Illustration: Sumanie Gächter.

Illustration: Sumanie Gächter.

Kolumne: Obszönste Prüferei

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«Der Plan der schriftlichen Sessionsprüfungen ist ab sofort einsehbar.» Das stand in der E-Mail, die letzte Woche an ETH-Studierende verschickt wurde. Sie informierte über die bevorstehende Prüfungssession. Es ist eine Nachricht mit Folgen: Der Prüfungsplan entscheidet über den lang ersehnten Urlaub.

Mit etwas Pech bleiben nach der Sommersession lediglich zwei Wochen Zeit zur Erholung. Und nach den Prüfungen im Winter beginnen die Vorlesungen im schlimmsten Fall gar direkt wieder – ohne Pause.

Die ETH, die sich gerne als Schweizer Spitzenhochschule rühmt, positioniert sich so auch in diesem Bereich ganz vorne: nämlich als Hochschule mit dem dümmsten akademischen Kalender. Das Problem der Prüferei auf den akademischen Kalender zu reduzieren, greift allerdings zu kurz. Eine Mitschuld tragen auch manche Professorinnen und Professoren. Sie lassen die Leistungsüberprüfung in ihren Lehrveranstaltungen entarten. Statt zu lehren, wird nur noch geprüft.

Dauerhafter Druck

Das Kernproblem liegt in der Verschmelzung verschiedener Prüfungssysteme. Die ETH kennt nämlich neben den grossen Sessionsprüfungen noch eine Vielzahl anderer Benotungsmöglichkeiten – etwa Semesterprüfungen, Projektarbeiten und benotete Hausaufgaben. Vor allem in grossen Lehrveranstaltungen wollen einige Professorinnen und Professoren dadurch die Studierenden zu kontinuierlicher Mitarbeit motivieren und sie zu möglichst hohen Leistungen antreiben. Dieses Motiv ist löblich. Tatsächlich aber stiften sie durch die ständigen Prüfungen eine Atmospähre dauerhaften Druckes. Das eigentlich interessante Wissen weicht den Leistungskontrollen, die intrinsische Motivation weicht der extrinsischen.

Wöchentlich fordern die Dozierenden gelöste Übungen zur Benotung ein.

Das Benoten von Hausaufgaben – ein ebenfalls vebreitetes Mittel – hat einen weiteren Nachteil: Durch die Benotung wird das Arbeiten an den Übungen dem Prüfungsreglement unterstellt. So können Dozentinnen und Dozenten den Studierenden untersagen, sich mit Mitstudierenden auszutauschen oder in der Fachliteratur oder dem Internet nachzuschlagen. Davon wird auch Gebrauch gemacht. Damit tun sie niemandem einen Gefallen. Sinn einer Übung sollte sein, dass Studierende den Stoff üben können. Dafür ist es unabdingbar, dass sie bei Fragen nach Antworten suchen können – egal wo.

Als extremes Beispiel eignet sich die Lehrveranstaltung «Algorithmen und Wahrscheinlichkeit». Wöchentlich forderten die Dozierenden gelöste Übungen zur Benotung ein. Diese Übungen mussten Mitstudierende korrigieren – das wurde ebenfalls benotet. Um die Eigenständigkeit der Übungen zu überprüfen, drohten mündliche Befragungen. Zusätzlich fanden alle zwei Wochen Zwischenprüfungen statt. All diese Leistungsüberprüfungen zählten zwar nur verbessernd, um das Gewicht der finalen, vierstündigen Sessionsprüfung zu mindern. Doch kaum jemand der Studierenden verzichtete darauf.

Glücklicherweise bevormunden lange nicht alle Lehrveranstaltungen Studierende so, wie in diesem extremen Fall. Das ist einer Hochschule unwürdig. Zwischenprüfungen und benotete Hausaufgaben während des Semesters sind aber verbreitet.

Wie in der Schule

Universitäten sehen sich häufig mit dem Vorwurf der «Schulifizierung» konfrontiert. Im Falle der ETH ist er besonders berechtigt. Das zeigt sich sogar im Sprachgebrauch der Studierenden: Einige verwenden das Wort «Schule» für die ETH. So fallen in Gesprächen unter Studierenden Sätze wie: «Ich habe jetzt Schule.» Die Ähnlichkeiten zu vorangehenden Schulstufen lassen sich aber auch in anderen Bereichen sehen. Die Gestaltungsmöglichkeiten für Studierende sind im Vergleich zu anderen Universitäten minimal. Der Übungsbetrieb erinnert an die Mittelschule. Prüfungen sind allgegenwärtig.

«Das ist halt die ETH.»

Viele Studierende scheint das nicht zu stören. In Evaluationsrunden wird höchstens eine zu grosse Arbeitslast beanstandet. Und selbst dann sind gegenteilige Wortmeldungen meist nicht weit entfernt: «Das ist halt die ETH», lautet die Antwort sinngemäss in ihrer ganzen arroganten Pracht. Das Prüfungssystem wird selten kritisiert.

Aussenstehende dichten ETH-Studierenden manchmal eine hohe Intelligenz an. Doch Intelligenz ist absolut zweitrangig – genau wie in jedem anderen Studium auch. Bestehen tun solche, die fleissig sind, einen hohen Durchhaltewille besitzen und sich mit dem Prüfungssystem bestmöglichst arrangieren. Und nicht unbedingt, wer schlau ist. Eine gewisse Dummheit mag gar förderlich sein, um ob der obszönen Prüferei nicht zu verzweifeln.

Die Redaktion der «Zürcher Studierendenzeitung» schreibt eine Kolumne zum Thema «Superlative an der Uni». Sie erscheint alle zwei Wochen und wird von Sumanie Gächter illustriert.

1 Comment

  1. Es ist interessant wie unterschiedlich die Bedürfnisse sind. Ich kann schlecht mit Stresssituationen umgehen und finde darum Vorlesungen, die mit nur einer Schlussprüfung über Bestehen oder Durchfallen entscheiden unmenschlich und schlicht arbiträr – Wenn ich während des Semesters zumindest einen Teil meines Leistungsausweises erarbeiten kann, geht schon ein bisschen Druck der Schlussprüfung weg. Ausserdem erfährt man so, wie diese etwa gestaltet sein könnte. Die „Gestaltungsmöglichkeiten für Studierende“ sind bei vollem Prüfungsstundenplan ebenso wenig gegeben wie bei Zwischenprüfungen, da man sowieso täglich lernen muss um das Pensum zu bestehen – nur hängt alles an einer Prüfung.
    Ich bin aber einverstanden, dass studieren vor allem mit Fleiss zu tun hat.

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