Wird nach der Operation wieder auf die Beine kommen: Eine Katze wird operiert (Bilder: Jonathan Progin).

«Mit einem verdrehten Magen ist nicht zu spassen»

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Am Tierspital werden Katzenherzen geröntgt und Hundebäuche aufgeschnitten.

Da liegt sie. Sie liegt auf der Seite, die Beine weit von sich gestreckt. Schläuche führen aus dem Körper heraus. Sie liegt ruhig, die Bauchdecke bewegt sich nicht. Sie ist betäubt. Um sie herum stehen Menschen in gelber Operationskleidung. Deren Hauptaugenmerk gilt der Wunde am Bein. Die Haut ist weg, fein säuberlich abgetrennt, fast wie bei einem mit dem Sparschäler gehäuteten Apfel. Darunter kommt bedrohlich rot schimmernd das Fleisch zum Vorschein.

Stumme Patienten

Die Katze liegt auf der chirurgischen Station der Kleintierklinik am Tierspital Zürich. Vermutlich ist sie von einem Auto angefahren worden. Vermutlich hat sie sich danach mit letzter Kraft nach Hause geschleppt; ihr Besitzer hat sie in den Notfall der Kleintierklinik gebracht. Vermutlich, mutmasslich. So könnte es gewesen sein. Erzählen kann sie den Medizinerinnen und Medizinern ihre Geschichte nicht. Konnte es nicht, als sie eingeliefert wurde. Und kann es jetzt, da sie narkotisiert auf dem Operationstisch liegt, erst recht nicht mehr. «Als Tierärztin bin ich vollumfänglich auf die klinische Untersuchung angewiesen. Das Tier kann mir nicht sagen, was ihm fehlt oder wo es Schmerzen hat. Das muss ich schon alleine rausfinden», sagt Claudia Kümmerle, die als Oberärztin am Tierspital in der Inneren Medizin arbeitet. Dementsprechend gleiche der medizinische Alltag einer Tierärztin oft einer Detektivarbeit.

«Katzen machen, was sie wollen»

So ist es auch beim Büsi, das zusammen mit seinem Herrchen einen Termin in der Kardiologie hat. Es ist zur Nachuntersuchung da. Seit einiger Zeit habe er beobachtet, wie seine Katze immer öfter mit herausgestreckter Zunge anzutreffen gewesen sei, erklärt der Halter. Zuerst habe er sich nichts weiter gedacht, aber: «Als sie dazu noch zu hecheln und röcheln begann, habe ich mich zu sorgen angefangen.» Der Ultraschall des Herzens hat das Problem zutage gefördert: Das Büsi leidet an einer Herzschwäche. Der linke Teil des Herzens pumpt zu schwach, um seiner Aufgabe gebührend nachkommen zu können: das Blut durch die Arterien durch den gesamten Körper des Büsis zu verteilen. Dadurch mangelt es der Katze an Sauerstoff. Der Körper reagiert darauf, indem er die Atmung beschleunigt: Die Katze kommt in Atemnot.

Der Hund liegt auf dem Bauch, alle Viere von sich gestreckt.

Als Begleiterscheinung dazu hat sich Flüssigkeit im Brustraum der Katze abgelagert. Der zuständige Kardiologe, Tony Glaus, behandelt sie mit Medikamenten. Die Flüssigkeit hat er vor einer Woche mit einer Nadel punktuell abgesaugt.

Zusätzlich hat er ihr ein Medikament verschrieben, das den Flüssigkeitsabbau der Nieren beschleunigt. Nun in der Nachbehandlung eine Woche später will er kontrollieren, wie die Katze darauf anspricht. Und siehe da: Die Flüssigkeit ist grösstenteils verschwunden, die Atemnot bis auf Weiteres behoben. Dennoch stellt Glaus dem mit 13 Jahren doch schon betagten Vierbeiner keine sonderlich gute Prognose. Konkret bedeutet das, er wagt sich nicht auf die Äste hinaus. «Die Prognose bei Katzen ist generell schwierig. Sie sind viel unberechenbarer als Hunde», sagt er. «Ein Stück weit machen Katzen, was sie wollen.»

