Forderungsübergabe mit Eiben an Vertreter der Hochschulen (Bild: Nuria Tinnermann).

Klimakrise: Studis ziehen ihre Hochschulen zur Verantwortung

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International haben tausende Unis den Klimanotstand erklärt. In der Schweiz hinken die Hochschulen hinterher. Die Studierendengruppe des Klimastreiks will dem ein Ende setzen: Sie überreichte den Zürcher Hochschulen vergangenen Freitag ihre Forderungen.

Weltweit haben 7000 Hochschulen bereits den SDG Accord, eine internationale Erklärung zur Bekämpfung der Klimakrise, unterschrieben. Mit diesem Dokument erklären sie anhand von einem drei-Punkt-Plan den Klimanotstand. Die Unterzeichnenden verpflichten sich bis 2030, oder spätestens bis 2050, CO2-neutral zu werden, mehr Ressourcen für die Erforschung des Klimawandels aufzuwenden und Thematiken wie Ökologie und Nachhaltigkeit in die Lehre zu integrieren. In der Schweiz haben bisher nur wenige Hochschulen unterzeichnet: zwei Business Schools und die Uni St. Gallen. Zudem sind einige Professor*innen  auf der Homepage des Accords vermerkt. In anderen Ländern bekennen sich dazu weitaus mehr Unterstützer*innen.

Partizipativ aber langsam

Lorenz Hilty ist Nachhaltigkeitsdelegierter der Universität Zürich und nahm am Freitag zusammen mit Stefan Schnyder aus der Unileitung die Forderungen des Klimastreiks entgegen. «An der Uni Zürich kommt ein internationales Abkommen wie beispielsweise der SDG Accord zu einem ungünstigen Moment», gibt er zur Auskunft. Die Unileitung habe in einem relativ langwierigen Prozess die «Sustainability Policy» verabschiedet. Die Umsetzungsstrategie dazu sei gerade im Vernehmlassungsprozess, bei welchem jede*r an der Universität mitreden könne. Dieser partizipative Prozess stehe aus guten Gründen im Konflikt mit einem «top-down Vorgehen», in dem Regelungen von einer äusseren Instanz diktiert würden.

Diese Vorgehensweise ist zwar demokratisch, aber auch extrem verlangsamend und ein Paradebeispiel für die schleppenden Veränderungsprozesse in der Schweiz. Hilty unterstützt zwar eine partizipative Entscheidungsfindung, sieht aber auch Probleme: «Im Nachhaltigkeitsbereich geht eigentlich überhaupt nichts schnell genug. Wir sind 30 Jahre zu spät mit wichtigen Weichenstellungen.» Diese Meinung vertritt auch der Klimastreik. Um die Diskussion über Nachhaltigkeit und Klimakrise in der Hochschulpolitik zu beschleunigen, überreichte die Studierendengruppe vergangenen Freitag ihre Forderungen.

Fünf nach zwölf

Die Veranstaltung beginnt um fünf nach zwölf auf der Polyterrasse. Die Uhrzeit soll auf die Dringlichkeit der Situation aufmerksam machen. Rund dreihundert Personen haben sich um die kleine Bühne versammelt und lauschen den Reden von zwei Studierenden des Klimastreiks. Die Hochschulen hätten als Ausbildungsstätte ihre Verantwortung wahrzunehmen, lautet deren Tenor. Neben dem Ausruf des Klimanotstandes werden ähnliche Punkte wie im SDG Accord genannt, nur klingen sie verbindlicher: Bildung und Projektarbeiten zur Klimakrise sollen studiengangübergreifend Pflicht werden. Die Forschung an den Hochschulen müsse sich vermehrt mit Lösungsansätzen für eine Netto-null-Gesellschaft einsetzen und keine Forschungsgelder von umweltverschmutzenden Unternehmen beziehen.

Zuletzt sollen Hochschulen ihrer Position in der Gesellschaft, als Zentren für Innovation, gerecht werden und gesamtgesellschaftlich noch nicht erreichte Ziele vorleben. Das beinhaltet unter anderem fleischlose Mensen, ein begrünter Campus oder ein Verbot von Flugreisen bei einer Reisezeit unter 30 Stunden. Die Forderungen kommen der Vorstellung einer nachhaltigen Utopie nahe, aber sind sie auch umsetzbar? Wanda Siegfried, eine Nationalrats-Kandidatin der Juso und Rednerin an der Forderungsübergabe, stellt nüchtern fest: «Ich glaube nicht daran, dass alle Forderungen in der verlangten Zeit umgesetzt werden. Aber wir hoffen, dass sie umgesetzt werden, denn eigentlich haben wir gar keine andere Wahl. Wenn wir bis 2030 keine massive Veränderungen erzielen, haben wir ein unlösbares Problem.»

Mehr als Bäume pflanzen

Am Ende der Reden werden die fünf Vertreter der Hochschulen und ein Mitglied der Unileitung vom Moderator auf die Bühne gebeten, um die Forderungen zusammen mit einer kleinen Eibe entgegen zu nehmen. Das Bäumchen sei ein Sinnbild für die künftig wachsende Nachhaltigkeit an den Hochschulen und soll von ihnen eingepflanzt werden. Entgegengenommen werden die Pflanzen  ausschliesslich von männlichen Vertretern der Bildungsinstitutionen. Die männliche Nachhaltigkeitsdelegation sei vielleicht auch Teil des Problems, bemerkt der Moderator lächelnd. Im Anschluss kritisiert auch Siegfried die ungleiche Repräsentation der Hochschulen stark: «Es kann nicht sein, dass die Hochschulen sich nicht genug bemühen, um im Nachhaltigkeitsbereich diverser repräsentiert zu werden.» Ausserdem zeige die Abwesenheit der Rektor*innen auch, dass das Thema nicht so ernst genommen werde, wie es sollte. Nur Vertretungen zu senden, weise auf die fehlende Priorisierung der Hochschulen hin.

Zeit für Massnahmen

Die Forderungen des Klimastreiks findet der Nachhaltigkeitsdelegierte der Uni Zürich wichtig: «Ich persönlich arbeite auch auf die dahinter stehenden Ziele hin und würde sie unterschreiben.» Einige Ansätze sind auch schon auf der Website der universitären Nachhaltigkeitsdelegation zu finden. Es handelt sich aber noch um Empfehlungen, nicht um Massnahmen. Hilty erklärt aber, dass erste Projekte bereits im Gange seien, wie beispielsweise eine Instanz, die ein fakultätsübergreifendes Lehrangebot anbiete. In diesem soll unter anderem auch ein Kurs mit dem Thema «Nachhaltige Entwicklung» angeboten werden. Der Wille sei also vorhanden, aber die Strukturen der Uni würden nur langsame Änderungen zulassen.

Zeit für langwierige Prozesse gibt es aber eigentlich keine, das bestätigt der Nachhaltigkeitsdelegierte Hilty: «Die Zeit läuft uns davon. Wenn wir in der Schweiz die nächsten sieben Jahre business as usual weiterführen, wird das CO2-Budget erschöpft sein, das uns für die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels noch zur Verfügung steht.» Aus diesem Grund fordert der Klimastreik eine einschneidende Wende in der Gesellschaft, in der auch die Hochschulen eine entscheidende Rolle spielen. Die Universitäten stehen mit der Bewältigung diesen Forderungen jedoch nicht alleine da. Denn im Unterschied zum SDG Accord sind die Forderungen nicht von einer internationalen Instanz auferlegt, sondern von Studierenden, die ein Teil der Hochschule formen und auch bereit scheinen, sich für diesen Wandel einzusetzen und mitzuwirken.

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