Es gibt immer einen Grund, etwas aufzuschieben. (Illustration: Kevin Solioz)

Morgen muss ich wirklich …

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Arbeiten aufschieben, Deadlines verpassen und immer im Stress. Eine Professorin erklärt das Phänomen Prokrastination.

Am Ende des Tages, an dem man endlich die Arbeit schreiben wollte, sieht es meistens so aus: Entweder ist man geschafft, weil man es schaffte, das nötige Pensum abzuarbeiten. Oder unter Stress und unkonzentriert, weil man sich einredet, alles noch in der Nacht bewältigen zu können. Letzteres kann zwei Gründe haben: Entweder hat man sich wirklich zu viel vorgenommen, oder man hat einfach nichts gemacht, prokrastiniert also.

Negativspirale

Dr. Fuschia Sirois widmet sich der Erforschung von chronischer Prokrastination und hielt kürzlich einen Vortrag dazu an der UZH. Ihr zufolge ist dieses Phänomen bei Studierenden stark verbreitet: 80–95 Prozent geben an, Arbeiten aufzuschieben. Prokrastinieren, das ist das willentliche Aufschieben einer Aufgabe, obwohl man sich der negativen Konsequenzen bewusst ist. Man tut es dann, wenn die Aufgabe negative Gefühle auslöst, frustrierend oder sinnlos ist. Aufgrund dieser Frustration ist es plötzlich spannender, Serien zu schauen, anstatt für die Prüfung zu lernen. Kurzfristig fühlt man sich dann besser, aber auf lange Sicht ist es kontraproduktiv. Hält man den Zeitplan nicht ein, wird der Stress nur grösser, und nicht selten wird die eigene Stimmung zusätzlich durch Selbstvorwürfe verschlechtert. Kurzum, die innere Aversion verstärkt sich sogar und die Verlockung, zu prokrastinieren wächst. Es ist eine Negativspirale, die wir alle kennen.

Chronisch wird dieses Verhalten, wenn es sich auf alle Lebensbereiche erstreckt, was ernsthafte Folgen haben kann. Zum einen drohen psychische Probleme und Stress, zum anderen fand Sirois heraus, dass Prokrastinierende schlechtere Noten haben und tendenziell eher schummeln. Oft hört man von jenen, die behaupten, unter Zeitdruck am produktivsten zu sein. Aber die Frage, ob es auch gute Arten der Prokrastination gibt, verneint Sirois klar.

Dürfen statt Müssen

Es gibt unzählige Tipps, um Prokrastination zu vermeiden, die meisten beinhalten extensives Listenerstellen, was eher der Prokrastination zudient, anstatt Abhilfe zu schaffen. Nützlichere Tipps raten dazu, den Ursachen auf den Grund zu gehen, also den negativen Gefühlen, die mit der Arbeit verbunden sind und einen davon abhalten.

Essays, Diskussionspapiere, Prüfungen und Referate – allzu oft macht man es nur, weil man muss. Und wenn nicht einmal die Dozierenden das Essay über das politische System in Indonesien lesen, wie sinnvoll kann das überhaupt sein? Und trotzdem fürchtet man sich insgeheim vor einer schlechten Note. Das alles erzeugt negative Assoziationen, die zu Prokrastination führen. Das ständig präsente Pflichtgefühl gegenüber der Uni, dieses Müssen und der Zeitdruck verleiten einen tendenziell zum Prokrastinieren.

Dabei muss ich nicht studieren, ich darf. Ich durfte auch meine Studienfächer frei wählen und dürfte auch noch immer wechseln. Und wenn das Studium gar keine Freude bereitet, sollte man auch den Mut aufbringen, zu wechseln. Und dann könnte man dieses geisselnde Müssen durch ein motivierendes Dürfen ersetzen, es ist ja bekanntlich alles nur im eigenen Kopf. Und so wagte ich einen kleinen experimentellen Feldversuch an mir selbst und probierte, mein Denken zu ändern. Versuchte, den Sinn hinter den Essays zu entdecken und mich daran zu erinnern, dass es eigentlich ganz interessant ist. Fazit nach zwei Wochen: Es nützt tatsächlich. Ein wenig. ◊

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