Entfernung der Milz – eine Standardoperation

Im Operationssaal befindet sich derweil ein Neufundländer, ein Hund von gut und gerne 50 Kilogramm Körpergewicht. In der Nacht hat er starke innere Blutungen erlitten. Verdacht: Milzdrehung. Furchterregend schaut er aus, dieser Bär von einem Hund: Er liegt auf dem Rücken, alle Viere von sich gestreckt, die gesamte Bauchpartie ist kahlgeschoren. Gleich wird der behandelnde Chirurg, Sebastian Knell, ihn hier der Länge nach aufschneiden. Rund um die Milz haben sich Toxine abgelagert, die Durchblutung ist nicht mehr gewährleistet. Wird nicht operiert, stirbt der Hund: Die Milz muss raus. «Ein Hund kann gut ohne Milz leben», erklärt Knell, während er mit präzisen Schnitten die Bauchwand des Hundes öffnet. «Sie ist der Blutspeicher des Hundes. Fehlt sie, steigt die Gefahr für Parasiten im Blut.» Auch werde das Blut ohne Milz nicht mehr ganz so zuverlässig erneuert.

Das Entfernen der Milz ist eine Standardoperation beim Hund. Fünf Tierärztinnen und Tierärzte sind bei der Operation anwesend. Der Chefchirurg führt die Operation durch; seine Assistentin reicht ihm das Werkzeug. Die Anästhesistin ist dafür verantwortlich, dass der Hund während des gesamten Eingriffs ruhiggestellt ist und bleibt. Auch kontrolliert sie Puls, Sauerstoffsättigung, Blutdruck und Blutverlust. Sind die Werte nicht so, wie sie sein sollten, ist sie es, die Massnahmen ergreift.

Routiniert und geschwind arbeitet sich Knell zur Milz vor. Er schneidet Fett weg, das ihm den Zugang zur Milz versperrt. Er ligiert Blutgefässe, das heisst er verschliesst diese, indem er sie mit elektrischem Strom versengt. Damit verhindert er, dass es nach der Operation zu weiteren inneren Blutungen kommt. Es brutzelt, wenn er mit dem Kauter, dem Gerät, das die elektrischen Impulse ausstösst, auf das Gewebe des Hundes trifft. Es riecht nach verbranntem Fleisch.

Eine gravierende Sache

Jetzt endlich kommt sie zum Vorschein: die Milz. Mit wenigen Schnitten löst sie Knell aus dem Körper des Neufundländers heraus. Wie ein platter, mit Fischhaut überzogener American Football schaut sie aus. Sie glänzt gräulich im gleissenden Licht der Operationslampe.

Jetzt, da die Milz weg ist, ist der Blick frei auf den Magen. Er birgt eine Überraschung: Auch er ist verdreht. Das erstaunt Sebastian Knell, denn eine Magendrehung war in der Voruntersuchung eigentlich ausgeschlossen worden. «Mit einer Magendrehung ist nicht zu spassen. Wird sie nicht behandelt, stirbt das Tier», sagt Knell und rückt den Magen wieder in die richtige Position. «Der Hund erlitt eine Blutvergiftung und einen Volumen-Magenschock», führt er aus. «Die Durchblutung des Körpers und das Funktionieren der Verdauung sind nicht mehr gewährleistet.» Auch drückt ein verdrehter Magen auf andere Organe und schädigt sie damit. Kurzum: Ein verdrehter Magen ist eine gravierende Sache.

