Studis sind bei Tempstaff den prekären Arbeitsbedingungen ausgeliefert (Illustration: Sumanie Gächter).

In der Falle des Gastro-Riesen

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 Bei Tempstaff sind Mitarbeitende bloss austauschbare Arbeitskräfte.

«Ich habe ein Mail geschrieben, dann kam eine Einladung. Sie zeigten mir, wie man zwei Teller auf einer Hand trägt – und dann hatte ich meinen ersten Einsatz.» So schnell geht’s bei Tempstaff, einer Zürcher Firma für Servicepersonal, erzählt Felix. 24 Franken auf die Stunde, und dies ohne Vorkenntnisse und fast ohne Verpflichtungen. Einzig zur Hochsaison im Juni und im Dezember muss man zu einer Schicht antraben.

Eine harmonische Familie?

«Friends and Family» ist bei Tempstaff nämlich nicht nur Philosophie, sondern fester Bestandteil des Businessplans. Gegründet wurde das Unternehmen 2003 von Serge Woog, der heute noch Geschäftsleiter ist. Fünf Vollzeitangestellte koordinieren die Einsätze von 800 Teilzeitangestellten. Jung und gutaussehend muss man sein, um zur «Famile» zu gehören. Oder: gepflegt und konform.

Dafür winkt die Arbeit in einem Unternehmen mit selbstbestimmten Arbeitszeiten – zumindest, wenn man eine dicke Haut hat. Denn es wird ordentlich Druck gemacht. Ein Arbeitskollege von Felix habe sich beschwert, dass er am Tag mehr Anrufe und Nachrichten von Tempstaff erhalte als von seiner Freundin.

Fragwürdige Kündigungen

Auch Maria arbeitete bei Tempstaff. Sie wurde zur anerkannten Mitarbeiterin und rangierte unter den Top Ten der Angestellten. Dann wurde sie krank, hatte Migräne. Sie liess Tempstaff Arztzeugnisse zukommen, war insgesamt eineinhalb Monate krankgeschrieben. Danach lag die Kündigung im Briefkasten. Maria wusste, dass sie Anspruch auf Krankentaggeld hatte, und richtete eine entsprechende Anfrage an ihren früheren Arbeitgeber – der sie telefonisch wissen liess, dass er das «kritisch» sehe. Erst als sie Monate später in die Rechtsberatung ging und mit rechtlichen Schritten drohte, erhielt sie, was ihr zustand.

«Wir haben nie zur Unzeit gekündet», nimmt Woog Stellung dazu. Bezüglich des Krankentaggelds erklärt er: «Wir behalten uns vor, allfällige Krankheitsfälle zu überprüfen. Das dauert länger.» Doch Reto Böhi, Anwalt für Arbeitsrecht, erklärt: «Eine Krankheit löst eine Sperrfrist aus und eine Kündigung, die währendessen erfolgt, ist ungültig.» Wäre Maria zum Zeitpunkt der Kündigung nachweislich krank gewesen, wäre die Kündigung also nichtig gewesen. Sie kann den genauen zeitlichen Ablauf zwar nicht mehr genau rekonstruieren. Doch sie ist sich sicher: «Das hatte einen klaren Zusammenhang mit meiner Krankheit.»

Skrupelloses Management

Auch für Felix endete die Zeit bei Tempstaff abrupt. Man fragte ihn, ob er in Luzern arbeiten könne. Er stellte die Bedingung, dass seine Reisezeit vergütet würde. Das reichte, um ihm am Telefon zu kündigen: «Diese Person entsprach nicht den Anforderungen, die wir an unsere Mitarbeitende stellen», so Woog. Das Management scheut keine Kündigungen, auch nicht solche, die ans Missbräuchliche grenzen. Und: Es wird Fügsamkeit erwartet. So löst sich die vorgegaukelte familiäre Atmosphäre schnell in Luft auf. «Man ist Teil einer Maschinerie», sagt Felix.

Derweil hat Covid-19 die Gastronomie schwer getroffen. So auch Tempstaff: Die Aufträge sind über Nacht auf praktisch null gesunken. Woog sei bemüht, für seine temporären Mitarbeitenden auch in der momentanen Situation zu sorgen.  «Wir sind ein Unternehmen, das sehr viel Gutes für die jungen Menschen an den Hochschulen tut und getan hat.»

 


Anmerkung der Redaktion

Im Nachgang der Publikation dieses Artikels hat sich die Firma Tempstaff AG via Mail bei der Redaktion gemeldet und sich über unsere Berichterstattung beschwert. Uns wurde unter anderem vorgeworfen, dass der Artikel «dem Image der Tempstaff AG Schaden zufügt und zufügen wird». Die Redaktion hat sich daraufhin bereit erklärt, eine kurze Stellungnahme der Firma zu publizieren. Wir halten jedoch an unserer Berichterstattung fest und weisen darauf hin, dass die Vorwürfe im Artikel auf Aussagen von ehemaligen Mitarbeitenden beruhen. Die Stellungnahme der Tempstaff AG ist unten angefügt. Die Firma hat die Eigenschreibweise «tempSTAFF» verlangt.

Stellungnahme der tempSTAFF AG

«Die tempSTAFF AG und Serge Woog distanzieren sich klar von den im Artikel «In der Falle des Gastro-Riesen» dargelegten Aussagen. Insbesondere möchten wir klarstellen, dass wir unsere Mitarbeitende sehr schätzen und alles in unserer Macht unternehmen, um diesen ein faires und gutes Arbeitsklima zu bieten. Missbräuchliche oder Kündigungen zu Unzeit wurden seit der Gründung der Firma nie ausgesprochen. 

Die Mitarbeitende sind unser kostbarstes Gut, sie tragen unseren Ruf an die Kunden. Sämtliche Mitarbeitende werden von uns persönlich interviewt und geniessen eine eintägige Schulung. In Ausnahmefällen werden für Grossanlässe Hilfskräfte nach einer beschleunigten Schulung eingesetzt, diese ersetzt jedoch die eintägige Schulung nicht. 

Prekäre Arbeitsbedingungen und austauschbare Arbeitskräfte sind Begriffe, welche wir nicht mit unserem Unternehmen in Verbindung bringen. Wir möchten betonen, dass uns das Wohl unserer Mitarbeitenden am Herzen liegt. Unter anderem zahlen wir ein faires Salär, organisieren Fahrgemeinschaften, übernehmen übliche Reisespesen und finanzieren jährlich ein tolles Personalfest.»

 

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