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Kritik an Umverteilung

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Seit Anfang Jahr gelten neue Regeln für die Gesuchstellung beim Schweizerischen Nationalfonds. Die Reform der Forschungsförderung stösst auf Kritik.

Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) vergibt staatliche Gelder für Forschungsprojekte an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und hat vom Bund den Auftrag, die Grundlagenforschung sowie die wissenschaftliche Nachwuchsförderung in der Schweiz mitzutragen. Um solche Projektgelder zu bekommen, müssen die Forschenden ein Gesuch beim SNF einreichen. Die Bestimmungen für eine solche Gesuchstellung wurden Anfang 2016 geändert.
Umstritten ist an der Reform vor allem ein Punkt: Neu kann eine Forscherin oder ein Forscher pro Förderperiode nur noch ein Gesuch einreichen und nicht wie bisher beliebig viele. Ausserdem müssen neue Anträge zurückgehalten werden, bis ein laufendes Projekt abgeschlossen ist. Die Kritik an dieser Beschränkung zielt auf drei Punkte: Die Reform verunmögliche adäquate Nachwuchsförderung; sie stelle die Geistes- und Sozialwissenschaften ins Abseits; und sie sei eine versteckte Sparmassnahme.

Weniger Nachwuchs?

«Die Änderungen haben zur Folge, dass weniger Doktorierende engagiert werden können», kritisiert Sylvie Matter, SP-Kantonsrätin und ehemalige Studierendenratspräsidentin der Universität Zürich. Denn bisher hätten Professorinnen und Professoren neben ihren Hauptprojekten oft zusätzlich die Forschungsprojekte von Doktorierenden zur Förderung eingereicht. Diese Möglichkeit fällt nun weg, übrig bleibt nur der Weg über die direkte Personenförderung von akademischem Nachwuchs.

Philipp Theisohn, SNF-Förderprofessor am Deutschen Seminar der Universität Zürich, teilt zwar die Einschätzung der Politikerin und Uni-Kennerin Matter, gibt aber zu bedenken, dass eine kleinere Anzahl an Doktorierenden auch eine intensivere Betreuung von Seiten der Professorinnen und Professoren ermögliche. «Wenn man sich auf ein Projekt konzentriert, steigert das zudem die Qualität der Forschung», sagt Theisohn.

Im Abseits?

Genau darauf sollen die Änderungen der Förderbedingungen offenbar auch abzielen. Die Forschenden sollten unter anderem ihre Arbeiten innerhalb der Projektförderung verstärkt fokussieren, bekräftigt Alan Knaus, Mediensprecher des SNF, und rechtfertigt damit die Reform. «Mit diesen Massnahmen möchte der SNF die Diversität in der Forschung fördern und die effektive Verwendung der begrenzten Mittel gewährleisten.»
Doch wie sieht diese Diversität aus? Die Schweizerische Vereinigung für Altertumswissenschaft (SVAW) schreibt in einem an kantonale Politikerinnen und Politiker gerichteten Positionspapier, die Änderungen würden die Forschungswirklichkeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften ignorieren. Diese zeichne sich dadurch aus, «dass die Doktorierenden zwar unter Betreuung, aber weitgehend selbständig die thematische Problemstellung ihrer Projekte erarbeiten», wie der Berner Geschichtsprofessor Thomas Späth, Präsident der SVAW, schreibt. Durch die Reform werden jedoch genau solche Projekte wohl weniger gefördert werden. Späth wehrt sich deshalb dagegen, dass den Geistes- und Sozialwissenschaften ein «Laborprojekt-Modell» aus den Naturwissenschaften aufgedrängt werde. «Wenn es tatsächlich die Absicht des SNF ist, in den Geistes- und Sozialwissenschaften nur noch grosse Gruppen-Forschungsprojekte zu fördern, hebt er die Freiheit der Forschung der Doktorierenden auf», kritisiert er.

Verstecktes Sparen?

Schliesslich hört man von verschiedenen Seiten die Vermutung, dass hinter der Reform eine Sparmassnahme stecke. Auch Theisohn ist dieser Meinung. Und Kantonsrätin Matter, die durch das Positionspapier der SVAW auf die Kritik an der SNF-Reform aufmerksam geworden ist, gibt zu bedenken: «Der SNF ändert die Spielregeln für die Vergabe der Gelder. Das wird ziemlich sicher dazu führen, dass weniger Projekte unterstützt werden.» Die finanzielle Last würde dann auf private Geldgeber abgewälzt – denn vom Kanton ist angesichts der wirtschaftlichen Lage keine Hilfe zu erwarten.
SNF-Sprecher Knaus weist den Sparmassnahmen-Vorwurf jedoch von sich. Er beteuert, dass das Budget des Nationalfonds insgesamt gleich bleiben werde.

Der SNF
Seit 1952 fördert die Stiftung im Auftrag des Bundes Forschung in allen Disziplinen. Im Jahr 2015 wurden 3’273 Projekte mit 14’800 Forschenden unterstützt. Dafür wurden 877.7 Mio. Franken aufgewendet.

In Zusammenarbeit mit Marie von Seeler

1 Comment

  1. SNF behindert tatsächlich mit dieser Regelung internationale Kooperation mit Österreich. Selbst führende wissenschaftler aus der Schweiz werden nach mehreren Monaten „Prüfung“ durch SNF aus formalen Gründen abgelehnt. In der onkologischen Forschung wird die Qualität der CH Forschung wegen SNF schnell sinken.

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