Nachgefragt #3/20

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Nachgefragt — Frau Straumann, gibt es heutzutage noch Diven?

Die Diva ist ein Unfall im Starsystem. Diven wie Marilyn Monroe oder Elvis Presley sind medial erzeugte Kunstfiguren und besitzen einen glamourösen Starkörper. Gleichzeitig zeichnet die Diva ein unkalkulierbarer Überschuss aus: etwas Göttliches, zugleich aber auch Fragiles und Gefährdetes. Ihr einzigartiges Charisma ist untrennbar mit ihrer existenziellen Versehrtheit verknüpft. Die Diva entführt ihr Publikum mit ihren Auftritten in überirdische Sphären, während ihre Darbietungen von den schmerzhaften Erfahrungen ihrer eigenen Lebensgeschichte genährt werden. Die Bewunderung ihres Publikums ist mit ihrer Wunde eng verbunden.

Während die Selbstverausgabung der Diva ihre Berühmtheit auszeichnet, wirkt unsere zeitgenössische Celebrity-Culture austauschbar. Seit dem Aufkommen der Massenmedien gibt es Celebrities, die allein dafür berühmt sind, berühmt zu sein. Mediale Formate wie Reality-TV und soziale Medien machen Berühmtheiten vermeintlich nahbar und gewöhnlich. Twitter und andere Apps erlauben eine vorgeblich unmittelbare Interaktion zwischen Stars und Fans. Normalsterbliche inszenieren sich auf YouTube und anderen Internetplattformen mit dem Ziel, Berühmtheit zu erlangen.

Tatsächlich sind wir Andy Warhols Prophezeiung, dass in Zukunft jede Person für 15 Minuten berühmt sein werde, näher denn je zuvor. Die unsterbliche Diva hingegen überlebt in unserer sehnsüchtigen Verehrung und nostalgischen Erinnerung.

Barbara Straumann ist Assistenzprofessorin am Englischen Seminar der Universität Zürich.

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