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    Was wirst du werden? Präsident! 4/5 (80%) aller gewählten Präsidenten und Präsidentinnen Islands studierten Geisteswissenschaften.
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    Hauptgebäude der Universität Islands. (Foto Tim Lüthi)

Kleines Land, grosse Sprache

in Campus von

Studieren in Island bedeutet vor allem eines: Die Sprache lernen. Das erweist sich oft schwieriger als gedacht.

Studieren in Island. Da denkt man vielleicht an lernen mit Hilfe der Elfen, an Inspiration durch Sigur Rós und Björk und natürlich an viel Alkohol. Doch wer sich in der nördlichsten Hauptstadt der Welt nicht bloss als Gast, sondern – wenn auch nur für begrenzte Zeit – als Einwohner sehen will, stösst schnell auf eine grosse Hürde: Die isländische Sprache.

Für einen Aufenthalt an der Universität in Reykjavik reicht Englisch als Weltsprache plötzlich nicht mehr aus. Denn will man etwas vom isländischen Leben mitbekommen und nicht als einer von unzähligen Touristen abgetan werden, die eben mal wissen wollen, wo es das beste Walfleisch gibt, muss man sich wohl oder übel mit dem „Latein des Nordens“ auseinandersetzen. Diesen Namen hat sich das Isländisch zu Recht verdient: Nicht nur werden Zahlwörter bis vier flektiert, es gilt generell, alles zu deklinieren. Laut UNESCO findet sich Isländisch damit auf Platz vier der schwierigsten Sprachen wieder und lässt sich nicht mal eben so kurz nebenbei erlernen. Islands 320’000 Einwohner sprechen aber eben vor allem diese Sprache und Englisch mit isländischem Akzent ist nicht besser als das beliebte Schweizer Bundesrats-Englisch. Zudem ist in Island ein Grossteil der Filme und Musik in Isländisch, nicht in Englisch. Island hat über die Jahrzehnte eine Art Parallelkultur entwickelt und so lässt sich zu jeder beliebigen Strömung ein isländisches Pendant finden – erstaunlich, wenn man die Einwohnerzahl Islands bedenkt. Statt The Weeknd gibt’s hier Aron Can zu hören, für Irvine Welsh bietet sich Hallgrímur Helgason als Gegenstück an. Die hiesigen Künstler sind aber nicht etwa ein schwacher Abklatsch der internationalen Stars, sondern durchaus ernstzunehmende Kunstschaffende, auch wenn bei weitem nicht allen der Durchbruch ausserhalb der Heimat gelingt.

Ertu íslendingur?

Als Ausländer ist es somit umso anspruchsvoller, sich in die isländische Kultur einzuleben. Um Island wirklich zu erfahren, kommt man etwa um das jährliche Þjóðhátíðarlagið, also das Nationalfeiertagslied, nicht herum. Gleichzeitig wird man als Tourist aber wohl kaum dieses eine Lied aus den sonstigen isländischen Sommerhits herausfiltern können, geschweige denn die damit verbundenen lokalen Festlichkeiten kennen. Erneut bleibt einem so ein wichtiger Teil der isländischen Kultur und Gesellschaft durch mangelnde Sprachkenntnisse vorenthalten. Die Frage „Ertu íslendingur?“ erübrigt sich somit, ein Blick beziehungsweise ein Wort genügt, um sich vor der Lokalbevölkerung als Ausländer zu outen. Im Alltag und als internationaler Student an der Uni ist es nicht anders. Will man einen Eintritt fürs Schwimmbad – hier ein Muss – kaufen, mag man sich nicht unbedingt vor den dort über den Sommer arbeitenden angepissten isländischen Teenagern als Festlandeuropäer outen. Hat man dann die grundlegendsten Begriffe und Floskeln einmal erlernt, stösst man bald auf eine weitere Schwierigkeit. Entweder sind die Baristas und Verkäufer ausländische Arbeitskräfte und sprechen selbst gar kein isländisch, oder sie entlarven einen auf den ersten Blick als Nicht-Isländer und ignorieren die ernstgemeinten Bemühungen knallhart. Nach einigen gelungenen Versuchen, in alltäglichen Situationen nicht durch Englisch aufzufallen, spricht etwa die Verkäuferin im Studentenladen der Uni mit eiserner Miene in ebendieser Sprache weiter. „Anything else?“ – „Nei, takk“ – „Have a nice day“.

Sprache gleich Identität

Im Sprachkurs dämmert einem dann das ganze Ausmass der Wichtigkeit der isländischen Sprache. Die eigene Sprache bedeutet für die Isländer Unabhängigkeit, Individualität, Kreativität – alles Eigenschaften, die man in Island gefühlt nicht nur in jedem Einwohner, sondern in jedem Schaf und jedem Pferd antrifft. Die Dozierenden sind stolz auf die anspruchsvolle Sprache ihres Landes. Es ist die Sprache der Sagas, die Sprache des Nobelpreisträgers Halldor Laxness’, die Sprache Sigur Ros’ und die Sprache eines der ältesten Parlamente der Welt. Und man wird’s sich denken können: Word erkennt zwar Isländisch, bloss versagen hier die Korrekturfähigkeiten. Hausarbeiten werden so plötzlich zur Flüchtigkeitsfehlerfalle. Der Lichtblick: Alkohol soll beim Lernen und vor allem beim Praktizieren einer neuen Fremdsprache helfen. Wer also Isländer im Ausgang antrifft, wird seine Fähigkeiten verbessern können – auch wenn sich die Isländer am nächsten Tag vielleicht nicht mehr an einem erinnern werden.

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