Die unabhängige Zeitung für Uni und ETH

Mit Büchern durch den Winter

in Campus von

Mit guter Lektüre durch die kalte Jahreszeit: Germanistik-Studierende präsentieren im Rahmen des Projekts «Schweizer Buchjahr» ihre Auswahl.

Biologisches Erzählen

In Barbara Schiblis Debütroman ist der Titel Programm. Einerseits handelt es sich bei den «Flechten» um den Forschungsgegenstand der Protagonistin Anna Baselgia. Andererseits sind sie Ausdruck des Wunsches der jungen Frau nach Verflechtung in der Beziehung zu ihrer Zwillingsschwester und Fotografin Leta. Sie wünscht sich, mit ihr wie Synchronschwimmerinnen gemeinsam den Wellen des Lebens zu trotzen. Doch die äusserliche Ähnlichkeit garantiert keine Bindung, ist in der Symbiose doch auch die Angst angelegt, dass die eigene Identität verlorengehen könnte. In der Folge kämpfen und spielen die Schwestern beständig darum, sich in der jeweils anderen aufzulösen und gleichzeitig noch sichtbar zu bleiben. Paradigmatisch verhandelt Schiblis Roman diesen Kampf am Medium der Fotografie, das Nähe und Abstraktion zugleich schafft. So unscheinbar die Flechte unter den Gewächsen auch sein mag – als Metapher für unsichtbare und gerade deshalb sehr wirksame Verbindungen trägt sie. [Alexandra Wittmer]

Barbara Schibli: Flechten. Dörlemann 2017.

Steampunk im Labyrinth

Steampunk ist Stefan Bachmanns Steckenpferd. Alle seine Bücher, die der Schweizer Autor in seiner englischen Muttersprache schreibt, kombinieren Hightech mit Nostalgie – so auch sein dritter Roman «Palast der Finsternis». Gut zweihundert Jahre liegen zwischen Anouk und Aurélie, die beide, von Cliffhanger zu Cliffhanger geworfen, vor Verfolgern durch einen unterirdischen, labyrinthartigen Palast fliehen. Ganz nebenbei widmet Bachmann sich einer Geschichtsstunde: Immerhin geht es auch um die Französische Revolution und nach politischer Bildsprache muss man dementsprechend nicht lange Ausschau halten. Infolge dieser Überfrachtung und der rasanten Erzählweise bleibt vieles etwas schwammig und ungeklärt. Auch wirkt der ständige Wechsel von akuter Bedrohung und Rettung in letzter Sekunde irgendwann ermüdend. Abgesehen davon liest sich «Palast der Finsternis» jedoch kurzweilig. Fans von literarischer Action und Horrorelementen werden bei der Lektüre zweifellos voll auf ihre Kosten kommen. [Theresa Pyritz]

Stefan Bachmann: Palast der Finsternis.
Diogenes 2017.

Von der Trauer eines Kindes

Konrad wurde von einem Auto überfahren. Nun muss seine Schwester Nora diesen Verlust verarbeiten. Sie nimmt den Leser mit in die Wochen nach dem Unfall: in den Kindergarten, zu ihrer Oma, zu den Himbeeren im Garten. «Konrad, Felix und ich» von Isabelle Ryf erzählt von der Trauer eines Kindes und seiner Rückkehr in den Alltag. Nora spricht zum Leser mit einer konstruierten Kinderstimme. Sie stellt viele Fragen, findet amüsante Vergleiche («schwarzer Teig» für Asphalt) und versteht wenig von dem, was um sie herum passiert. Doch Ryf imitiert diese Kinderperspektive zu realistisch – Noras Unverständnis überträgt sich auf den Leser. Spätestens als Noras Mutter das Ejakulat von Noras Vater trinkt, steigt man aus dem Plot aus. Ob der ausgestellten Geheimnishaftigkeit des Buches stellt sich Frustration ein; aus der anfänglichen emotionalen Anteilnahme wird am Ende Gleichgültigkeit. [Julien Reimer]

Isabelle Ryf: Konrad, Felix und ich. die brotsuppe 2017.

