Die Grossstadt Berlin ist Menschen aus Zürich zu Beginn nicht ganz geheuer (Illustration: Kevin Solioz).

Mythos Berlin

in Campus von

In Berlin wimmelt es von Zürcherinnen und Zürchern. Wieso schwärmen wir in die Bundeshauptstadt wie Motten zum Licht?

Zürich: Das wohlbehütete Nest, alles funktioniert reibungslos, ist sauber, sicher, schnell erreichbar, und trotz grossstädtischer Allüren auch irgendwie traditionsbewusst und herzig. Dennoch gibt es etwas, was viele Zürcherinnen und Zürcher dazu bewegt, den Sprung ins  drohende Unbekannte zu wagen. Denn wer in Berlin ankommt, ist erstaunt: Es wimmelt geradezu von uns! Es ist merkwürdig, denn auf den ersten Blick muss dem Zürcher Auge in Berlin eigentlich alles etwas schlechter erscheinen.

Verlorenheit

Da wären zum Beispiel die Distanzen: Du willst schnell deinen Freund besuchen? Vergiss es. Nach dem Gang zur U-Bahn, und dreimaligem Umsteigen sind mindestens 40 Minuten vergangen.

Die Folge davon ist ein Gefühl der Verlorenheit. Denn wer in Zürich lebt, ist sich gewohnt, das ganze Nachtleben überblicken zu können. Dazu braucht man nur am Freitagabend der Langstrasse entlang zu gehen – wobei man in Zürich meistens noch auf mindestens zehn Bekannte trifft – und die grosse Party ist unmöglich zu verpassen. Anders in Berlin. Vergeblich sucht man hier das Zentrum, den Ort, wo alles passiert. Wo zum Teufel ist hier die Langstrasse?! Hier wird man verfolgt vom ständigen Gefühl, immer an der falschen Ecke der Stadt zu sein, immer das Beste gerade zu verpassen.

Müll und Sprache

Dazu kommt der Dreck und das Chaos. Matratzen, Drucker, Toiletten, alles landet auf dem Trottoir. Aus den Möbelkadavern, die hier vergammeln, liessen sich dutzende Wohnungen möblieren. Ähnlich chaotisch ist der Verkehr. Während man in Zürich auf keinem einzigen Quadratmeter sein Auto ungestraft stehen lassen kann, erklären die Berliner kurzerhand eine Fahrspur zum Parkplatz. Wieso auch nicht?

Und dann wäre da die Sprache. Während wir in Zürich gerne mal über Deutsche lächeln, wenn sie ein «Grüezi» versuchen, hat sich hier der Spiess gewendet. Wer beim rustikalen «Schulhochdeutsch» mit dem rollenden «R» bleibt, muss sich nicht wundern, wenn man verwundert gefragt wird: «Ist das jetzt Schweizerdeutsch? Das verstehe ich ja gar nicht so schlecht!». Früher oder später wird man sich anpassen, um nicht dauernd und vor allem sofort als Schweizer oder Schweizerin erkannt zu werden. Überrascht stellt man fest, es fordert heraus, aber entsprechend gross ist auch das Erfolgsgefühl, wenn der Akzent das erste Mal unerkannt bleibt.

Zieht weg!

Wieso also kommt man hierher? Man kommt nach Berlin, um sich nicht zu ruinieren, wenn man öfter mal auswärts isst. Man kommt, um sich mal in einem fremden Stadtteil zu verirren. Um sich nicht um Waschpläne, Altpapierbündel und Nachtruhe zu kümmern. Um mal ungestylt aus dem Haus zu gehen und sich dabei nicht wie ein Outcast zu fühlen. Und vor allem um zu sehen, dass die Leute hier auch glücklich sind, dass sie sich nicht gegenseitig abmurksen, wenn nicht alle drei Minuten ein Polizeiauto vorbeifährt. Um zu sehen: Es geht auch anders! In Berlin können wir all das entdecken, was wir nie hinterfragt haben oder uns einredeten, nicht zu mögen.

Und deshalb, liebe Zürcherinnen und Zürcher: Macht weiter so! Zieht weg! Nach Berlin oder auch in irgend eine andere Grossstadt. Und wer sich nicht getraut, dem sei gesagt: Keine Angst, man ist schnell genug wieder zuhause, in der besten Stadt der Welt.

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