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Im Wohnzimmer der Langstrasse

in Campus von

In den Seitengassen der Langstrasse tummeln sich unzählige Lokale, die wohl jeden Geschmack abdecken. Nicht erstaunlich, dass hier immer wieder Neues und Kreatives entsteht. Das gilt auch für Kasheme, ein Wohnzimmer für Musikliebhaber und Freunde des Beisammenseins.

Ein unscheinbares Treppenhaus, in dem schon die ersten dumpfen Klänge des Kasheme zu vernehmen sind, führt zum Vorraum einer kleinen Bar. Der erste Blick fällt dabei auf die geöffneten, rot-goldenen Gardinen, die den Eingang in eben dieses Wohnzimmer markieren, aus dem mehrmals wöchentlich Livestreams auf Facebook ausgestrahlt werden. In den Livingroom-Sessions zeigen DJs aus aller Welt, die gerade in Zürich auftreten, was sie zuhause eigentlich so hören. Dazu gehören Grössen wie Miles Davis, Led Zeppelin, Depeche Mode, Prince oder Eric Clapton – eben das, was so ein Plattenleger in seinem Wohnzimmer hört.

Nick, dem Gründer von Kasheme, geht es nicht um ausschweifende Partys: «Ich will in diesem Kulturort Leute zusammenbringen, die am gemeinsamen Musikhören Freude haben.» Tatsächlich wird weder getanzt noch ist es laut, die meisten wippen lediglich die Füsse zu den Melodien vom rumänischen DJ mit. Die Gäste reden entspannt miteinander, trinken Bier oder farbige Cocktails und haben es sich auf den vielen Vintage-Sofas und rustikalen Hockern gemütlich gemacht, die überall im Wohnzimmer verteilt sind. Eingerahmte Portraits und ästhetische Plakate zieren die vier Wände. Der hohe Raum bietet Platz für Regale voller ausgewählter Vinyl-Platten und sogar für ein Klavier. Hängelampen und andere exotische Leuchten spenden genügend Licht, um die überall herumliegenden Bücher über Musikgeschichte und Plattensammeln zu lesen. In der angrenzenden kleineren Stube erzählt Nick: «Früher habe ich Techno-Partys organisiert, aber heutzutage ist elektronische Musik nur noch reiner Kommerz. Kasheme will anders sein und Musik einen Platz geben, die sonst nirgends gespielt wird.»

«Anfangs lud ich Freunde ein und wir hörten zusammen neue und alte Musik. Später wurden es immer mehr Leute. Irgendwann bekam die Stadt davon mit und wollte, dass ich mir eine Bewilligung einhole», erklärt Nick leicht genervt. Er wiederholt mehrmals, dass Kasheme nicht ein Ort sei, wo sich die Gäste an der Bar betrinken: «Die Getränke dienen nur zur Verpflegung – wie zuhause eben. Ich will hier gemütliche Unterhaltung offerieren und dabei kein Gastronomie-Betrieb, sondern ein Vereinslokal sein.» Dem Wohnzimmer wurde mittlerweile zwar das Vereinsrecht erteilt, doch der Eigentümerin der Räumlichkeiten gefällt das nicht und sie kündigt den Vertrag auf Ende Jahr. Nick ist schon auf der Suche nach einer neuen Räumlichkeit, in welcher er bald auch einen Vintage-Store und einen Plattenladen eröffnen will. Die Finanzierung wird über eine Mitgliedschaft erfolgen, die nicht zu teuer sein und eigentlich allen offenstehen soll, führt er weiter aus.

Das Konzept der Livingroom-Session im Wohnzimmer mit den orientalischen Teppichen und den weichen Kissen scheint jedenfalls zu funktionieren. Unter den Anwesenden sind junge Musikliebhaber und Plattensammlerinnen auszumachen, die gleichermassen dem DJ zuhören. Selbst die, die anscheinend alleine gekommen sind, fühlen sich ungezwungen und geniessen die familiäre, beinahe wohnliche Atmosphäre. Es klingt paradox, aber die Leute gehen gerne aus, um sich zuhause zu fühlen –und das Kasheme erfüllt dieses Bedürfnis. Nick fasst das anschaulich zusammen: «Musik ist das letzte Gut, was uns zusammenbringt.» [pro]

Das Kasheme ist von Mittwoch bis Samstag Abend geöffnet.

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