Die unabhängige Zeitung für Uni und ETH

Bild: zvg

Kommentar: Es lebe Humboldt!

in Campus/Kommentare/Meinungen von

Gut Ding will Weile haben — Langzeitstudierende beziehen auf Kosten der Gesellschaft einen Service, ohne eine Gegenleistung zu erbringen. Sie sind auf dem Arbeitsmarkt weniger wert, gelten als Inkarnation von Faulheit und Disziplinlosigkeit und tun nicht mal was für die Statistik. So die landläufige Meinung.
Vielleicht ist es Zeit für eine Grundsatzfrage: Weshalb wird Studieren als notwendiges Übel zum grossen Zweck, der eigenen Profitabilität auf dem Arbeitsmarkt, angesehen? Wieso gilt es als Verschwendung – von Zeit, Geld und Ressourcen –, zu studieren, ohne am Schluss einen akademischen Titel zu erhalten? Warum geniessen Bulimielernende, die nach sechs Semestern abgeschlossen haben, ein höheres Ansehen als akribisch Forschende, die ihre Studien über Jahre vertiefen?
Durchhaltewillen und Disziplin zeigt an der Akademie nicht, wer so schnell wie möglich so viel wie möglich in seinen Kopf lädt, sondern, wer sich mit der Materie auseinandersetzt – auch mal länger als nötig, um Punkte zu kriegen. Doch das System Bologna, das auf Kreditpunkte und «Output» setzt, scheint das Humboldt-
sche Bildungsideal längst abgelöst zu haben. Wer 40 Semester Geschichte studiert, wird heute als Problemfall taxiert. Dabei wurden Universitäten gerade für solche Leute gegründet. Für Berufsausbildungen gibt es Fachhochschulen. Und zu glauben, Langzeitstudierende ohne Abschluss brächten der Gesellschaft nichts, ist genau so verfehlt, wie zu glauben, dass alle Diplomierten Heilsbringer seien.Aber darüber muss sich vielleicht weniger die Unileitung Gedanken machen als vielmehr die Gesellschaft – also wir.

Tags:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Neuestes von Campus

Lest Zygmunt Bauman!

Der verstorbene Soziologe hat einen scharfsinnigen Essay über Migration verfasst. Dieser sei

Tatort: Bandraum

Vor fünf Jahren komponierten Basil und Vali für die Maturarbeit zusammen einige
Gehe nach Oben