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Die Maden kochen im heissen Wasser, ehe sie weiterverarbeitet werden. (Bilder: Severin Bigler)

Maden im Magen

in Campus von

Mehlwürmer und Heuschrecken sind als Nahrungsmittel immer gefragter. Wie schmeckt der Insektenschmaus?

Am 1. Mai trat in der Schweiz ein neues Lebensmittelgesetz in Kraft: Alle Lebensmittel sind nun zugelassen, solange sie den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Vorher brauchte man für alle nicht im Gesetz erwähnten Lebensmittel eine Bewilligung, bevor sie verkauft werden durften. Damit ist die Schweiz eines der ersten Länder in Europa, in denen Insekten offiziell zum Verzehr verkauft werden. Grund für uns, die Krabbelviecher einmal auszuprobieren.

Kalt gemacht

Bei ihrer Ankunft sind die Heuschrecken, Grillen und Mehlwürmer noch quicklebendig und zirpen in ihren Boxen. Nach einer bis drei Stunden im Tiefkühler machen sie jedoch keinen Mucks mehr. Den Heuschrecken und den Grillen werden die Hinterbeine entfernt, bevor sie gekocht werden. Sie haben nämlich lästige Wiederhäkchen und sind deshalb ungeniessbar. Als Nächstes werden sie im kochenden Wasser gebadet. Das Wasser verfärbt sich dabei bräunlich und nimmt einen unangenehmen Geruch an. Nun sind sie bereit, zu einem Gericht weiterverarbeitet zu werden.

Heuschrecken-Dip

Eine Köchin hat sich bereiterklärt, unser Vorhaben zu unterstützen. Mit den einfachen Zutaten einer Studierenden-WG überrascht sie uns schlussendlich mit einem mehrgängigen Menu.

Für den Apéro werden die gebratenen Heuschrecken mit Frischkäse-Dip serviert; ein sehr guter Start ins Insektenmenu. Man kann nämlich die Tierchen mit dem Kopf voran in den Dip tauchen, dann muss man ihnen nicht in die Augen schauen, bevor man reinbeisst. Nach der ersten Überwindung bemerkt man, dass die Grashüpfer ziemlich knusprig sind und eigentlich keinen Eigengeschmack besitzen. Allerdings sollte man sich nicht zu genau vorstellen, welcher Körperteil des Insekts nun gerade zermalmt wird. Wenn einem ab und zu mal ein Bein oder ein Fühler der Heuschrecken zwischen den Zähnen hängenbleibt, ist das auch eher gewöhnungsbedürftig. Abgesehen davon sind sie aber erstaunlich schmackhaft.

Vielfältig und ökologisch

Geschmacklich sind Insekten zwar nicht mit ihren grösseren Verwandten vergleichbar, da sie nicht den typischen Fleischgeschmack besitzen. Bezüglich Nährstoffe, insbesondere Proteine, stehen sie ihnen aber in nichts nach. Ausserdem können Insekten durch ihren neutralen Geschmack in allen möglichen Varianten und Gerichten eingesetzt werden. Der ökologische Vorteil ist auch erwähnenswert: Die Züchtung der Tierchen ist sehr viel nachhaltiger als die von grösseren Tieren, sie brauchen nur einen Bruchteil des Wassers und produzieren weniger CO2. Ausserdem können sie mit Lebensmittelabfällen gefüttert werden. Aus diesen Gründen gelten die Krabbeltierchen als grosse Hoffnung für die Zukunft der Nahrungsmittelindustrie.

Der nächste Schmaus

Als Nächstes erwartet uns die Vorspeise: Hummus mit Zucchini, Avocado und wiederum gebratene Heuschrecken. In diesem Fall sind die Heuschrecken anders gewürzt, aber trotzdem knackig, was einen hervorragenden Kontrast zum Hummus bietet.

Auf die kalte Vorspeise folgt eine Curry-Suppe mit gerösteten Mehlwürmern, Pinienkernen und grilliertem Apfel. Auf Anhieb sind die Mehlwürmer meine Favoriten unter den Insekten. Klein und fein, ohne lange Beine und sonstige piksende Extremitäten, fällt es einem gar nicht schwer, die Mehlwürmer ohne Hintergedanken zu essen. Zu den Pinienkernen passen sie so gut, dass man sie kaum bemerkt, und sie geben der Suppe eine knusprig-nussige Note.

Zum Hauptgang versuchen wir uns  mit der nächsten Spezies. Der Kräuterreis mit Ofenpeperoni wird mit Speck und grillierten Grillen garniert. Die Flügel und langen Fühler sind erst etwas irritierend, aber man gewöhnt sich nach ein paar Bissen daran. Als Dessert erwartet uns eine Variation aus Pralinen mit Grillengarnitur, Milchreis und Schokoladenwalnüssen. Erstaunlicherweise machen die Grillen auch als Praliné-Dekoration eine gute Figur. Wer lieber Süsses hat und trotzdem nicht auf ein paar Nährstoffe verzichten will, kann die geschmacksneutralen Insekten also auch als Nachspeise zubereiten.

Insekten im Supermarkt

Im Detailhandel werden die Insekten vorerst einen harmlosen Start hinlegen: Coop verkauft seit dem 1. Mai drei verschiedene Produkte mit Mehlwürmern, unter anderem Hackbällchen und Burger. Man wird weder Beine noch Augen der Insekten erkennen können. Die Insektenart wird auf den Packungen mit ihrem lateinischen Fachnamen (Tenebrio molitor) angegeben. Ob die Migros in der Produktion folgen wird, wurde auf Anfrage nicht bekanntgegeben. Alternativ können die Insekten von einem Schweizer Start-up bestellt werden. Sie sind dann sogar schon getrocknet und entbeint.

Da die Insektenprodukte als Spezialität gelten, werden die Preise entsprechend hoch sein. Insekten werden also auch in naher Zukunft nicht zum täglichen Brot der Studierenden gehören. Wer weiss, vielleicht essen wir irgendwann mal in der Mensa saftige Madensalate und knusprige Grillenburger. ◊

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