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Engagiert bis ins hohe Alter: Soziologe Bauman.

Lest Zygmunt Bauman!

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Der verstorbene Soziologe hat einen scharfsinnigen Essay über Migration verfasst. Dieser sei allen ans Herz gelegt.

«Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?» So lautet Max Frischs provokative erste Frage in den Fragebögen des zweiten Tagebuchs. Einer, der ruhigen Gewissens mit «Ja» hätte antworten können, war Zygmunt Bauman. Vom polnischen Soziologen, der diesen Januar mit 91 Jahren verstorben ist, erschien noch letztes Jahr ein Buch, das sich mit «Migration und Panikmache» auseinandersetzt.

«Moralische Panik»

In seinem letzten Text, «Die Angst vor den anderen», nimmt  Bauman sich der Art und Weise an, in der in Politik und Medien gegenwärtig über Migration geschrieben und gesprochen wird. Diese habe mit einer «moralischen Panik» den Grund dafür heraufbeschworen, dass Menschen, die auf der Suche nach einem besseren Leben ihre Heimat verlassen haben, in Europa zum Problem erklärt werden und Migration pauschal zur «Migrationskrise» gemacht wird.

Wenn moralische Panik die Furcht vor einer Bedrohung des allgemeinen Wohls ist, dann ist leicht zu erraten, dass mit der – vermeintlichen – Bedrohung die ankommenden Geflüchteten gemeint sind. Die Gefahr, die scheinbar von den fremden Menschen ausgeht, ist indes bloss eine konstruierte. Konstruiert aus politischem Kalkül, um Handeln zu rechtfertigen, das nicht den eigentlich geltenden moralischen Prinzipien entspricht. Bauman beschreibt dieses Phänomen, in dem Denken und Tun nicht mehr übereinstimmen, mit dem Begriff der «kognitiven Dissonanz».

Es ist einfach, hält der einstige Professor an der Universität Leeds fest, Tausende Menschen unter generellen Terrorismusverdacht zu stellen, um ihre Situation so der moralischen Bewertung zu entheben – oder sie, in Nietzsches Worten, ins «Jenseits von gut und böse» und also zurück in die Ursprungsländer zu verfrachten.  Einfacher jedenfalls, als sich auf Fremdes einzulassen, was immer auch bedeutet, Missverständnisse und Konflikte in Kauf zu nehmen.

Wille zur Kooperation

Zygmunt Bauman hält keine allgemeingültigen Lösungsvorschläge bereit; er ist Wissenschaftler genug, um einen solchen deus ex libro als unrealistisch zu erkennen. Aber er weiss Rat und propagiert mit den Worten Anthony Appiahs und aller Dringlichkeit «als Königsweg» einen Dialog zwischen Menschen, «Gespräche, die über Grenzen hinweg geführt werden», wenngleich dieselben «Genuss oder eine Qual sein» können. Seine Devise ist die Solidarität, der Wille zur Kooperation anstelle der Angst vor den anderen.

Bestechend an den Analysen ist aber weniger ihr Fazit als der ruhige, jedoch  immer kompromisslose Ton, in dem der Autor sie vorbringt. Bauman hält sich von Wehklagen fern und zeigt dafür umso deutlicher die Fadenscheinigkeit einiger politischer Parolen auf, die leider schon viel zu sehr zur Gewohnheit geworden sind.

Langfristiges Denken

Texte wie «Die Angst vor den anderen» sind in ihrem Stellenwert umso höher einzuschätzen, wenn wir uns vor Augen halten, dass Migration ebenso wenig ein neues wie ein kurzfristiges Phänomen ist. Und deshalb sollten wir sie lesen, wenn auch uns die Erhaltung des Menschengeschlechts wirklich interessiert. ◊

Zygmunt Bauman: Die Angst vor den anderen. Suhrkamp 2016.

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