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    Bob Dylans neues Album «Triplicate» (zvg)

How Deep Is The Ocean

in Campus von

Noah Schmitz – Ein Versuch zu Bob Dylans neuem Album «Triplicate»

Ein Velofahrer rast durch die Baumstämme. Gleich wird er hinter dem nächsten Rank verschwinden. Da fliegt das Bike, plötzlich losgelöst, wild durch die Luft. Ich laufe zur Unfallstelle. Dort angekommen starre ich dem fremden Menschen ins Gesicht. Er sitzt, er redet, er sagt, sein Schlüsselbein sei gebrochen. Ich wähle die Notfallnummer. Es gibt für alles ein erstes Mal. Während wir auf die Ambulanz warten, fragt er mich, wen er benachrichtigen soll. Nicht die Frau, meint er, die rastet aus. Dann die Mutter, erwidere ich halb im Scherz. Er blickt in den Himmel, sagt: Mami. Wir lachen. Nach dem die Ambulanz fort ist, steht nur noch die Polizei, cool wie es sich gehört, um das verbogene Fahrrad.

Wieder zuhause denke ich: Verrückt wie klein und hüpfend das Leben verläuft, als sei es der schweren, unerschütterlichen Erdmasse ein Tänzchen schuldig. Beinahe ist man geflogen, dann stürzt man und – lebt. Man läuft, dann sieht man und steht. Erschüttert starrt man nach einem Sturz auf die Wurzeln, die plötzlich ganz nahe sind und japst in die rauschmittelartigen Bäume. Nach dem Lapsus, wenn die Luft ausbleibt, bleibt scheinbar alles aus. Dabei hat man, ehe feststeht, dass es noch nicht aus ist, schon weitergelebt.

Davon handeln auch die 30 Songs auf Bob Dylans neuem Album Triplicate, das ich mir einige Stunden vor dem Fahrradunfall gekauft hatte. Es sind Songs, die die Zeit anhalten, während sie davon sprechen, wie sie vergeht. Songs, die einem die Zukunft in Erinnerung rufen. Songs, die einsetzen könnten, wenn der Sturz überstanden ist, der Verletzte in der Ambulanz versorgt wird und man als Helfer dort nichts mehr zu suchen hat. Songs, die immer dann laufen könnten, aber es nie tun, wenn wir unser ganzes Leben in die überraschten Hände einer grossen Liebe legen. Das nächste Wort, der nächste Reim ist schon da, bevor wir selber dort sind. Der willkommenste aller Abendgäste hat die Tiefen, aus denen wir nicht herausfinden, bereits ausgemessen. Dylan singt für sich selbst, aber wir hören ihm zu  – für uns. Was uns alle bewegt, ob man nun Fahrrad fährt, liebt oder trinkt, zieht sich durch diese weltberühmten amerikanischen Songs. Die unwahrscheinliche Spannung in der Dylan sie vorträgt, lässt uns verstehen, was Paul Celan einst schrieb und jeder Sturz uns lehrt: ich höre, sie nennen das Leben / die einzige Zuflucht.

Bob Dylan: Triplicate
Columbia Records, 2017

 

 

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