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Astrophysikerin Helled: kein männlicher, grauhaariger Nerd. (Bild: Lucas Ziegler)

Keine Angst vor Astrophysik

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Die Physikprofessorin Ravit Helled über den zweifelhaften Ruf der exakten Wissenschaften, die Frauenquote in ihrem Fach und Leben ausserhalb der Erde.

Frau Helled, Sie sind seit Juli Professorin für Astrophysik an der Universität Zürich. Wieso sind Sie von Tel Aviv nach Zürich gekommen?
Die Planetenforschung ist hier sehr fortgeschritten. Momentan ist ein nationales Projekt zwischen Bern, Genf, der ETH und der Universität Zürich in Gang, das sich mit der Planetenforschung auseinandersetzt. Die Schweiz ist also ein sehr guter Standort für Astrophysikerinnen und -physiker.
Ausserdem ist mein Mann Physiker und arbeitet in Deutschland. Seit ich in der Schweiz eine Professur habe, leben wir in Pendeldistanz.

Haben Sie sich gut eingelebt in Zürich?
Ja, die Universität, gute Freunde und nicht zuletzt das schöne Wetter haben mir den Start erleichtert. Schweizer Kollegen hatten mir empfohlen, im Sommer anzureisen. Nach fünf Jahren in Israel fürchte ich mich etwas vor dem Schweizer Winter.
Mein früherer Wohnort Tel Aviv ist zwar berühmt für sein Nachtleben, aber da ich gerade mein zweites Kind bekommen habe, ist Ausgang momentan sowieso weniger ein Thema.

Weshalb wollten Sie Astrophysikerin werden?
In der High School hatte ich Schwerpunkte in Physik und Literatur. Bei einem grossen Projekt betreute mich der Physiklehrer, deshalb war das Thema meiner Arbeit «Gibt es intelligentes Leben ausserhalb unserer Erde?». Somit musste ich mich mehr mit dem Universum und den Planeten befassen, und es hat mich sofort gepackt.
Als ich mich dann für eine Studienrichtung entscheiden musste, war ich zuerst unsicher, weil ich die üblichen Vorurteile gegenüber einem Physikstudium hatte.
Im Studium aber merkte ich, dass die Physik viel weniger tough ist, als ich befürchtet hatte. Besonders die «Planetary Science» hat mich so interessiert, dass ich mich für einen Bachelor auf diesem Gebiet entschloss. Ich bin wirklich froh, das angeblich schwierige Studium versucht zu haben. Wenn man die richtigen Lehrerinnen und Lehrer hat, sind die Dinge überraschend viel einfacher, als man anfangs erwartet.

Ihre Vorurteile haben sich also nicht bestätigt?
Nein, ich habe viele tolle Leute getroffen, die gar nicht dem Physiker-Klischee entsprechen. Viele haben eine veraltete Vorstellung von Professoren als männliche, grauhaarige Nerds, das sollte sich unbedingt ändern.
Als Postdoc an der UCLA in Los Angeles war ich überrascht, wie locker und lebhaft der Umgang unter den jungen Professorinnen und Professoren war.

Auch Sie sind sehr jung und schon Professorin. Welche Eigenschaften sind Ihrer Meinung nach nötig, um akademisch erfolgreich zu sein?
Natürlich ist harte Arbeit eine Voraussetzung für ein gelungenes Studium, deshalb muss einem die Arbeit auch Freude bereiten. Ausserdem spielen aber noch viele andere Faktoren eine Rolle, wenn man Karriere machen will, und Glück ist auf jeden Fall auch dabei.
Ich war aber nie wirklich darauf fixiert, einen Professorinnentitel zu erlangen. Meine Arbeit hat mir einfach sehr gut gefallen. Ich habe mich von meiner Neugier leiten lassen und mir nicht zu viele Gedanken um die Zukunft gemacht. Das wäre auch mein Rat an Studierende.

