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Das Latein hat das Ende seiner Laufbahn erreicht. (Bild: Louise Østergaard)

DS beschliesst Abschaffung der Lateinpflicht – Widerstand angekündigt

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Gestern Abend informierte die GIFT, der Fachverein des Deutschen Seminares (DS), dass die Lateinpflicht am gesamten Deutschen Seminar aufgehoben werden soll. Die Aufhebung wurde offenbar schon vor einem Monat beschlossen, an der Institutsversammlung vom 5. Oktober. Offiziell informiert hat diese bisher aber nicht. Der definitive Entscheid fällt an der Fakultätsversammlung. Jetzt formiert sich Widerstand.

Die Lateinpflicht stirbt an der Uni Zürich einen langsamen, fast unmerklichen Tod. Offenbar beschloss die Instiutsversammlung des Deutschen Seminars (DS) vor mehr als einem Monat die Abschaffung. Informiert wurde bisher aber nicht. Auch die Informationen zur Lateinpflicht an der Philosophischen Fakultät sind nicht aktuell. Am Sonntagabend erreichte die Studierenden am Deutschen Seminar eine Mitteilung des Fachvereins (GIFT). Sie ist keine eigentliche Bekanntgabe, sondern eine Weiterleitung eines Protestschreibens von Lateinpflichtbefürwortern, für die vertretend Oliver Grütter, ein Mitarbeiter am Lehrstuhl Kiening, steht. Die Gruppe lädt zur Podiumsdiskussion mit drei Abschaffungsgegnern ein. Auffällig ist: Alle drei stammen aus dem Bereich der Älteren deutschen Literaturwissenschaft, womit die Teilbereiche der Germanistik sehr einseitig vertreten sind. Der Termin für das Podium ist aber noch nicht bekannt.

Gescheiterte Kommunikation

Noch am 17. Oktober gab die GIFT auf Anfrage der ZS keine Auskunft über eine Abschaffung und auch von der Medienstelle der Uni, an welche die ZS vom Studiendekanat verwiesen wurde, war nichts zu erfahren. Wenn es einen Monat dauert bis die Studierenden indirekt von diesem wichtigen Entscheid erfahren, dann ist die Kommunikation der Institutsleitung gescheitert. Der Widerstand gegen die Abschaffung wirkt dagegen wie eine Verzweiflungstat der Verlierer. Dennoch scheint die Haltung zum Latein alles andere als eindeutig. Laut einer Umfrage des DS vom Februar 2015, an der sich 364 Germanistik-Studierende beteiligten, gab die Mehrheit an, dass Latein für das Studium zwar hilfreich, aber nicht notwendig sei. Ungefähr die Hälfte sprach sich für eine Aufhebung der Lateinpflicht aus.

Unklare Zukunft

Das DS folgt mit diesem Entscheid den Fächern Englisch, Philosophie und Kunstgeschichte, für welche das Obligatorium letzten Herbst aufgehoben wurde. Die Aufhebung der Lateinpflicht macht die Fächer für viele angehende Studierende attraktiver und erleichtert insbesondere Auswärtigen ohne Lateinnachweis einen Austausch. Damit steht die Aufhebung auch im Einklang mit «Bologna 2020», dem Projekt der Philosophischen Fakultät, welches die Studienstruktur attraktiver und «zukunftsfähiger» gestalten will.

In Anbetracht der aufgehobenen Obligatorien dürfte auch die Zahl der Teilnehmenden im Lateinunterricht sinken. Damit stellt sich die Frage, wie der Lateinunterricht an der Uni weitergeführt wird. Laut Studiendekan Müller-Nielaba wäre es etwa denkbar, das Latein in den Wahlbereich zu integrieren und entsprechend zu bepunkten. Ganz so still, wie sich das die Institutsleitung wohl vorgestellt hat, scheint die tote Sprache nun aber doch noch nicht abzutreten.

 

*UPDATE*

Der Beschluss zur Abschaffung der Lateinpflicht am Deutschen Seminar wurde am 5. Oktober vom Institut beschlossen. Diesen muss die Fakultätsversammlung am 18.11. bewilligen. An der Versammlung gibt es noch eine Möglichkeit zum Referendum gegen den Entscheid. Wird dieses nicht wahrgenommen, ist der Entscheid definitiv. Die Studierenden sollen dann über den Entscheid informiert werden.

3 Comments

  1. Liebe Zs,
    das Dekanat kann nichts dazu sagen, weil ein Beschluss, der eine Studienregeländerung zufolge hat von der Fakultät genehmigt werden muss. Die Sitzung dazu ist am 18.11.16 ab dann gibt es genauere Info!

  2. 1. Die GiFT ist NICHT der Fachverein des Deutschen Seminares, sondern der Deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft.

    2. Wurde meines Wissens bloss um die Lateinpflicht für die Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft (DSL) entschieden, nicht aber um die Lateinpflicht am Deutschen Seminar allgemein, die z.B. im Studiengang VGS nach wie vor Bestand hat.