Bruder Klaus sucht GOTT und findet Amerika

Anlässlich seines 600. Geburtstags wird Bruder Klaus aus der Versenkung geholt und darf in Adam Schwarz’ Debüt Amerika entdecken. Der Schweizer Nationalheilige, der die helvetischen Grenzen nie übertreten hat und von der rechts-konservativen Ecke als Abgrenzer gefeiert wird, kann so in Schwarz’ kontrafaktischem Roman den Patriotismus-Stempel ablegen. Zum Mitpilgern gezwungen hat er seinen Sohn Hans, der uns von der verrückten Gottes-Suche berichtet, auf der Vater und Sohn nebst Entourage dem Hungertod und der Pest nur knapp entkamen. Begleitet wurden sie auf ihrer Pilgerfahrt von Bruder Ulrich, ebenfalls Einsiedler und grosser Bruder-Klaus-Fan, und einem Basler Henker, der bei dieser Gelegenheit seine blutgetränkte Seele reinwaschen wollte. Während der Reiseleiter Bruder Klaus stetig predigt, sie seien bald am Ziel, schwindet den Reisenden zusehends das Fleisch von ihren Knochen. Backpackern bot das 15. Jahrhundert wenig Komfort. «Das Fleisch der Welt – oder die Entdeckung Amerikas durch Niklaus von Flüe» ist ein fabulierfreudiges Roadmovie mit Pilgerfahrt-Charakter und einer Prise Christoph Kolumbus. [Carla Peca]

Adam Schwarz: Das Fleisch der Welt oder Die Entdeckung Amerikas durch NIkolaus von Flüe. Zytglogge 2017.

Zigarette danach

Doch die literarische Brise will einfach nicht kommen und wird auch nach Laura Wohnlichs neuem Roman «Sweet Rotation» gewiss noch eine Weile auf sich warten lassen. Dabei scheint der Anfang ganz vielversprechend. Die 19-jährige Anna wird nach dem Tod ihrer Mutter Call-Girl und verdient sich ihr Geld von nun an mit der Befriedigung prüder Zahnärzte, von ADHS geplagter Künstler und einer lesbischen Hedonistin. Sie möchte jedoch nicht nur Schweinereien ins Ohr geflüstert, sondern auch Antworten auf ein paar grundlegende Fragen geliefert bekommen. Was soll eigentlich das Ganze? Ist das Leben tatsächlich nicht mehr als ein überdimensioniertes Hamsterrad? Alles gute Ansätze, die jedoch schnell im narrativen Leerlauf verharren. Die Autorin setzt dem Leser platten Voyeurismus, frivole Liebesakte und von Zen-Philosophie durchzogene Zigarette-danach-Gespräche vor. [Sascha Wisniewski]

Laura wohnlich: Sweet Rotation. Piper 2017.

Schweizer Buchjahr
Am 1.1.2017 ging das «Schweizer Buchjahr» online, die studentische Plattform für Literatur- und Diskurskritik. Ziel ist es, das hiesige Literaturtreiben kritisch und unabhängig zu begleiten. Viele der Texte werden von Studierenden des Deutschen Seminars der Universität Zürich verfasst. Im Rahmen des Master-Seminars «Schweizer Buchjahr» von Philipp Theisohn und Christoph Steier können sie sich hier in Kooperation mit renommierten Medienpartnern kulturjournalistisch versuchen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Neuestes von Campus

Placeholder

Alle Wege sind offen

Die Dienste der «Zentralstelle der Studentenschaft der Universität Zürich» waren tatsächlich zentral. Umso

Kryptisches Geld

Schon jetzt kann man in einer Mensa in Oerlikon mit Bitcoins bezahlen.
Gehe nach Oben