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Ramola Ramesh: «Bildung bedeutet für mich alles.»

Im Meer von Entscheidungen

in Campus von

Dass die Generation Y nicht nur faulenzt und planlos in den Tag lebt, zeigen die Portraits von vier Studierenden mit Migrationsgeschichte. 

Wir sind faul, verwöhnt, haben keine echten Ziele und schlagen uns nur mit Luxusproblemen herum. So werden «wir» – die Generation Y – immer wieder in zahlreichen Medienberichten der letzten Jahre charakterisiert. Die zwischen den Jahren 1980 und 1999 Geborenen wüssten nicht mehr, was sie vom Leben eigentlich wollen und würden einfach in den Tag hineinleben, heisst es oft. Dieser Generation gehe es nicht mehr um eine steile Karriere, sondern vor allem um – Achtung,
Unwort – Selbstverwirklichung. Trifft diese Typologisierung zu? Besonders spannend in diesem Kontext scheint die Frage, ob sich vielleicht nur Studierende aus gutbehütetem Schweizer Hause die Frage nach dem «why?» so ungeniert stellen können. Wir haben bei vier Studierenden mit Migrationsgeschichte nachgefragt.

Ramola Ramesh 

Ramola zog vor acht Jahren nach Zürich, der Liebe wegen. Sie hatte zuvor Design an einer Kunsthochschule in Bangalore studiert und hoffte nun, in der Schweiz ihr eigenes kleines Unternehmen aufbauen zu können. Ziemlich schnell stellte sich aber heraus, dass das fast unmöglich sein würde. Um Geld zu verdienen, fing sie an, im Verkauf zu jobben. Für Ramola war aber damals schon klar, dass sie mehr erreichen wollte: «Der Beruf als Verkäuferin war einfach nichts für mich. Ich wollte mich wieder intellektuell herausfordern und weiterbilden. Darum habe ich mein Studium an der Universität Zürich in den Fächern Ethnologie und Erdsystemwissenschaften angefangen.» Nach ihrem Abschluss möchte sich die Inderin der Umwelt und dem sozialen Engagement widmen und am liebsten bei einer NGO arbeiten. Geld spielt für sie dabei nur eine nebensächliche Rolle, so Ramola: «Viel wichtiger ist Bildung. Bildung bedeutet für mich alles.»

Petra Abramovic 

Die Germanistik- und Computerlinguistik-Studentin Petra wurde in Zug geboren. Ihre Eltern stammen aus Kroatien und sind 1989 in die Schweiz eingewandert. Wegen der Liebe zur deutschen Sprache und ihres Wissensdursts war Petra eigentlich schon ziemlich früh klar, dass und was sie studieren will. Petras Eltern, eine Tierärztin und ein Tierarzt, unterstützten ihre Tochter in ihrem Vorhaben. «Obwohl Medizin bei uns zu Hause oft ein Thema war, war es meinen Eltern eher wichtig, dass ich überhaupt studiere und mein Potential ausschöpfen kann. Die Studienwahl lag da ganz bei mir», erzählt Petra. Dass nach ihrem Abschluss nicht das grosse Geld winkt, ist der Zugerin klar. Dennoch ist sie überzeugt, dass Talent, harte Arbeit und Leidenschaft ihr den Weg in die Arbeitswelt ebnen werden. «In der Sprachforschung gibt es noch einiges zu tun. Das würde mich sehr interessieren und ich könnte mir auch gut vorstellen, später in diese berufliche Richtung zu gehen.»

Petra Abramovic
Petra Abramovic

Marian Weber

Relativ spontan kam Marian in die Schweiz. Sein ehemaliger Geigenlehrer bot ihm einen Studienplatz am Konservatorium in Lugano an. Kurzerhand verliess er Deutschland und zog ins Tessin, um Musik zu studieren. Nun macht der 25-Jährige bereits den zweiten musischen Master. Musiker zu werden war immer sein Traum. In den letzten Jahren ist ihm jedoch klargeworden, dass der Beruf auch Kompromisse abverlangt, die er nicht eingehen möchte. Er kann sich schlecht vorstellen, in Projekten mitarbeiten zu müssen, bei denen die Umsetzung nicht mit seinen Vorstellungen übereinstimmt – nur um Rechnungen bezahlen zu können. Wenn es aber nicht um Kunst geht, sieht er das weniger kritisch: «Da wird’s dann halt gemacht und fertig.» Deshalb fängt er nächstes Jahr ein weiteres Studium an, diesmal Jura. So will sich Marian ein zweites Standbein schaffen. Und  sich damit seine musikalische Freiheit erhalten.

Marian Weber
Marian Weber

Ewgenij Wolkow

Ewgenijs Ziel ist es, seine Bucketlist abzuarbeiten. Und die ist lang. Er ist 24 und studiert Psychologie: «Um zu verstehen, warum die Welt so ist, wie sie ist.» Der Russland-Deutsche hat sich zum Ziel gesetzt, so viele Erfahrungen in seinem Leben zu sammeln, wie er nur kann. Deshalb ist es ihm wichtig, einmal viel Geld zu verdienen. Damit öffnen sich Türen und bieten sich Gelegenheiten, die er sonst nicht hätte, ist Ewgenij überzeugt. Aber das Geld sei nicht Selbstzweck: «Ich möchte eine Firma aufbauen, ich möchte selbstständig sein, und ich möchte etwas zu einer guten Gesellschaft beitragen.» Ausserdem ist er entschlossen, seinen Eltern ein Haus zu kaufen und ihnen damit für das zu danken, was sie ihm ermöglicht haben. Sie unterstützen ihn trotz anfänglicher Sorge wegen seiner Studienwahl. Und sie trauen ihm zu, seinen Weg zu gehen – obwohl ihm selber noch nicht klar ist, wohin dieser führt.
Die Geschichten dieser vier Studierenden zeigen, dass die Zugehörigkeit zur Generation Y nicht an Nationalitäten gebunden ist. Es sind die Gesellschaft und das persönliche Umfeld, die den Lebensweg prägen. Bloss weil Geld nicht in den Mittelpunkt gestellt wird, heisst das nicht, dass sich niemand mehr Gedanken um die eigene Zukunft macht. In diesem Meer von Entscheidungen und Perspektiven die eigenen Ziele und Träume zu erkennen, das ist die Kunst, die es zu beherrschen gilt. ◊

Ewgenij Wokow
Ewgenij Wokow

In Zusammenarbeit mit Henrike Beckmann.

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