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Liebe in Zeiten der Krise

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Ein Dokumentarfilm, der ästhetisch und konzeptionell so gestaltet ist, dass er fiktiv statt dokumentarisch wirkt – das ist Jan Gassmanns neustes Werk. In «Europe, She Loves» nimmt der junge Schweizer Filmemacher das Publikum mit auf einen Kurztrip durch Tallinn, Sevilla, Dublin und Thessaloniki und gibt einen sehr intimen und persönlichen Einblick in das Leben von vier Liebespaaren, die alle mit unterschiedlichen Sorgen und Problemen kämpfen.
Terry und Siobhan aus Dublin versuchen trotz eines kaputten Kühlschranks, finanzieller Nöte und ihrer Heroinsucht, sich irgendwie über Wasser zu halten, schreiben Songs und spielen sie auf der Strasse. In Sevilla verfolgen Juan und Caro unterschiedliche Lebensentwürfe: Sie bewirbt sich für ein Masterprogramm, während er keinen Plan hat, was er mit seiner Zukunft anfangen soll. Derweil bemühen sich die junge Go-Go-Tänzerin Veronika und ihr Partner Harri in Tallinn darum, das Leben in ihrer Patchwork-Familie zu bewältigen. Dabei wünscht sich Veronika, dass Harri ihren ältesten Sohn als sein eigenes Kind anerkennt. In Griechenland beobachtet das Publikum die junge Penny und ihren zehn Jahre älteren Freund Niko: Trotz ihrer innigen Liebe zueinander plant Penny nach Italien auszuwandern, um dort zu arbeiten.
Der Film porträtiert gekonnt den Liebesalltag von vier Paaren der «Lost Generation», die sich in ihren Sorgen um ihre Liebe alle irgendwie ähnlich sind. So zeigt Gassmann, welchen Einfluss die politische und wirtschaftliche Instabilität auf die Liebe zwischen zwei Menschen hat, ohne dabei kitschig zu wirken. Einen grossen Beitrag dazu leisten zum einen die zwar melancholische, aber nie pathetische Filmmusik von David Wengren und zum anderen die vorbeirauschenden Bilder. Das Filmteam wagte sowohl in seiner Herangehensweise als auch in ästhetischer Hinsicht den Grenzgang zwischen Dokumentation und Imagination. Er ist gelungen.

«Europe, She Loves» (100 Min.)
Regie: Jan Gassmann
2:1 Film / Lüthje Schneider Hörl Film
Kinostart: 29. September 2016

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