Wie ist die Frauenquote in Ihrem Gebiet?
Sehr niedrig. Allmählich gibt es Verbesserungen bei den jüngeren Studierenden, Professorinnen gibt es aber momentan noch sehr wenige. Zu viele Frauen lassen sich vom harten Ruf der exakten Wissenschaften einschüchtern.
Das alte Klischee, dass Männer besser in technischen Fächern seien, haftet noch zu sehr in den Köpfen. Aber die Physik hat sich in den letzten Jahren verändert: Heutzutage sind  zum Beispiel auch kommunikative Fähigkeiten sehr gefragt.

War es schwieriger für Sie als Frau, im Bereich der Astrophysik etwas zu erreichen?
Ja, eindeutig. Nicht als Studentin, weil man dort einfach seine Prüfungen ablegen muss, und auch nicht als Doktorandin, weil meine Betreuer grossartig waren. Aber danach, als Postdoc, musste ich mich schon stärker behaupten als Männer, besonders weil ich so jung war.
Es hat aber auch Vorteile, weibliche Physikerin zu sein: An Konferenzen wird man beispielsweise eher beachtet, weil es nur wenige Frauen gibt. Und dann gibt es im Moment auch verschiedene Förderinitiativen für Wissenschaftlerinnen.

Wie können Sie Ihren Job als Professorin mit Ihrer Mutterrolle kombinieren?
Ich arbeite nur bis am frühen Nachmittag und versuche, keine Arbeit von Zuhause aus zu machen. Meine männlichen Kollegen fanden das anfangs etwas komisch, aber jetzt beneiden sie mich darum, Arbeit und Freizeit so gut voneinander trennen zu können.
Früher bin ich viel gereist, da viele Konferenzen im Ausland stattfinden, darauf muss ich momentan verzichten.

Apropos Reisen: Gibt es Leben ausserhalb unseres Planeten?
Ja, statistisch gesehen ganz sicher. Es gibt unglaublich viele Planeten in unserem Universum, die der Erde sehr ähnlich sind. Es ist genügend organisches Material vorhanden. Wahrscheinlich werden im nächsten Jahrzehnt viele Planeten entdeckt, die potentiell bewohnt werden und Leben enthalten könnten. Es wird dort möglicherweise aber nicht jene Form von Leben geben, die wir uns vorstellen.

Wie wird Forschung im All durchgeführt?
Daten über Planeten können entweder von der Erde aus oder durch Weltraummis-sionen gemessen werden. Ich mache am Computer theoretische Modelle von den Planeten, wie sie entstehen und woraus sie bestehen. Da es sehr lange dauern kann, bis Messungen im Weltall gemacht werden können, werden oft zuerst Theorien aufgestellt. Diese werden dann durch die Informationen aus dem All bestätigt. Es gibt auch Tausende Messungen von Planeten, die ausserhalb unseres Sonnensystems sind: ein kaum vorstellbares Spektrum.
Wenn man Astrophysik studiert, hat man eine ganz andere Perspektive auf die Bedeutung und Wichtigkeit von einem selbst und der gesamten Menschheit, die nur ein winziger Teil des ganzen Universum ist.

Haben Sie sich je überlegt, an einer Weltraummission teilzunehmen?
Wenn Sie mich mit 22 Jahren gefragt hätten, wäre das bestimmt eine Option gewesen. Es muss faszinierend sein, die Erde vom All aus zu sehen. Jetzt habe ich aber zwei Kinder, da steht dies ausser Frage. Ausserdem gibt es heutzutage sehr wenige bemannte Missionen, und bis Menschen auf den Mars geschickt werden, bin ich eindeutig zu alt. ◊

Zur Person
Ravit Helled (36) studierte Astrophysik in Tel Aviv und verbrachte nach ihrem Doktorat vier Jahre an der UCLA in Kalifornien, bevor sie, zurück in Israel, ihren Professorinnentitel erlangte. Seit Juni ist sie an der Universität Zürich als Professorin tätig. Helled ist in Forschungsgruppen von Weltraummissionen tätig, unter anderem in Juno von der NASA und in Plato 2.0 und Juice von der ESA.

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