    3. Beschlossen ist noch gar nichts – es hätte also auch kein Beschluss bekannt gegeben werden können.

  3. Anti-Latein für Germanistiker

    – eine Replik zu „Abschaffung des Latein-Obligatoriums für Germanistiker“ –

    Ich bin froh, dass die Universität Zürich die Lateinpflicht für Germanistiker abschafft.

    Was heisst Germanistik? Anders als der Name vermuten lässt, handelt es sich um Deutschwissenschaft, evtl. ergänzt durch die politisch unterdrückten Niederdeutschen Regiolekte, deren Vorläufer südskandinavische Varianten beflügelten.

    Germanische Sprachen umfassen neben Deutsch weitere westgermanische Sprachen (Anglistik, Niederlandistik) und nord- (Skandinavistik Nordistik) und ostgermanische (Gotisch) Sprachen.

    Fremdsprachen helfen der Muttersprache. Die Sünden der deutschen Sprache – Füllwörter, Übertreibungen, Härte durch Kontrastwörter, Pleonasmen, unnötige „Verkomplizierungen“, Wirrwarr im Gebrauch der Vergangenheitszeiten – lernen wir durch Beizug weiterer Sprachen ausmerzen.

    Germanistiker kennen nordgermanische Sprachen teils so schlecht, dass sie im Isländisch-Sprachvergleich nicht einmal merken, welche Formen sich im Südskandinavisch durchgesetzt haben. Die Besiedlung des hohen Nordens vereinfachte sich durch Entschlackung (morphologischer Kollaps) der nordischen Sprachen.

    Was gibt es schöneres als den Dschungel der Nordischen Literatur zu geniessen? Die Bereicherung durch stilistische Nuancen lässt jedes Nordistikherz höher schlagen. Es ist schade, dass die Wikinger ihre Dialekte nicht weiter verbreitet haben.

    Wissenschaftliche Publikationen in einer Sprache mit geringer Verbreitung können für die Menschheit infolge Unkenntnis der Sprache und Nichtbeachtung gefährlich sein.

    Eine Sprache kann Türöffner für weitere Sprachen sein. Die meines Erachtens eindrucksvollsten Abhandlungen über Finnisch und verwandte Sprachen (d. h. in Europa gesprochene Sprachen asiatischer Herkunft) habe ich auf Schwedisch gefunden.

    Wer aufs Latein verzichtet, schafft Platz zum Erlernen moderner Sprachen. Allein in Europa gibt es deren mehr als zwanzig. Das Latein bildet für das heutige Europa keine Basis. Das gegenseitig fehlende Sprach- und Kulturverständnis bedroht Europa. Sprachwissenschafter sollten mindestens die Hälfte der Sprachen verstehen.

    Wer sich mit europäischen Sprachen befasst, sollte – ungeachtet politischer Aspekte – zur linguistischen Horizonterweiterung mindestens eine slawische Sprache berühren. Ein Russisch-Grundkurs (Ostslawisch), übersät mit west- und südslawischen Aspekten, liefert eine tragende Säule.

    Europäische Sprachen sind punkto Orthographie eine Katastrophe. Jede Sprache (und ein Grossteil der Regionalsprachen) benutzen eigene Rechtschreiberegeln. Europa geht zugrunde, weil man „europäisch“ weder schreiben noch lesen kann. Als „Wissenschafter“ vor mehr als 500 Jahren „ewige“ Schreibbasen legten, trugen sie dem Lautwandel nicht Rechnung, weil sie „tote“ Buchstaben anschauten. Aber Sprache kommt von Sprechen (und hoffentlich hört jemand zu). Wie lange quälen wir uns und unsere Schulkinder mit fürchterlicher Orthographie? Das Rechtschreibedesaster können wir nur lösen, wenn wir heutige Sprachen (nicht tote Sprachen) wissenschaftlich erfassen und Politikern ein durchdachtes graphisches System präsentieren.

    Was mit Sprechen zu tun hat – Lautlehre, Alltagssprache, Dialekte, „Sprechschaft“ -, können wir mit dem Latein nicht untersuchen, weil es keine lateinischen Hörproben gibt und nie geben wird. Weil Sprachwissenschafter sich jahrhunderlang auf „tote“ Texte konzentrierten, wurden wesentliche linguistische Teilgebiete sträflich vernachlässigt. Bis heute produzieren vom Latein fehlgeleitete Germanistiker nutzloses Zeug.

    Die einseitige Bevorzugung des klassischen Lateins untergräbt die Tatsache, dass mittellateinische und protoromanische Regiolekte die romanischen Sprachen wesentlich stärker beeinflussten. Selbst wer Romanistik studiert, sollte kein totes Latein-Pferd reiten.

    Der bewusste Latein-Verzicht öffnet Germanistikern eine neue Sichtweise, die ein Gewitter auslösen wird, wie es die deutsche Sprachlandschaft nie erlebt hat.

    Das Latein soll tot bleiben, aber unsere Sprachen sollen leben.

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