(Bild: zVg)

Musik gewordenes Karamell

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Das Cover von «Overflow» zeigt die Musikerin vor schwarzem Hintergrund im Profil. Das bild ist in dunklen Tönen gehalten, das Haar der Sängerin tiefblau wie der Nachthimmel.  Sie hat die Augen geschlossen, als würde sie schlafen. Oder vielleicht ist es eine erschöpfte Frau, die von allem genug hat. Eine Frau, die vom «Overflow», dem Überlauf, geschwächt ist.

Die Farben, der Gesichtsausdruck – die Bildsprache des neuen Albums von Georgia Anne Muldrow ist vielversprechend. Sie lässt auf neue finstere Klänge hoffen, die das letzte Album ausgezeichnet hatten. Sie verweist aber auch auf die unaufgeregte Souveränität, die Muldrow in all ihren Produktionen an den Tag legt.

Dunkel ist er auf jeden Fall geworden, Muldrows neuster Streich. Aber von Schlafen und Erschöpfung ist in den 13 Stücken fast gar nichts zu spüren. Die Songs sind poppig und originell gehalten. Die vielgelobte Stimme geht mühelos hoch und runter. Die Stimmung wechselt zwischen den bekannten, hip-hop-lastigen Beats und Arrangements, die süss und zähflüssig daherkommen wie Musik gewordenes Karamell.Georgia Anne Muldrow ist in der Welt des Rhythm and Blues bestens verankert, ohne dass ihr Horizont sich dabei allzu sehr verengt hätte. Sie hat mit der Rap-Grösse Yasiin Bey (der sich vorher Mos Def nannte) genauso zusammengearbeitet wie mit Erykah Badu, der Grande Dame des modernen Souls. Und daher dürfte die Abwechslung auf «Overflow» kommen. Muldrow weiss mit Einflüssen von überallher zu spielen und sie zu einem originellen Neuen zu verweben.

So passt bei Muldrow ein funkiges Stück wie «These Are The Things I really Like About You» wunderbar zu «Bobbie’s Dittie», das drei Nummer später dahergetrommelt kommt. «Play It Up» schlägt zu Beginn der Scheibe elektronische Töne an, die in «Aerosol» wieder aufgegriffen werden und schliesslich in «Canadian Hillbilly» zu einem Höhepunkt kommen. Die elektronischen Arrangements stellen die grösste Neuerung des neuen Werks von Georgia Anne Muldrow dar. Sie gehen auf Kosten der Rappeinlagen, die auf früheren Alben beigeistert hatten. Das mag manche enttäuschen, kommt aber nicht von ungefähr: «Overflow» ist das erste Album der Amerikanerin, das auf dem Label Brainfeeder erscheint. Das Label ist die Spielwiese des Elektro-Exzentrikers Flying Lotus. Dieser ist der Grossneffe von John Coltrane und hatte auf seinem Album «Until The Quiet Comes» ein Featuring mit Erykah Badu. Das ist seine Verbindung zum Soul, und er wiederum ist Muldrows Link zur elektronischen Szene. Dass in der Produktion der 13 Musikstücke alles zusammenpasst, ist der Scheibe anzuhören. «Overflow» ist ein durchdachtes und harmonisches Album geworde – mit allen Implikationen. So wird die neue Produktion kaum als aufregendste des Jahres in Erinnerung bleiben, auch wenn es kaum etwas zu meckern gibt.

«Overflow» bedeutet Überlauf. Das Album ist zwar randvoll mit unterschiedlichen Stilen, Instrumenten und Anspielungen. Muldrow beweist durchaus Flexibilität, was Formen und Stimmungen angeht. «Overflow» schwappt aber nie über. Denn bei der Musikerin wirkt nichts zufällig, ihr Stil ist flexibel, aber nicht elastisch. Muldrows neues Album ist das Produkt einer kontinuierlichen Entwicklung der Musikerin. Dementsprechend modern ist die Platte geworden. Das wird all jenen gefallen, die sich mit minimalistischen Stimmungscollagen anfreunden können. Wer sich eine Fortsetzung der schweren, pumpenden Rhythmen des letzten Albums «A Thoughiverse Unmarred» wünscht, wird von «Overflow» enttäuscht sein.

«Overflow» von Georgia Anne Muldrow ist am 26. Oktober bei Brainfeeder erschienen.

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