So bunt geht es an Veranstaltungen des BlauBlau-Kollektivs zu und her (Bild: Johannes Hofmann).

Kommerzkritik im «St. Tropez»

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Bei den Partys des BlauBlau-Kollektivs gehen Schickimicki und Drei-Franken-Bier zusammen.

Wie bespielt man einen Raum zwischen dem kalten Prime Tower, den harten Bahngleisen und dem hippen Frau Gerolds Garten? Das BlauBlau-Kollektiv hat sich im August daran versucht.

«St. Tropez» hiess das letzte Projekt des BlauBlau-Kollektivs. Drei Wochen lang haben zahlreiche Kunstschaffende im Helsinki Klub ein wildes Konglomerat aus Performances, Live-Acts und DJ-Sets dargeboten. Man wird kurz stutzig, wenn man den noch stehenden Anbau erblickt. Was haben Yachten und Diamanten auf dem Geroldsgebiet zu suchen?

Auf den zweiten Blick erkennt man, dass das Schickimicki-Sujet auf den Arm genommen wird. «Wir hatten einen VIP-Eingang, der einfach in die Wand reinging», erzählt Dave Jegerlehner, Teil des BlauBlau-Kollektivs. Das Bier kostete drei Franken, und an der Tür war jede*r willkommen. Klar wird: Hier sollte mehr geschehen als Musik und Trank.

Wirr und schrill

Das Kollektiv macht sich Gedanken: zum Ort, den sie bespielen, zur Botschaft, die sie vermitteln wollen. So auch beim «St. Tropez»-Festival. Geschmiedet wurde das Ganze im Zusammenschluss mit Perlaton, einem Kollektiv ähnlicher Natur.

Aber wer steckt dahinter? «Wir sind neun Leute», sagt Dave Jegerlehner, der eigentlich mehr Dave Eleanor ist. Er ist selbst Musiker, macht Live-Acts, produziert, steht gelegentlich hinter dem Drehpult. «Wir alle bei BlauBlau sind sehr aktiv.» Zum Kollektiv gehört auch ein Recordlabel, das Unterschlupf für zehn Bands bietet. Sie sind allesamt experimentell-alternativ angehaucht. Die Künstler*innen von BlauBlau Records scheuen das Wirre und Schrille nicht, und sie machen keinen Halt vor dem
Unförmigen.

Gegründet hat Jegerlehner das Kollektiv, als er nach Zürich gezogen ist. Zuerst gabs ein kleines Festival an der Langstras-se, dann folgte eins an der Grubenstrasse. «Das ging dann so ein bisschen durch die Decke. Da hat man angefangen, etwas von uns zu wollen.»

Gefangen in der Bubble

BlauBlau will kritisch sein. Zum Nachdenken anregen. Pop-Ups und Coworking waren Angriffsobjekte beim «St. Tropez»-Projekt: das kommerzialisierte Unkommerzielle. BlauBlau definiert sich aber auch positiv: «Wir wollen inklusiv sein und ein möglichst diverses Publikum haben.» Hat es denn geklappt mit der Diversität? Jegerlehner gibt zu: «Das war sicher auch ein Bubble-Publikum.» Kein Wunder bei einem solchen Programm. Obwohl man dieses Mal ein internationaleres, durchmischteres Booking versucht habe. Ob man die Kunstschaffenden denn kennt, die man bucht? «Irgendwann kennt man fast alle in der Musikszene», sagt Jegerlehner. Das ist nichts Neues. Es beschleicht einen nur das Gefühl, dass das Membershiptum à la «St. Tropez» – wenn auch unbeabsichtigt – doch nicht so fern ist.

Abwechslung mit Handschellen

Was ist das denn nun eigentlich, das hier geboten wird? War das «St. Tropez» wirklich nur ein Festival? Oder einfach ein soziales Happening? «Es sollte eine Art Gesamterlebnis sein», sagt Jegerlehner. So konnte man sich während des «St. Tropez» auch für einen Abend mit Handschellen an eine*n Fremden ketten. Eintönig solls nicht sein, sondern abwechslungsreich, anregend. Das sei aber auch eine Frage, an der sie selbst rumtüfteln. Klare Kategorisierungen machen hier aber auch wohl wenig Sinn – am besten selbst rausfinden. ◊

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