Ein gewöhnliches Hundeleben ohne Milz

Es ist für ahnungslose Aussenstehende beeindruckend zu sehen, mit welcher Ruhe die Tierärztinnen und Tierärzte zu Werk gehen. Mitten in der Behandlung erwacht der Hund; die Dosis des Narkotikums war wohl etwas zu tief angesetzt. Hektik kommt deswegen aber keine auf. Die Anästhesistin verabreicht ihm neues Narkotikum, und die Behandlung wird fortgesetzt. Ist der Blutdruck zu tief, verabreicht sie dem Hund gefässerweiternde Medikamente und führt ihm Flüssigkeit zu. Verliert er zu viel Blut, setzt sie ihm eine Bluttransfusion. Aus der Ruhe bringt sie nichts.

Der Magen wird an die Bauchinnenwand genäht.

Das gilt auch für den Chirurgen. Mittlerweile hat er den neu justierten Magen an die Bauchwand des Hundes angenäht. Das ist nötig, denn: «Ein einmal verdrehter Magen dreht sich immer wieder aufs Neue. Daher muss er am Bauch fixiert werden.» Knell näht mit acht bis zehn Stichen; als Faden dient ein Zuckermolekül, das sich innert zwei bis drei Monaten selbst abbaut.

Der Bauch des Neufundländers kann nun wieder geschlossen werden. Knell stellt ihm eine gute Prognose. Mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit könne er weiterhin ein ganz gewöhnliches Hundeleben führen, so seine Einschätzung. Einfach ohne Milz – und mit einem Magen, der mit seiner Bauchinnenwand vernäht ist.

Besorgte Tierhalterinnen und Tierhalter

Die Arbeit als Tierärztin in der Kleintierklinik sei manchmal mit jener eines Kinderarztes vergleichbar, erklärt Kümmerle. «Tiere ähneln Kindern insofern, als dass sie keine rationalen Wesen sind. Einer Katze zu sagen, sie solle kurz die Luft anhalten oder einen Hund dazu auffordern, sich auf die Seite zu drehen, ist zwecklos.» Darin liegt der Grund, weshalb am Tierspital viel mit Anästhetika gearbeitet wird. Selbst wenn die Anfertigung eines Computer-Tomographie-Scans eigentlich nur 30 bis 45 Sekunden in Anspruch nehmen würde, muss das Tier dazu betäubt werden. Der Stress, durch eine Röhre gefahren zu werden, wäre für das Tier schlicht zu gross.

Claudia Kümmerle, Tierärztin

Noch aus einem anderen Grund fühlt sich Kümmerle manchmal mehr als Kinder- denn als Tierärztin. Oft seien die Tiere das Ein und Alles der Halterinnen und Halter. «Entsprechend aufgeregt und gestresst sind die Tierhalterinnen und Tierhalter dann, wenn ihrem Liebling etwas fehlt.» Das mache die Arbeit anspruchsvoll – nicht hauptsächlich der Tiere, sondern ihrer Besitzer wegen, meint Kümmerle schmunzelnd.

Die Halbgötter in Weiss für Tiere

Ein ereignisreicher Tag in der Kleintierklinik geht zu Ende. Ein Tag, der eindrücklich aufgezeigt hat, in welchem Spannungsfeld die Tierärztinnen und Tierärzte sich bewegen. Sie arbeiteten an Lebewesen, die weitestgehend hilflos sind und sich keine Begriffe von Medizin machen. Sie haben sie geröntgt, betäubt, bestrahlt und operiert. Haben ihnen Spritzen gesetzt und Medikamente verschrieben.

Gleichzeitig arbeiten sie mit Halterinnen und Haltern zusammen, die sehr genaue Vorstellungen davon haben, was für ihre Katze, ihren Hund oder ihren Goldhamster das Beste ist. Menschen, die bereit sind, für Tiere tief in die Tasche zu greifen.

Das Wartezimmer am Empfang leert sich langsam: Die Anzahl Tiertransportkörbe auf Boden und Schössen hat abgenommen. Vereinzelt ist noch ein jammerndes Miauen oder ein herzerweichendes Winseln zu hören. Auch ihnen werden sie helfen, indem sie sie behandeln: die Halbgötter in Weiss für Tiere.

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