beheimatet war und dort neben Künstlern wie Leo Leuppi und Richard Paul Lohs arbeitete. Stattdessen stellte er seine Kamera Industrie- und Landwirtschaftsbetrieben, Gewerkschaften und Vereinen zur Verfügung oder dokumentierte für die Soziale Partei.

Die Zeiten von riesigen Fabrikhallen und enormen Industriesektoren mögen zwar der Vergangenheit angehören. «Trotzdem bietet das Buch Zugriff auf eine wichtige Epoche unseres Landes. Dies ohne nostalgische Verschönerungen», sagt Koller. Das Buch erläutert, wie gewisse Diskussionen von damals heute wieder oder immer noch aktuell sind. So gingen die Menschen vor 70 Jahren für die Einführung der AHV auf die Strasse – heute ist die Altersvorsorge wieder ein viel diskutiertes Thema. Des Weiteren zeigt der Bildband, wie mit friedlichen Bewegungen Anliegen durchgesetzt werden und zu Veränderungen führen können.

«Chronist der sozialen Schweiz: Fotografien von Ernst Koehli 1933–1953» ist im Oktober bei «Hier und Jetzt» erschienen.

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